40 Jahre Stammzellentherapie: Die Chance auf ein neues Leben
VON TANJA WALTER - zuletzt aktualisiert: 02.06.2011 - 11:45 Düsseldorf/Tübingen (RPO). Jede Stunde erkrankt in Deutschland ein Mensch an Leukämie. Diese Diagnose verändert ein Leben. Im Kampf um das Überleben ist jedoch viel erreicht worden: Vor 40 Jahren wurde erstmals ein Mensch mit Stammzellen geheilt. Für viele ist die Transplantation von Blutstammzellen oder Knochenmark die einzige Chance weiterleben zu können. Ohne freiwillige Spender gibt es keine Hoffnung.
In Deutschland erkranken nach Angaben der Knochenmarkspenderdatei des Universitätsklinikums Düsseldorf jährlich etwa 8000 Menschen an Leukämie oder anderen bösartigen Blutkrankheiten. Einigen können moderne Hochleistungsmedikamente helfen. Doch nicht für alle ist eine Chemotherapie oder Bestrahlung der Weg zurück ins Leben. Für einige ist eine Stammzellentherapie die letzte Hoffnung. Allerdings lässt sich nur für jeden zweiten bis dritten Patienten rechtzeitig ein passender Stammzellspender finden. Weltweit werben Organisationen, Familien, Kliniken und Spenderdateien dafür, sich als Spender zur Verfügung zu stellen. Mit wenig Aufwand und ohne Gefahr für die eigene Gesundheit kann man zum "Lebensspender" werden, wie die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) informiert.
Pro Tag können mindestens zehn Spender durch die DKMS vermittelt werden. Sie ist damit inzwischen weltweit die größte Datei. Über 2,4 Millionen Menschen haben sich dort seit dem Bestehen der gemeinnützigen Gesellschaft in den vergangenen 20 Jahren als Stammzellenspender registrieren lassen. 170.000 freiwillige Spender sind es, die sich bei der Knochenmarkspenderzentrale Düsseldorf gemeldet haben. Als eines der zehn größten Einzelregister der ganzen Welt feiert auch diese Organisation in diesem Jahr denselben runden Geburtstag.
Wie man sich typisieren lassen kann
Die runden Zahlen täuschen nicht darüber hinweg, dass jeder fünfte Patient keinen passenden Spender findet. Dabei gäbe es weltweit fast 14 Millionen potentielle Spender. Das sind alle Menschen, die zwischen 18 und 55 Jahre alt sind, mindestens 50 Kilogramm wiegen und in gesunder körperlicher Verfassung sind. Die Grundgewebemerkmale lassen sich ohne großen Aufwand über einen Wangenabstrich mit einem Wattestäbchen ermitteln. Die dafür notwendigen Utensilien kann man bei einem der Spenderegister anfordern. Es kommt dann auf dem Postweg nach Hause.
Alle Spenderdateien in Deutschland im Überblick:
http://www.zkrd.de/de/adressen
Lesen Sie hier zehn Fakten über Leukämie.
Typisieren lassen kann man sich auch über wenige Milliliter Blut. Beide Methoden sind nach Angaben der DKMS absolut gleichwertig. Für welches Verfahren man sich entscheidet, hängt meist davon ab, ob gerade im Umfeld des Spendewilligen eine öffentliche Typisierungsaktion läuft oder nicht. Denn oft sind es Einzelschicksale aus der Nachbarschaft, der Schulklasse oder dem Kollegenkreis, durch die Menschen auf die Krankheit Leukämie aufmerksam werden.
Heilungsversuch bei Leukämie
Das rückt für kurze Zeit den Scheinwerfer auf Patienten, denen mit den üblichen medikamentösen Behandlungen nicht geholfen werden kann. Die Mengen an Zytostatika, die der Patient gerade noch vertragen kann, reichen dann nicht aus, um alle Leukämiezellen abzutöten. Nach Informationen des Deutschen Krebsforschungszentrums können mit einer wesentlich intensiveren Behandlung die Leukämiezellen und das Knochenmark als Krankheitsherd zwar besser zerstört werden, doch bildet der Körper dann selbst kein Blut mehr und das eigene Immunsystem bricht zusammen. Ohne Gegenmaßnahmen würden die Patienten unweigerlich an den Folgen sterben.
Durch die Knochenmark- oder Blutstammzellentransplantation kann diese Dosisgrenze für Zytostatika überschritten werden. Für die sterbenskranken Patienten ist das die Aussicht auf Heilung. Im Gegensatz zu Organ-Transplantationen, etwa bei Niere, Herz oder Leber, wird hier nicht ein Organ operativ verpflanzt, sondern es werden Zellen übertragen. Dazu ist bei der reinen Blut-Stammzellentransplantation kein operativer Eingriff notwendig.
Hilfe bei Leukämie über Stammzellen
In 80 Prozent der Fälle kann einem Leukämiekranken über diese so genannte "periphere Stammzellenentnahme" geholfen werden. Dazu findet etwa einen Monat vor einer eventuellen Spende eine Vorsorgeuntersuchung des potenziellen Spenders in einer der darauf spezialisierten Kliniken statt. In dieser Klinik wird später auch die Stammzellenentnahme in einer Art Dialyseverfahren stattfinden. "Das ist das Wichtigste: Eine Anamnese, dem Spender Fragen zu stellen, die seine eigene Gesundheit betreffen", betont Prof. Dr. Martin Bornhäuser, Leiter der Stammzellentransplantation am Uniklinikum der TU Dresden. Denn der Spender soll möglichst keinem Risiko ausgesetzt werden.
Es wird eine komplette klinische Untersuchung durchgeführt. Herz und Lunge werden abgehört, der Blutdruck gemessen und jede Menge Laborwerte erhoben. Das dient dem Schutz des Spenders und ist im Vorfeld der Transplantation für den Leukämiekranken lebensnotwendig. Liegen verdeckte Infektionen vor, könnte das sonst lebensbedrohend für denjenigen sein, den man mit der Behandlung eigentlich retten will.
Blutstammzellen werden ambulant entnommen
Kommt eine Stammzellenspende in Frage und willigt der mögliche Spender ein, bekommt er ein Medikament mit nach Hause, das er sich einige Tage lang – ähnlich wie Insulin – spritzen muss. Das so genannte G-CSF sorgt dafür, dass die Stammzellen, die überwiegend im Knochenmark vorkommen, ins fließende Blut ausgespült werden. Dieses Medikament wird nach Auskunft der DKMS seit 1988 in der Medizin angewandt, bei DKMS-Spendern seit 1996. Der Stoff, der hier medikamentös verabreicht wird, wird auch vom Körper selbst produziert, wenn man Infektionen hat. "Er führt dazu, dass die weißen Blutkörperchen im Blut vermehrt sind – das ist eine normale Reaktion des Körpers", erklärt Prof. Dr. Bornhäuser. Es können milde Nebenwirkungen auftreten. "Die gleichen Beschwerden, die der Mensch auch hat, wenn er einen grippalen Infekt hat: Gliederschmerzen und Mattigkeit. Ungefähr bei der Hälfte der Spender treten solche Symptome auf, die mit der Spende sofort wieder abklingen."
Die Stammzellenentnahme läuft über eine Art Dialyse-Gerät. Über einen Zugang in der Vene des einen Arms fließt das Blut des Spenders in einen Zellseparator, in dem die Stammzellen vom restlichen Blut getrennt werden. Über einen zweiten Zugang im anderen Arm fließt das Blut dann in den Körper zurück. Damit ist die Spende abgeschlossen. Um sicher zu stellen, dass es wirklich nicht zu Langzeitfolgen kommt, ist es üblich, die Spender noch über fünf Jahre zu begleiten und zu untersuchen. Bereits über 25.000 Spender haben seit der Gründung der DKMS auf diese Art und Weise neue Lebenschancen geschenkt. Die meisten würden es wieder tun.
Knochenmarkspende mit Mini-OP
Seltener ist eine Knochenmarkspende notwendig, um einem Leukämiekranken mit Stammzellen zu helfen. Die Voruntersuchungen unterscheiden sich nicht von denen der peripheren Stammzellenspende, die Entnahme allerdings ist ein kleiner operativer Eingriff unter Vollnarkose, bei dem durch eine Punktion am Beckenknochen Knochenmark – nicht zu verwechsln mit Rückenmark – entnommen wird. "Bei der Knochenmarkentnahme hat man sich dafür entschieden aus Sicherheitsgründen diese Prozedur stationär im Krankenhaus durchzuführen", erklärt Prof. Dr. Bornhäuser. Nach dem Eingriff kann es zu leichten Schmerzen an der Entnahmestelle kommen. "Abgesehen vom normalen Narkoserisiko ist die Knochenmarkentnahme ungefährlich", betont das Deutsche Krebsforschungszentrum.
Mit nichts zu vergleichen sind die Strapazen und Schmerzen des Menschen, der auf die Stammzellentransplantation wartet. Der Patient wird vor der Transplantation mit Zytostatika und Ganzkörperbestrahlung so intensiv behandelt, dass sein Knochenmark und die Leukämiezellen weitgehend zerstört werden und das Immunsystem unterdrückt wird. Dann werden ihm – als Ersatz für das zerstörte Knochenmark – gesunde Stammzellen der Blutbildung von einem geeigneten Spender transplantiert. Diese Menschen leben wochenlang auf Isolierstationen hinter Schleusen, die Pilze, Viren, Bakterien und jegliche Keime von ihnen fern halten sollen, weil sie eine Todesgefahr für sie bedeuten. Nur für jeden dritten kann innerhalb der eigenen Familie ein Spender gefunden werden. Alle Übrigen sind auf fremde Spender angewiesen.
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