Oft nicht sinnvoll: Weisheitszähne immer ziehen?
VON JÖRG ZITTLAU - zuletzt aktualisiert: 22.10.2010 - 08:39Düsseldorf (RP). Weisheitszähne schlummern nicht selten schmerzlos im Kiefer und bereiten auch später keine Beschwerden. Trotzdem werden sie von manchen Zahnärzten und Kieferchirurgen vorsorglich gezogen. Das sei oft nicht sinnvoll, meint ein norwegischer Zahnmediziner im Buch „Zahnarztlügen“.
Aus evolutionärer Sicht sind sie eigentlich auf dem Rückzug: die Weisheitszähne. Der Mund- und Kieferraum des Menschen ist zu klein für sie geworden, weswegen sie sich in der hintersten Ecke durchquetschen müssen – oder aber, wie es bei 80 Prozent aller Europäer der Fall ist, gar nicht erst durchbrechen können. Zahnmediziner sprechen dann von einem retinierten Weisheitszahn – und ziehen ihn meistens heraus, damit er keine Probleme mehr bereiten kann.
„Mit über einer Million chirurgischen Eingriffen pro Jahr zählt die Weisheitszahnentfernung zu den in Deutschland am häufigsten durchgeführten Operationen“, berichtet Professor Martin Kunkel, Kieferchirurg der Ruhr-Universität Bochum. Sie sind aufwändig, teuer und oft problematisch, weswegen die kritischen Stimmen Kritik an der vorbeugenden Entfernung der „Achten“, wie sie aufgrund ihrer Position im Kiefer auch genannt werden, immer lauter werden.
Eine dieser Stimmen gehört dem norwegischen Zahnmediziner Lars Hendrickson von der Universitätsklinik in Bergen. In seinem Buch „Zahnarztlügen. Wie Sie Ihr Zahnarzt krank behandelt“ warnt er, dass die meisten gesundheitlichen Komplikationen im Zusammenhang mit retinierten Weisheitszähnen nicht vor, sondern nach ihrer Extraktion aufträten. Denn dieser Eingriff könnte zu Infektionen oder Gesichtslähmungen führen, während umgekehrt die meisten Weisheitszähne friedlich im Kiefer schlummern würden, wenn man sie nur ließe. Hendrickson sieht daher in ihrer vorbeugenden Extraktion eher „ein lukratives Geschäft für Zahnärzte und Kieferchirurgen“ als einen medizinischen Segen.
Der streitbare Zahnmediziner bemängelt auch das Lieblingsargument seiner Kollegen, wonach man versteckte Weisheitszähne allein deshalb entfernen müsse, damit sie nicht die Frontzähne verschieben könnten. „Für diese These fehlt jede wissenschaftliche Grundlage“, so Hendrickson. Bisher sei keinesfalls belegt, dass Weisheitszähne durch das eigene Wachstum überhaupt andere Zähne verschieben könnten. Es sei von daher auch kein Wunder, dass bisher langfristig angelegte Vergleichsstudien dazu fehlten, ob das Entfernen eines Achten tatsächlich irgendwelche Vorteile gegenüber seinem Verbleib im Kiefer hätte.
Professor Kunkel bestätigt, dass die wissenschaftliche Datenlage zum Ziehen oder Belassen der Weisheitszähne eher lückenhaft ist. Er gibt allerdings auch zu bedenken, wie extrem schwierig entsprechende Studien durchzuführen seien. Denn aus eigenen Untersuchungen weiß er, dass „Komplikationen belassener Weisheitszähne bis ins hohe Alter auftreten“. Man müsste also die Studien mit extrem langen Nachbeobachtungszeiten von 20 oder sogar noch mehr Jahren ausstatten – und so etwas sei im Wissenschaftsbetrieb kaum realisierbar.
Nichtsdestoweniger wurde unter Kunkels Federführung im Jahr 2006 eine Leitlinie zum Operieren von Weisheitszähnen veröffentlicht. Es ist ein Konsens-Papier, also eine Liste von Empfehlungen, auf die sich deutsche Experten und Fachgesellschaften der Zahn- und Kieferheilkunde verständigt haben. Darin wird beispielsweise zur Operation geraten, wenn eine Parodontose behandelt wird oder sich Hinweise darauf ergeben, dass der Zahn Schmerzen verursacht. Abgeraten wird hingegen, wenn zu erwarten ist, dass sich die Weisheitszähne problemlos ins Gebiss einreihen.
Doch gerade in dieser Hinsicht klaffen offenbar zahnärztliches Urteil und Realität oft auseinander. In einer neuseeländischen Studie brachen 30 Prozent der Weisheitszähne, die von einem Zahnarzt zum Entfernen vorgesehen, aber dann doch nicht operiert worden waren, später durch das Zahnfleisch, ohne irgendwelche Probleme zu machen.
Unstrittig ist demgegenüber, dass die Operation von einer Antibiotika-Therapie begleitet sein sollte, um das Infektionsrisiko für die Wunde zu senken. „Entscheidend ist hierbei, dass mit der Gabe des Mittels schon vor dem Eingriff begonnen wird“, so Kunkel. Bei der anschließenden Schmerzbehandlung reiche hingegen das harmlose Paracetamol.
Zahnarztlügen, Dorothea Brandt und Lars Hendrickson, Wie Sie Ihr Zahnarzt krank behandelt, ISBN 978-3-8391-5648-3, 19,80 Euro.
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