Immer mehr Patienten wehren sich: 1700 Fehldiagnosen mit Folgen
VON ULRIKE WINTER - zuletzt aktualisiert: 04.06.2008Düsseldorf (RP). Ein Vierjähriger wird während einer Operation falsch gelagert und wird wegen abgestorbener Nerven nie wieder richtig gehen. Eine Reiterin wird wegen eines gebrochenen Beines operiert, infiziert sich dabei mit einem Erreger und verliert ein Bein. Ein Berufsfahrer kann nach einer Infektion in der Reha nicht wieder arbeiten: Alles Fälle des Deutschen Patienten-Schutzbundes.
Die Akten lesen sich wie eine Dokumentation von Fehlern, die nicht passieren dürfen, aber doch passieren. „Wir haben immer mehr zu tun“, sagt Gisela Bartz, Vorsitzende des Landesverbandes NRW. Denn: Immer mehr Menschen wehren sich, weil sie sich von ihrem Arzt falsch behandelt fühlen. Nach einer am Dienstag von der Bundesärztekammer vorgestellten Statistik gingen im vergangenen Jahr 10 432 entsprechende Anträge bei Schlichtungsstellen ein, 1,5 Prozent mehr als im Vorjahr.
Die Schlichtungsstellen wurden von den Ärztekammern 1975 eingerichtet. Sie bieten nach eigenen Angaben eine unabhängige Expertenbegutachtung und außergerichtliche Streitschlichtung an. Insgesamt liefen jedoch 40 000 Beschwerden, so die Kammer über weitere Eingänge bei Gerichten, Haftpflichtversicherern und Medizinischem Dienst der Krankenkassen.
Die häufigsten Fehler wurden der Erhebung zufolge bei der Behandlung von Brustkrebspatientinnen gemacht. Der Grund für die tödlichen Patzer: nicht funktionierende Absprachen zwischen Gynäkologen und Radiologen. Auch Gisela Bartz beklagt, dass Patientinnen häufig schon mit Fehldiagnosen nach Hause geschickt werden. „Vor allem bei Frauen wird Krebs nach wie vor häufig übersehen – das ist besonders bitter, weil dort in Sachen Vorsorge so viel getan wird.“
Ein anderer Fehlerhort scheint die orthopädische Chirurgie: Behandlungen von Hüftgelenkarthrosen führen die Liste der registrierten Fehlbehandlungen in Kliniken an. Dies liegt zum einen daran, dass diese Eingriffe relativ häufig vorgenommen werden. Zum anderen ließen sich Fehler hier vergleichsweise gut nachweisen, sagt Susanne Dopheide , Sprecherin der Uniklinik Düsseldorf. „Röntgenbilder zeigen im Nachhinein sehr genau, wo Schrauben und Platten eingesetzt wurden. Entfernt man dagegen bösartiges Gewebe, lässt sich später nicht genau belegen, ob der Arzt wirklich alles erwischt hat.“ Auch käme es hier häufiger zu Beschwerden der Patienten, weil die Erwartungshaltung beispielsweise an eine neue Hüfte häufig sehr hoch sei.
Tatsächlich zeigt die Statistik der Bundesärztekammer keinen Anstieg der Behandlungsfehler. In etwa 30 Prozent der 7049 Beschwerden, in der die Schlichtungsstellen zu einer Entscheidung kam, wurde tatsächlich ein Fehlverhalten des Mediziners festgestellt. Rund 1700 davon waren mit gesundheitlichen Schäden für den Patienten verbunden – Voraussetzung für Anspruch auf Schadenersatz.
Der komplizierte, oft jahrelange Weg solcher Beschwerden, vor allem die Schwierigkeit, an wirklich neutrale Gutachten zu kommen, hindern Patientenvertretern zufolge immer noch viele daran, sich überhaupt zur Wehr zur setzen. Stefan Etgeton, Gesundheitsexperte der Bundesverbraucherzentrale, bezeichnet die registrierte Zahl der Beschwerden als „Spitze eines Eisbergs.“ Das Aktionsbündnis Patientensicherheit geht davon aus, dass allein bei Klinikbehandlungen in fünf bis zehn Prozent aller Fälle unerwünschte Folgen auftreten.
Um die Rechte der Patienten zu stärken und so Behandlungsfehler zu reduzieren, fordert Etgeton einen unabhängigen Expertenpool. „Der Bereich der Fachmediziner, die als Gutachter in Frage kommen, ist häufig so klein, dass man sich untereinander kennt.“ Zudem plädiert er für eine „Fehlerkultur“. Erst Anfang dieses Jahres hatten sich 17 Ärzte, Therapeuten und Pflegekräfte zu Fehlern bekannt. Die Helios-Kliniken veröffentlichen die Sterblichkeitsquoten bei Behandlungen im Internet. „Das ist zur Nachahmung empfohlen“, so Gisela Bartz.
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