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Uniklinik Düsseldorf Panorama RP
  Foto: RP, Andreas Bretz
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Experten-Interview zur Hygiene-Debatte: "Hände waschen wirkt Wunder"

VON WOLFRAM GOERTZ - zuletzt aktualisiert: 25.08.2010 - 09:02

Düsseldorf (RP). Der Tod dreier Säuglinge in der Mainzer Uni-Klinik hat eine Diskussion ausgelöst. Über das Unglück und die leichtfertige Vergabe von Antibiotika spricht Colin MacKenzie, leitender Oberarzt für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Düsseldorf.

Was geht in einem Mikrobiologen und Krankenhaushygieniker wie Ihnen in diesen Tagen vor, wenn Sie über die Vorgänge in Mainz nachdenken?

Colin MacKenzie Zuerst das in Europa eingetroffene multiresistente Bakterium mit dem NDM-1-Gen, nun der schreckliche Zwischenfall in der Mainzer Uniklinik – das sind zwei Themen, die uns elementar betreffen und berühren. Trotzdem muss man sich hier wie dort – nicht nur als Mediziner und Naturwissenschaftler – erst genau anschauen, was wirklich passiert ist, bevor man ein Strohfeuer anzündet. Das stiftet nur Aufregung, bringt aber niemanden wirklich weiter.

Während dieses Wartens spricht aber schon alle Welt über den Fluch der gefährlichen Keime – und manche Leute haben Angst, in eine Klinik zu gehen, ob gesund oder krank.

MacKenzie Das verstehe ich, aber es sind unbegründete Ängste. Im Krankenhaus kann man für die Hygiene selbst manches tun. Wer zu einem Patienten geht, muss sich vorher die Hände waschen – und auch, wenn er ihn verlässt. Das genügt, und es ist effektiv. Ärzte müssen das eben mehrfach machen. Desinfektion der Hände ist so unglaublich wirkungsvoll, dass man sich nur wundert. Wer sich diese Reinlichkeit antrainiert, profitiert übrigens auch im realen Leben davon. Wir wissen, dass Leute, die sich oft die Hände waschen, deutlich seltener an Infektionen aller Arten erkranken als andere.

Die Pflicht, sich häufiger die Hände zu waschen, betrifft aber vor allem das medizinische Personal in einem Krankenhaus.

MacKenzie Natürlich, und in dieser Hinsicht gibt es auch noch einigen Verbesserungsbedarf. Aber das Problem wird derzeit klar erkannt, das kann man wohl sagen. Man hat nur unterschiedliche Auffassungen über die Umsetzung.

Es ist kurios – auf der einen Seite haben viele Menschen panische Angst vor gefährlichen Erregern, andererseits verhalten sie sich so, dass sie diese Erreger gerade züchten.

MacKenzie Das ist das Problem – die Förderung von Resistenzen durch den unüberlegten und zu häufigen Gebrauch von Antibiotika.

Was passiert da eigentlich genau?

MacKenzie Hat jemand eine leichtere Pneumonie, bekommt er in der Regel ein Breitband-Antibiotikum, das aber auch Bakterien im Darm angreift. Dort greift dann ein Selektionsprozess um sich – und in der Folge entsteht ein resistenter Keim, der gegen ein Antibiotikum sozusagen unempfindlich ist. Es gibt Studien, dass sich diese Resistenzen dort bereits ein Jahr später nachweisen lassen.

Aber man sollte Antibiotika nicht vorschnell verteufeln, oder?

MacKenzie Mitnichten, aber man sollte genau überlegen, welches man gibt – und auch, wie lange. Das Problem ist häufig, dass Patienten von ihren Ärzten geraten wird, eine Packung bis zum Ende zu nehmen. Das ist aber oft gar nicht nötig. Wer unter einem Antibiotikum deutliche Linderung verspürt, kann es in vielen Fällen 48 Stunden später schon wieder absetzen. Die alte Regel, es fünf oder gar zehn Tage zu nehmen und womöglich die Packung aufzubrauchen, ist überholt. Natürlich muss man bei gewissen Infektionen generell zehn Tage Antibiose ansetzen, beispielsweise bei einer Halsentzündung mit bestimmten Erregern, etwa der Streptokokken-Pharyngitis, weil man sich sonst womöglich ein rheumatisches Fieber einfängt, wenn man die Streptokokken nicht ausreichend behandelt. Aber in vielen Fällen ist Zurückhaltung geboten.

Wie wäre eine kluge Devise für Arzt und Patient?

MacKenzie Das optimale Medikament so lang wie nötig, aber so kurz wie möglich einnehmen. Immer über Einnahmedauer reden – und niemals nur eine halbe Dosis für angebliche leichte Infektionen.

Werden oft auch die falschen Antibiotika verschrieben?

MacKenzie Das kann man so nicht sagen. Aber die Neigung, ein Breitband-Antibiotikum anzuwenden, wo auch ein Schmalspektrum-Medikament hilft, ist leider sehr verbreitet. Man sollte dann auch häufiger wieder über das fast schon unmodische Penicillin nachdenken.

Zurückhaltung bei Antibiotika – da sind uns die Holländer und Skandinavier voraus, nicht wahr?

MacKenzie Ja, und dort gibt es auch deutlich weniger resistente Krankenhauskeime. Dort wird aber auch konsequent mit dem Problem umgegangen, diese Konsequenz fehlt hierzulande. Ein Trost, dass wir wenigstens gegenüber Spanien und Griechenland exzellent dastehen.

Mangelt es bei uns nicht auch an Fortbildung für Ärzte, wie sie mit Infektionen therapeutisch umgehen sollten?

MacKenzie Das ist überhaupt eins der größten Probleme. Ein Beispiel: Ärzte verschreiben auch bei viralen Infekten viel zu schnell ein Antibiotikum, weil sie eine bakterielle Superinfektion fürchten. Das hat sozusagen Tradition, aber dadurch entstehen ja diese Probleme, die wir jetzt mit Kürzeln wie MRSA, ESBL und VRE verbinden, wohinter sich wirklich problematische Entwicklungen von Resistenzen gegen Antibiotika verbergen.

Antibiotika winken auch damit, dass sie nicht unbezahlbar sind.

MacKenzie Eben deshalb werden sie ja so gern verschrieben. Doch oft bringen sie nur geringe Linderung.

In der Forschung sieht es mit neuen Antibiotika, die den resistenten Krankenhauskeimen etwas anhaben können, ziemlich finster aus.

MacKenzie Wohl wahr. Da ist für die nächsten Jahre nichts zu erwarten. Und das in einer Zeit, in der wir – auch was die Infektion mit Krankenhauskeimen betrifft – in einer bevölkerungs- und gesundheitspolitisch schwierigen Lage stecken. Die Patienten in unseren Kliniken werden immer älter, immer kränker, immer anfälliger – und bei langem Krankenhausaufenthalt ist das ein Schneeballsystem, das mich besorgt. Das erlebt man nicht selten auf einer Intensivstation, dass ein Patient mehrere Sepsis-Episoden hintereinander hat, weil man einen resistenten Keim bei ihm einfach nicht behandelt bekommt.

Das Gespräch führte Wolfram Goertz

Quelle: RP

 
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