Plaque im Gehirn: Alzheimer: Hirnzellen im Untergangstaumel
VON JÖRG ZITTLAU UND MARTINA STÖCKER - zuletzt aktualisiert: 30.08.2010 - 12:36Düsseldorf (RP). Wie heißen Sie? „Auguste.“ Familienname? „Auguste.“ Wie heißt Ihr Mann? „Ich glaube Auguste.“ Mit diesem Dialog beginnt 1901 ein Stück Medizingeschichte. Der Münchner Psychiater Alois Alzheimer befragt zum ersten Mal seine Patientin Auguste D. Sie trägt die Anzeichen der Krankheit, die später nach dem Mediziner benannt werden wird.
Auguste D. ist Tage zuvor in die Frankfurter Klinik eingeliefert worden, in der der Arzt seit 1888 arbeitet. Die damals 51-Jährige leidet an Gedächtnisverlust. Manchmal schreit sie stundenlang, dann wieder sitzt sie apathisch auf ihrem Bett. Auf Fragen antwortet sie zusammenhanglos. An Einzelheiten ihres Lebens erinnert sie sich kaum. In einem klaren Moment erklärt sie: „Ich habe mich sozusagen verloren.“
Fasziniert von Patientin
Der Mediziner ist von seiner Patientin fasziniert. Der Gedächtnisverlust der noch relativ jungen Frau ist ihm ein Rätsel. Am 8. April 1906 stirbt Auguste D. in der „Anstalt für Irre und Epileptische“ in Frankfurt „total verblödet“, wie Alzheimer notiert, an den Folgen einer Blutvergiftung. Er untersucht ihr Gehirn und entdeckt Eiweißablagerungen in der gesamten Hirnrinde und viele tote Nervenzellen - und damit den wichtigsten Mechanismus der Krankheit: Die Ablagerungen führen zum Tod der Nervenzellen. Ein halbes Jahr später stellt Alzheimer seinen Befund vor mit dem Titel „Über eine eigenartige Erkrankung der Hirnrinde“.
Literatur
„Das Wichtigste über die Alzheimer-Krankheit“, kostenlos beziehbar über die Deutsche Alzheimer Gesellschaft, Friedrichstraße 236, 10969 Berlin.
„Handbuch zur Betreuung und Pflege von Alzheimer-Patienten“, herausgegeben von Alzheimer Europe, Thieme Verlag, 2005; 12,95 Euro
„Alzheimer: Was tun, wenn die Krankheit beginnt?“ von M. Niemann-Mirehdi, R. Mahlberg, Trias Verlag, 2003; 14,95 Euro
„Gute Nacht, Liebster“ von Katrin Hummel, Bastei Lübbe Verlag, 10 Euro
„Sind Sie meine Tochter?“ von Gabriela Zander-Schneider, rororo-Verlag; 8,90 Euro
Schon Alois Alzheimer vermutete, dass die nach ihm benannte Hirnerkrankung durch Ablagerungen verklumpter Eiweiße ausgelöst wird. Das ist mittlerweile ein Jahrhundert her, doch prinzipiell gilt dieses Erklärungsmodell bis heute. Die Eiweißklumpen sind mittlerweile als so genannte Amyloid-Plaques identifiziert. Sie behindern die Reizübertragung zwischen den Hirnzellen, die dadurch zunehmend an Funktionstüchtigkeit verlieren und schließlich absterben: Es kommt zur berüchtigten Hirnatrophie.
Plaque-Bildung im Gehirn
Hinzu kommt, dass durch die Plaque-Bildung die Balance der Hirnbotenstoffe verschoben wird. In der Folge treten Funktionsstörungen auf, und das Tempo des Hirnzellenuntergangs nimmt deutlich Fahrt auf. Zahlreiche Faktoren bestimmen, ob und in welchem Umfang die Amyloid-Plaques ausgebildet werden. Einer von ihnen ist das Alter. Während im Alter von 60 Jahren nur etwa jeder Zehnte die Ablagerungen in seinem Hirn hat, liegt die Quote bei den 80-Jährigen schon bei 60 Prozent.
Aber diese Entwicklung ist keinesfalls zwangsläufig. Vor kurzem obduzierten holländische Wissenschaftler eine Frau, die mit 115 Jahren gestorben war - ihr Gehirn war beinahe frei von Amyloid-Ablagerungen. Ab einer Plaque-Dichte von 200 pro Kubikmillimeter Frontalhirnmasse kommt es in der Regel zur Demenz. Auch genetische Faktoren beeinflussen das Plaque-Geschehen im Hirn. Down-Patienten leiden oft schon vor dem 40. Lebensjahr an Alzheimer, und wer viele Demenzkranke in der Familiengeschichte hat, dessen Hirn ist ebenfalls anfälliger für Amyloid-Ablagerungen.
Durchblutungsstörungen
Ein weiterer Risikofaktor sind Durchblutungsstörungen. Sie führen bei den Hirnzellen zu Sauerstoffmangel, die daraufhin unter Stress geraten und ein Enzym namens BACE1 ausschütten. Dadurch erhalten sie sich zwar kurzfristig ihre Leistungsfähigkeit, doch langfristig initiiert das Enzym die Bildung von Amyloid-Ablagerungen. Generell wird ein Gehirn umso schlechter durchblutet, je weniger es arbeiten muss - weswegen umgekehrt geistige Aktivitäten bis ins hohe Alter einen wirksamen Schutz vor Alzheimer-Demenz aufbauen.
Britische Wissenschaftler entdeckten kürzlich, dass etwa 90 Prozent der senilen Hirn-Plaques mit Herpes-Simplex-Viren infiziert sind. Von Laborexperimenten weiß man schon länger, dass die Erreger der „Fieberbläschen“ das Gehirn daran hindern, Amyloide abzubauen. Es spricht also vieles dafür, dass bei der Entstehung von Alzheimer auch Viren eine Rolle spielen.
Unheilbar
Doch wenn die Plaques im Hirn erst einmal da sind, verschwinden sie nicht mehr. Alzheimer gilt als unheilbar, und das Fortschreiten der Erkrankung lässt sich allenfalls im Anfangsstadium verlangsamen.
Hilfe Unter der Telefonnummer 01803- 88 33 55 (täglich von 9 bis 12 Uhr besetzt) bietet der Landesverband der Alzheimer Gesellschaften NRW e.V. Hilfe für Betroffene, Angehörige sowie ehrenamtlich Engagierte. Die Hotline ist eine erste Anlaufstelle für Fragen nach Angehörigengruppen in Wohnortnähe und zu lokalen Alzheimer Gesellschaften. Landesverband der Alzheimer Gesellschaften NRW e.V., Bergische Landstraße 2, Düsseldorf, Tel. 0211/24 08 69-10; www.alzheimer-nrw.de Düsseldorf & Kreis Mettmann Tel. 0211/280 17 59 Mönchengladbach, Tel. 02131/22 21 10 Duisburg, Tel. 0203/309 51 04 Niederrhein, Tel. 02841/10 01 79
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