Todesangst bei jedem Herzstolpern: Warum Hypochonder ernsthaft krank sind
VON WOLFRAM GOERTZ - zuletzt aktualisiert: 09.02.2010 - 09:08Düsseldorf (RPO). Schon Molière stellte dem eingebildeten Kranken kein gutes Zeugnis aus. Von Ärzten wird er insgeheim verachtet, dabei verdient er ihren Beistand und ihr Vertrauen. Hypochondrie ist eine ernsthafte psychische Störung, bei der die Betroffenen massive Ängste durchleiden.
Hypochondrie gilt in Deutschland als heitere Disziplin. Alles lacht, wenn von eingebildeten Kranken die Rede ist. Die Betroffenen stehen freilich im Regen, pudelnass vor Kummer oder Empörung über die Ärzte: Niemand erkennt ihre Krankheit! Einen Sonderfall unter den Hypochondern stellt Entertainer Harald Schmidt dar, weil er den ersten Schritt zur Entzauberung seines Leidens gegangen ist – er geht selbstironisch damit um. (Unter uns, hat ein Satiriker, der in der Öffentlichkeit steht, eine andere Wahl?)
Das Unglück des Hypochonders liegt darin, dass er fast nie an dem Leiden krankt, das er zu haben meint, oder ein Leiden bekommt, das er nicht befürchtet. Dabei ist er der ideale Patient: Er horcht auf Alarmzeichen. Er erforscht seinen Körper wie mit dem Geigerzähler auf Unregelmäßigkeiten. Sein Sputum (Auswurf) betrachtet er peinlich auf pathologische Veränderungen. Jedes Sodbrennen ist Bote eines Geschwürs.
Kaum bemerkt er eine Extrasystole beim Herzschlag, begibt er sich ins Hospital. Dort ist er dankbar, wenn er einen kompetenten Arzt vorfindet. Der wird ihm nach gründlicher Untersuchung inklusive Labor mit Infarktmarker, Echokardiografie, Röntgen Thorax und Belastungs-EKG zu völliger Gesundheit gratulieren.
Das tröstet den Misstrauischen nur kurz. Bald tauchen seine Ängste und Symptome wieder auf. Tatsächlich wechseln Hypochonder oft ihre Ärzte und nehmen die Leistungen der Gesundheitssysteme drei bis vier Mal so oft in Anspruch wie andere Kranke. Die WHO schätzt, dass jeder 15. bis 18. Patient in der Allgemeinpraxis eine hypochondrische Störung hat.
Ärzte verachten Hypochonder, weil sie das Gefühl haben, ihnen werde von „diesen Simulanten“ die Zeit gestohlen, die sie lieber „richtigen Kranken“ widmen würden. Auch stört sie die fordernde oder bittstellerisch-devote Art, in der sich Hypochonder als Leidende darstellen. Die Kriminalisierung von Hypochondern als Simulanten ist freilich ein ärztlicher Kunstfehler. Sofern der Hypochonder Beschwerden empfindet, muss jeder Arzt von einer Krankheit ausgehen.
Die Ursachen sind unklar. Psychiater glauben, dass sie in der Kindheit liegen. Brian Fallon von der Columbia University New York macht überfürsorgliche Mütter verantwortlich: Kinder lernten, dass man Beachtung und Liebe bekomme, wenn man krank sei. Letztlich sei das Krankheitsgefühl erwachsener Hypochonder – Kinder sind nie welche – nichts anderes als eine Sehnsucht nach einer Kindlichkeit, die vom aufgeklärten Bewusstsein überhöht werde.
Hypochonder wähnen nie leichte Erkrankungen als Ursache ihrer Beschwerden, sondern fühlen sich existenziell bedroht – von Krebs, Infarkt, Schlaganfall. Den Symptomkatalog kennen sie auswendig; das Medizinlexikon Pschyrembel ist ihr Brevier. In dieser düsteren Welt einer vermuteten Krankheit vollzieht sich ein „schier hoffnungsloses Versinken“, weiß der Ulmer Psychiater Volker Faust. Das Internet ist für Hypochonder eine Katastrophe.
Ein Beispiel: Gelegentlicher Nachtschweiß ist normal. Medizin-Onlinedienste nennen ihn aber ein Leitsymptom von Krebserkrankungen. Das magnetisiert den Hypochonder; in seiner Katastrophisierungs-Tendenz ist er gezwungen, vom schlimmsten Fall auszugehen.
Peter Sloterdijk hat gefragt, ob „Hypochonder nicht Helden des Entsetzens vor sich selbst“ seien. Das klingt pathetisch, ist es aber nicht. Der Hypochonder benötigt sein eigenes Entsetzen, um seine Angst dramatisch übermitteln zu können. Dabei hilft ihm die Macht des Auftritts.
Der Herzneurotiker beispielsweise neigt zu „bewusstem Übertreiben von Krankheitssymptomen, sei theatralisch und auf Wirkung bedacht“, schreibt Albrecht Francke in seinem Buch „Interdisziplinäre Notaufnahme“. Der Kliniker Francke hat zahllose Patienten auf der Notaufnahme erlebt – auch Hypochonder. Deren zweite Angst, so Francke, sei es, nicht ernstgenommen zu werden.
Wichtig im ärztlichen Umgang mit Hypochondern ist das Maß zwischen Zuwendung und Ignorieren. „Die Patienten sollten sicher sein, dass der Arzt sich um ihre Gesundheit kümmert“, lehrt der Kölner Psychosomatiker Karl Köhle. Wer etwa unter Panikattacken leidet, simuliert nicht. Sie wirken tatsächlich bedrohlich (sind aber harmlos) und gehen mit Infarktzeichen einher: Druck in der Brust, Atemnot, Übelkeit, Kribbeln im Arm.
Was hülfe dem armen Menschen aus der Misere? Spontanheilung ist eher selten. Nur einer Psychotherapie dürfte es gelingen, „den Teufelskreis eines Menschen zu durchbrechen“, sagt Francke. Gleichwohl ist es mancher angeblichen Hypochonder-Krankheit wie dem Reizdarm geglückt, professionell aufgewertet zu werden. Was Ärzte lange für Einbildung hielten, schafft es in der internationalen Klassifikation der Krankheiten ICD zu einer Nummer: K58. Damit hat der Reizdarm offiziell Krankheitsstatus. Fürwahr, wer sich erbricht, Leibgrimmen oder Durchfall hat, ist krank – egal ob der Arzt einen morphologischen Befund hat oder nicht.
Ob es dem Hypochonder besser geht, wenn sein Leiden einen Namen hat? Meistens schon. Man hat ihn respektiert, und er darf als ernsthafter Kranker gelten. Das ist der erste Schritt zur Genesung.
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