Bei "Hexenschuss"-Schmerzen hilft Bewegung: Ischias - der notorische Plagegeist
zuletzt aktualisiert: 25.09.2010 - 15:30Aachen (RP). Die als "Hexenschuss" bekannten Ischias-Schmerzen lassen sich gut mit Bewegung behandeln. Bei der richtigen Therapie sind sie normalerweise innerhalb weniger Wochen verschwunden. Manchmal allerdings verbergen sich ernste Ursachen wie ein Bandscheibenvorfall dahinter.
Monika Özman selbst hat die Beschwerden noch nicht gehabt, doch sie kennt den Ischiasschmerz inzwischen so gut, dass sie ihn manchem ihrer Patienten bereits ansieht, sobald er das Arztzimmer betritt. „Wenn jemand mit einer schiefen Körperhaltung und der Hand am Rücken hereinkommt, weiß ich häufig schon, worum es geht“, sagt Özman, Fachärztin für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Aachen.
Das folgende Gespräch verläuft dann meist wie erwartet: Der Patient klagt über plötzlich einsetzende Schmerzen, ziehende Schmerzen, die sich über das Gesäß oder die Leiste bis ins Bein hinab erstrecken, gelegentlich sogar bis in die Zehen. Ist der Schmerz stechend und brennend? Ja, und er komme manchmal ganz plötzlich, wie ein Stromstoß. Betrifft er nur ein Bein? Nur eine Seite sei betroffen, die linke. Kommt es beim Husten, Niesen oder Pressen zu einer Schmerzzunahme? Ja, sogar beim Lachen tue es häufig weh.
Der Schmerz kommt ganz plötzlich, wie ein Stromstoß
Während der körperlichen Untersuchung verschafft sich Özman dann mit verschiedenen Bewegungs- und Sensibilitätstests Gewissheit. Der Nervus ischiadicus ist der längste Nerv unseres Körpers. Seine Wurzeln liegen in der Wirbelsäule, in ihrem unteren Teil tritt er aus dem Rückenmark heraus und zieht über das Gesäß und die Hüfte an jedem Bein hinunter. Über dem Knie teilt und verzweigt er sich, die Verästelungen reichen bis in die Füße hinein. Dank des Ischiasnervs können wir in und an unseren Beinen erst vieles fühlen, auch steuert er dort einige wichtige Muskeln – ohne diesen Nerv könnten wir nicht einmal laufen.
Dementsprechend groß sind allerdings auch die Beschwerden, die der Ischiasnerv verursachen kann. Unter „Hexenschuss“ sind die charakteristischen Schmerzen am unteren Rückenbereich weitläufig bekannt, als Lumbago, Lumbo-Ischialgie oder radikuläre Kreuzschmerzen werden sie in der medizinischen Fachsprache bezeichnet. Wer daran leidet, kann sich manchmal kaum noch bewegen. „Der Schmerz strahlt oft ins Bein aus, das eigentliche Problem aber liegt normalerweise im unteren Rückenbereich“, sagt Özman.
Häufig drückt eine vorgewölbte oder gar verrutschte Bandscheibe auf eine oder mehrere Wurzeln des mächtigen Nervs; auch Muskelverspannungen können den Ischias unter Druck setzen. Die Folge: Schmerzen, Missempfindungen und Taubheitsgefühle in Gesäß und Bein. „Verantwortlich sind meist Fehlbelastungen wie längeres Sitzen, Heben oder Tragen schwerer Lasten“, sagt Özman. Wichtig sei es dann, den Patienten zu körperlicher Aktivität zu ermutigen, was sich manchmal als Herausforderung erweise: „Natürlich würden viele Betroffene lieber Bettruhe verordnet bekommen, schließlich ist die körperliche Bewegung bei Ischias- Schmerz meist auch mit Schmerzen und Anstrengung verbunden“, so die Allgemeinmedizinerin.
Doch Bettruhe lindere zwar die Symptome, verzögere dabei aber nur die Gesundung. Allenfalls bei akuten, besonders starken Schmerzen sei sie angezeigt. Sonst, sagt Özman, sei Bewegung der richtige Weg zu einer zügigen Besserung der Beschwerden. Wenn es sein muss, schickt sie die Patienten dafür auch zu einem Krankengymnasten, damit er ihnen entsprechende Übungen zeigt.
Um ihren Patienten – die meisten an Ischias-Schmerzen erkrankten Patienten sind zwischen 45 und 65 Jahre alt – die Anstrengungen ein Stück zu erleichtern, verschreibt Özman ihnen vorübergehend Schmerzmittel und muskelentspannende Medikamente. „Damit lassen sich auch die Einschränkungen im Alltag in Grenzen halten“, sagt Özman. Ebenso seien lokale Wärmeanwendungen wie Fangopackungen und Massagen hilfreich, um die Muskulatur zu entspannen.
Vorübergehend verschreibt der Arzt ein Mittel zur Linderung der Schmerzen
„Normalerweise sind die Beschwerden harmlos und klingen mit diesen Maßnahmen schnell wieder ab“, sagt Özman. Ob und wie lange man als Betroffener zu Hause bleiben kann, liegt im Ermessen des Arztes. Länger als eine Woche wird in der Regel niemand krankgeschrieben. „Zwei oder drei Tage reichen normalerweise aus“, sagt die Ärztin.
Doch spätestens, wenn die Beschwerden nach ein paar Wochen immer noch bestehen, müssten sie weiter und genauer abgeklärt werden. Auch wenn sie schon am Anfang, bei der Untersuchung des Patienten, Lähmungserscheinungen findet oder klar eingrenzbare Taubheitsgefühle, ist Özman alarmiert. In solchen Fällen wird zunächst eine Magnetresonanztomografie (MRT, auch Kernspintomografie genannt) der Wirbelsäule in die Wege geleitet. Sie bringt Aufschluss darüber, ob womöglich ein schwererer Bandscheibenvorfall für die Schmerzen verantwortlich ist. Denn der muss stärker und intensiver behandelt werden, da er in der Regel von selbst nicht verschwindet. Im Gegenteil: Die Bandscheibe kann im weiteren Verlauf auch andere Nerven lähmen. Diejenigen etwa, die für die Schließmuskeln von Blase und Darm zuständig sind. Das, sagt Özman, sei aber extrem selten.
Meist hingegen empfängt sie ihre Patienten mit Ischias-Schmerz nach wenigen Wochen wieder im Arztzimmer zur Kontrolle. Besonders bei denjenigen, die sich regelmäßig bewegt haben, sieht Özman schon an ihrer Haltung, wenn sie zur Tür hereinkommen, dass sich die Beschwerden deutlich gebessert haben.
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