Trotz Prävention: Aids hat den Schrecken verloren
VON NILS DIETRICH - zuletzt aktualisiert: 15.04.2009 - 14:02Düsseldorf (RPO). Die Verhaftung der angeblich HIV-infizierten No Angels-Sängerin Nadja Benaissa schlägt weiterhin hohe Wellen. Verbände kritisieren das Vorgehen der Justiz und fordern ein Umdenken in der Gesellschaft. Denn Aids hat seinen Schrecken in den letzten Jahren verloren - trotzdem ist die Prävention in Deutschland erfolgreich.
"Nadja Benaissa sollte so schnell wie möglich freigelassen werden. Ihre Verhaftung ist nach Einschätzung der uns bisher vorliegenden Informationen eine unverhältnismäßige Aktion der hessischen Justiz", sagt Marianne Rademacher, Frauenreferentin der Deutschen Aids-Hilfe. Viele Verbände und Organisationen, die um HIV-Prävention bemüht sind, regen sich über das Vorgehen der Behörden auf. "Wie lange soll sie denn nun eingesperrt werden?", fragt Yvonne Hochtritt von der Aids-Hilfe in Düsseldorf. Die einseitige Stigmatisierung der Sängerin ist nicht nur ihr ein Dorn im Auge.
"Jeder trägt für sich die Verantwortung, ob positiv oder negativ", lautet Hochtritts einfaches wie sicheres Credo. "Wenn sich jeder schützt, ist man immer auf der sicheren Seite. Die Justiz ist da kein Hilfsmittel. " Trotzdem hat die Anzahl der Verurteilungen im Zusammenhang mit HIV-Infektionen zugenommen. Allerdings ist nur eine Person, die weiß, dass sie infiziert ist, juristisch belangbar.
Aids in Deutschland
In Deutschland leben derzeit rund 63.500 Infizierte, bei 10.500 von ihnen ist die Krankheit ausgebrochen. Zwar verlängert sich die Lebensdauer der Aids-Kranken hierzulande dank wirksamer Medikamente zunehmend, doch die Zahl der Neuinfektionen steigt: Rund 3.000 Menschen infizierten sich im Jahr 2008 neu, 2007 waren es knapp 2.800. Das durchschnittliche Sterbealter von Aids-Kranken lag 2007 bei 50,0 Jahren.
Allerdings muss eine Verantwortung auch nachgewiesen werden, was äußerst kompliziert sein kann. "Sie müssen in diesem Fall eine intime Situation, bei der in der Regel nur zwei Personen zugegen sind, aufbröseln", erklärt Marco Grube von der Aids-Hilfe in Düsseldorf. Im Zweifelsfall stehe Aussage gegen Aussage, eine Kenntnis von der Erkrankung muss nachgewiesen werden. Medizinisch ist es zudem nur in einem beschränkten Umfang möglich, Zeitpunkt und Art der Infektion festzustellen.
Verheerende Signalwirkung
Die Aids-Verbände fürchten abseits der juristischen Details durch den Fall Benaissa eine verheerende Signalwirkung. "Die öffentlichkeitswirksame Bestrafung von Menschen mit HIV/Aids kann aber leicht die Illusion entstehen lassen, der Staat habe das Problem unter Kontrolle, und so Personen dazu veranlassen, ihr Schutzverhalten (Safer Sex) zu vernachlässigen. Strafrechtliche Prozesse haben in solchen Fällen keine abschreckende Wirkung", heißt es in einer Stellungnahme der Deutschen Aids-Hilfe.
Auch die Krankheit an sich scheint ihren Schrecken verloren zu haben, wie Hochtritt bestätigt. Inzwischen können moderne Medikamente das Ausbrechen von Aids deutlich hinauszögern und die Lebensqualität der Betroffenen steigern. "Früher hatten alle Angst", ist Hochtritts Erfahrung. Auch Marita Völker-Albert von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bemerkt einen anderen öffentlichen Umgang mit der Krankheit: "Aids ist nicht mehr das Thema wie in den 80ern."
Trotzdem ist das Fazit der Präventionsarbeit durchweg positiv. Die jährlich von der BZgA durchgeführten Repräsentativuntersuchung "Aids im öffentlichen Bewusstsein" kam zu dem Ergebnis, dass im Jahr 2007 63 Prozent der Befragten mit wechselnden Sexualpartnern immer oder häufig Kondome benutzten. Dieser Anteil lag zu Beginn der Aidsaufklärung im Jahr 1988 noch bei 23 Prozent. Bei den 16- bis 20-Jährigen mit Sexualkontakten nutzen inzwischen 66 Prozent immer oder häufig Kondome, 1988 waren es noch 34 Prozent.
"Schutzverhalten auf hohem Niveau"
"Gerade die Jugendlichen werden als zu sorglos vorverurteilt", sagt Völker-Albert. Dies sei aber nicht der Fall, was immerhin 209 Millionen in Deutschland verkaufte Kondome unter Beweis stellen. Und: "Deutschland hat in Westeuropa die zweitniedrigste Neuinfektionsrate nach Andorra. Das Schutzverhalten ist hierzulande auf einem hohen Niveau."
Trotzdem steigen die registrierten Neuinfektionen leicht an (siehe Infokasten). Das hat vor allem einen statistischen Effekt, denn immer mehr Menschen lassen sich auf HIV testen. "So kommen immer mehr Altfälle ans Licht", erklärt die Expertin. Außerdem steige die Chance, auf einen anderen Infizierten zu treffen, mit der längeren Lebensdauer an. Einen Grund zur Entwarnung gibt es trotz der augenscheinlichen Erfolge nicht.
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