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Psychologische Hilfe oder Abschreckung?: Krebs – Barbies ohne Brust und Haare

VON TANJA WALTER - zuletzt aktualisiert: 23.01.2012 - 07:19

Düsseldorf/Los Angeles (RPO). Sechs Jahre ist es her, dass Mattel in Los Angeles den Marktstart seiner "Pink Pibbon Barbie" feierte - einer brustkrebskranken Barbiepuppe. Facebookfreunde machen sich in den USA derzeit dafür stark, dass beim Plastikpuppenhersteller ein Modell für krebskranke Kinder in Produktion geht. Doch wem soll das helfen?

So könnte die Barbie aussehen, die Kindern nach der Chemotherapie nach Vorstellung der Facebook-User über ihr Schicksal hinweghelfen soll. Foto: Screenshot facebook
So könnte die Barbie aussehen, die Kindern nach der Chemotherapie nach Vorstellung der Facebook-User über ihr Schicksal hinweghelfen soll. Foto: Screenshot facebook

Im Herbst 2006 hat Mattel eine Brustkrebs Barbie auf den Markt geworfen. Neu ist die Idee also nicht, „kranke Plastikpuppen“ zu produzieren. Als „Pink Pibbon Barbie“ kam sie in Los Angeles auf den Markt. Erstmals gab es die makellos Schöne mit amputierter Brust.

Warum es die Barbie ohne Haare geben soll

Neuerlich setzen sich nun Menschen in den USA dafür ein, dass es eine Kinder-Krebs-Barbie geben soll. Als Facebook-Gruppe machen sie sich dafür stark, per Petition beim Spielzeughersteller Mattel zu erreichen, dass dort eine Barbie ohne Haare in Produktion geht. Grund: Krebskranke Kinder, die durch die Chemotherapie ihre Haare verloren haben, würden sich auch weiterhin hübsch fühlen.

Die Facebook-Gemeinde schlägt in ihrer Petition auch gleich konkret einen Namen für das neue Produkt vor: Hope, soll die glatzköpfige Schöne heißen und sich ganz in pink gewanden – anscheinend gleich ihrem brustkrebskranken Vorbild von vor sechs Jahren. Eine Bruderseite schlägt der Firma Hasbro ein ebenso geartetes Projekt mit einer kahlköpfigen Männerpuppe vor.

Neu ist die Idee einer industriellen Großproduktion versehrter Puppen nicht. Vor sechs Jahren produzierte Mattel eine Barbie, die durch Brustkrebs eine Brust verloren hatte. Mattel gab damals auf der Rückseite der Verpackung zu verstehen: „Die Barbiepuppe bietet die großartige Möglichkeit, Kinder über die Krankheit und ihre Folgen zu schulen und Unterstützung, Hoffnung und Trost zu geben.“ In Anbetracht steigender Krebsfälle solle ‚Pink Ribbon Barbiepuppe‘ helfen, den Dialog zu beginnen.

Betroffene fühlen sich auf Äußerliches reduziert

In vielen Foren schlugen die Wogen hoch: Brustkrebskranke Frauen fühlten sich und ihr Problem nicht ernst genommen. „Was sagt diese Schönheitskönigin oder Märchenprinzessin, diese Puppe im rosa Kleid über mich und meine Erfahrungen mit Brustkrebs? Die Antwort ist: Nichts“, schreibt Jeanne Seather aus Seattle prompt auf die Markteinführung. Es gebe bessere Geschenke als pinke brustamputierte Barbies: Zeit und Achtung.

Puppen, die in irgendeiner Form Versehrtheit zeigen gibt es in verschiedensten Varianten: So zum Beispiel Puppen, die das Down-Syndrom haben. Sie sollen sowohl betroffenen Kindern helfen, als auch in integrativen Kindergärten das Verständnis füreinander fördern. Menschen mit Down-Syndrom sollen sich in der Puppe erkennen und sich mit ihr identifizieren, so berichtet der Arbeitskreis-Down-Syndrom e.V. über diese Errungenschaft.

Große Auswahl an "Special-Need-Puppen"

Neben Barbie Becky im Rollstuhl, die 1997 auf den Markt kam, bietet das Segment der sogenannten Special-Needs Schlenkerpuppe Anna, die nebst anleitender Literatur in einem Rollstuhl zu haben ist. Es gibt Puppen mit Blindenhund oder Stofftier Otter mit Hörgeräten. Wissenschaftliche Untersuchungen dazu, wie sinnvoll solches Spielzeug ist, gibt es laut Prof. Dr. Susanne Nussbeck vom Heilpädagogischen Institut der Universität Köln nicht. „Für den Bereich des sexuellen Missbrauchs gibt es Studien, die belegen, dass der Einsatz anatomischer Puppen zur Befragung missbrauchter Kinder sich eher ungünstig auswirkt“, weiß die Diplom-Psychologin.

Behinderte oder kranke Puppen zeigen, ihrer Auffassung zwar Andersartigkeit, aber sie stellen sie heraus. „Kinder merken schnell, dass es sich nicht um eine „normale“ Puppe handelt, die schön ist und so wie sie sie kennen. „Dadurch wird die Andersartigkeit betont. Ich glaube nicht, dass das der Sache gerecht wird“, so die Wissenschaftlerin. Anders mag das sein, wenn die Special-Needs-Puppen von Therapeuten in einem gewissen Kontext benutzt werden. Sie erobern so nicht das Spielzimmer, sondern werden dann angeleitet und therapeutisch indiziert angewandt.

Spielwarenhändler: Statt Puppe bald Bücher

Anna Wagner, Produktmanagerin für Spielzeug bei Jako-o teilt unserer Zeitung auf Anfrage mit, dass die Puppe Anna im Rollstuhl als Begleitartikel zu einem Buch verkauft werde, dass sich thematisch mit Behinderung auseinandersetze. Sie habe von Familien gute Rückmeldungen zu der Puppe und Wünsche, was weiteres Zubehör angehe. Dennoch scheint Anna finanziell ein Pleitegeier zu sein. Denn zu Verkaufszahlen sagt das Unternehmen nichts. Dafür bekommen wir den Hinweis: „Die Puppe Anna und ihr Rollstuhl sind ein guter Artikel. Wir werden diese Puppenserie nun trotzdem in diesem Jahr abverkaufen“. Statt der Puppe gibt es dann in Zukunft bei Jako-o Bücher.

Was sagen Leute aus der Praxis?

Da der wissenschaftliche Erfolg der Special-Needs-Spielzeuge nicht untersucht ist, kann vielleicht die Praxis einen Hinweis in Richtung Sinn oder Unsinn solcher Verkaufsangebote geben. Sind sie ein Versuch der Wirtschaft, über Randgruppen Geld zu verdienen? Oder sind sie in der Praxis hilfreich für Kinder mit oder ohne Behinderung? In der Heilpädagogischen Kindertagesstätte in Tönisvorst gibt es 88 Kinder, die eine Behinderung haben. „Solche Puppen haben bei uns keinen speziellen Effekt“, erklärt deren Leiter, Diplom-Heilpädagoge Roland Büschges. Egal, ob eine Barbie im Rollstuhl oder eine Puppe mit Down-Syndrom – sie alle werden wie normale Puppen benutzt. Denn anders zu sein ist hier normal.

Er sieht wie auch Prof. Susanne Nussbeck einen klaren Unterschied zwischen Puppen mit körperlicher Behinderung und solchen, die durch plötzliche Schicksalsschläge wie einer Krebserkrankung gezeichnet sind. „Die Barbie ohne Brust entspricht in der Regel ja nicht der Realität, denn nach einer Brust-OP wird meist die weibliche Brust je wieder aufgebaut“, gibt Büschges zu bedenken. Zudem sei das eigentliche Problem bei so erkrankten Menschen das, was sich in der Innenwelt des betroffenen Menschen abspiele. Das zeige eine Puppe nicht.

Wie behindert sieht denn ein Autist aus?

„Ich fände es sinnvoller, wenn Kinder, die durch eine Chemotherapie ihre Haare verloren haben, ihrer Puppe die Haare abschneiden dürften“, gibt er unumwunden zu verstehen. Schließlich sei das betroffene Kind nicht ohne Haare auf die Welt gekommen, sondern habe diese durch eine Medikamentennebenwirkung verloren. Was außerdem ist mit den Behinderten, denen ihre Behinderung nicht ansehen kann? „Ein Autist sieht aus wie du und ich. Dennoch verhält er sich anders“, gibt der Heilpädagoge zu verstehen. In eine ähnliche Richtung geht auch das Problem, das gesunde Kinder mit der Down-Puppe haben: Sie sehen eine Andersartigkeit, wie aber ein Kind mit Down-Syndrom in bestimmten Situationen reagiert, das zeigt diese Puppe nicht.

In jedem Fall hilft also eine Puppe nach Auffassung der Fachleute nicht, um ohne Anleitung gesunde und behinderte Kinder damit spielen zu lassen. In Regelkindergärten verschärfe man auf diese Art und Weise eher die Ausgrenzung. Werde das Thema Behinderung zu sehr forciert, drehe man die Welt nur einfach um und mache eine Minderheit plötzlich zur Mehrheit, warnt der Leiter der Heilpädagogischen Einrichtung der Lebenshilfe in Tönisvorst.

Über 1300 Unterschriften für die Puppe ohne Haar

Über 1300 Unterschriften hat die Facebook-Gruppe bislang für die Barbie ohne Haare gesammelt. Mattel aber nimmt die Aktion – vielleicht geläutert von vor sechs Jahren – lediglich zur Kenntnis. Eine Erklärung des Unternehmens dazu gibt es nicht. Aus der Praxis der Heilpädagogen kommt ein heißer Tipp für die Spielwarenindustrie: Die Barbie im Rollstuhl sei die ganz normale Blondinenschönheit. Ganz von der Realität abweichend habe sie keinen starken und muskulösen Oberkörper, wie es für Rollifahrer eigentlich normal ist.

Quelle: wat/chk/wat

 
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