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Umweltbundesamt warnt: Krank durch Nanotechnik?

VON LUDWIG JOVANOVIC - zuletzt aktualisiert: 22.10.2009 - 07:32

(RP). Das Umweltbundesamt warnt vor den Folgen der Nanotechnologie: Natur und Mensch könnten unter den künstlichen Kleinst-Partikeln leiden. Der neue Amts-Chef stellt sich damit gegen das FDP-Plädoyer für diese Technik.

Überraschend hat gestern das Umweltbundesamt (UBA) unter seinem neuen Präsidenten Jochen Flasbarth eine Warnung ausgesprochen – vor Produkten, die schon jetzt auf Nanotechnologie setzen. "Die Wirkungen der Nanomaterialien in der Umwelt und mögliche gesundheitliche Risiken für den Menschen sind derzeit noch unzureichend erforscht", heißt es. Einen konkreten Anlass hat das UBA indes nicht – um vor Materialien zu warnen, die so klein sind, dass sie sich zu einem Meter verhalten wie eine Murmel zur Erde. Es ist eine Größenordnung, in der Werkstoffe Atom für Atom gebaut werden. Mit zum Teil überraschenden Ergebnissen. Die Natur hat das bereits vorgemacht: Krümelige Kreide verwandelt sich in die harte Schale einer Muschel – wenn der identische Grundstoff Kalziumkarbonat auf Nano-Ebene wie eine Mauer aufgeschichtet wird.

Die Bläschen in diesem Nano-Schaumstoff haben den Durchmesser von einigen Zehntausendstel eines Haares. Foto: BASF

Mittlerweile spielt der Mensch voller Absicht mit Atomen wie mit Legosteinen. Titandioxid-Partikel verbessern Sonnencremes, weil sie UV-Strahlung schlucken oder reflektieren. Nano-Silber macht Computer-Tastaturen antibakteriell, hält OP-Räume steril – und soll verhindern, dass Socken übel riechen. Zahnimplantate wachsen schneller im Kiefer fest. Autolacke lassen Wasser abperlen und schützen vor Steinschlag. Textilien nehmen keinen Schmutz auf. Und Fensterscheiben stecken Temperaturen um die 1000 Grad weg – ohne dass die Hitze durchschlägt. Mit Partikeln, die Tumore zerkochen, wird bereits experimentiert. Und weil ein Gramm Nano-Perlen eine Oberfläche von 1000 Quadratmeter hat und damit sehr reaktionsfreudig ist, können sie Schadstoffe wie Arsen aus Trinkwasser filtern.

Auch das UBA sieht die schnell wachsende Zahl von Produkten, die "sich vermutlich positiv auf Umwelt und Wirtschaft auswirken". Dennoch bleibt man beim Amt kritisch. Daneben steht, dass Mäuse, die in den USA bestimmte Partikel einatmeten, gesundheitliche Schäden davon trugen. Unklar ist, ob das auf den Menschen übertragbar ist. Das Umweltbundesamt fordert aber vorbeugend rechtliche Rahmenbedingungen für den sicheren Umgang mit Nanomaterialien. Beispielsweise ein Meldesystem in Form eines Produktregisters. Damit stellt man sich in die Nähe von Umweltorganisationen wie dem Bund für Umwelt- und Naturschutz. Der neue UBA-Präsident Flasbarth war bis 2003 Präsident des Naturschutzbundes und wurde dann vom damaligen grünen Bundesumweltminister Jürgen Trittin ins Umweltministerium berufen.

Mit seiner Aussage positioniert sich Flasbarth nun politisch – gegen Schwarz-Gelb. Schließlich hatte der FDP-Parteivorsitzende Guido Westerwelle in einem Interview mit "Bild am Sonntag" für eine größere Beachtung von Nanotechnologie und Gentechnik geworben. Flasbarth hält nun mit seinem Bericht dagegen – und übergeht mit seiner Warnung die Initiative "Nanocare", die 2006 vom CDU-geführten Bundesforschungsministerium ins Leben gerufen wurde. Ihr Auftrag: die gesundheitlichen Folgen der Nanotechnologie zu erforschen. Die Initiative möchte in ihrem Abschlussbericht keine pauschale Entwarnung geben, aber eine Gefahr kann man nicht bestätigen. Zwar dringen die Partikel im Labor in Zellen ein. Bei Versuchen mit Ratten aber konnte bei eingeatmeten Partikeln eine vorübergehende Entzündung des Lungengewebes festgestellt werden. Zudem sind alle gesundheitsschädlichen Effekte "ausschließlich bei sehr hohen Konzentrationen aufgetreten, die im Alltag nicht vorkommen".

Quelle: RP

 
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