Kritik an Pharma-Hersteller: Ärzte: Viele Pillen sind überflüssig
VON ANTJE HÖNING UND MAXIMILIAN PLÜCK - zuletzt aktualisiert: 20.11.2009 - 20:12Düsseldorf (RP). Von den 2500 Wirkstoffen sind nur 500 empfehlenswert, sagt die Ärzteschaft und kritisiert Pharma-Hersteller. Selbst todkranke Krebspatienten bekämen oft teure und fragwürdige Medikamente.
Ärzte üben scharfe Kritik an der Pharma-Industrie. Die Zahl der Medikamente nehme rapide zu, beklagte Bruno Müller-Oerlinghausen, Mitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Und viele seien völlig überflüssig. Von 2500 Wirkstoffen auf dem deutschen Markt sind nach Ansicht der Arzneimittelkommission gerade einmal 500 im Hinblick auf Therapieerfolg und Kosten empfehlenswert. "Wirklich wichtig für die meisten typischen Praxisfälle seien sogar nur 153 Wirkstoffe. Von diesen empfehlen die Ärzte wiederum 77, die bevorzugt eingesetzt werden sollen.
"Die Hausärzte stehen einem Arzneimitteldschungel gegenüber", so der Arznei-Experte der Ärzteschaft. Er stellte gestern auf der Messe Medica die neue Auflage der "Arzneimittelverordnung" vor, die 136 Autoren auf 1480 Seiten zusammengestellt haben. Sie ist so etwas wie der Kompass, der dem Hausarzt Orientierung geben soll.
Sogar todkranke Patienten erhalten an ihrem Lebensende Medikamente, die medizinisch umstritten und zugleich sehr teuer sind. Der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KV), Leonhard Hansen, fordert ein Umdenken. "Es ist keine Hilfe für Patienten, wenn sie Medikamente mit starken Nebenwirkungen einnehmen müssen, die ihr Leiden nur um ein paar Wochen verlängern", sagte Hansen unserer Zeitung. Zumal diese Medikamente oft sehr teuer seien.
Ein Therapiezyklus etwa bei Dickdarm- oder Brustkrebs im fortgeschrittenen Stadium koste oft 50 000 Euro und mehr. "Viele Pharma-Unternehmen wollen durch fragwürdige Geschäfte mit Krebskranken die Umsatzeinbrüche wettmachen, die sie erleiden, weil ihre Patente im Massengeschäft mit Diabetes- oder Bluthochdruck-Patienten auslaufen", sagt der KV-Chef.
Als Beispiel nennt Hansen das Mittel "Avastin" des Herstellers Roche, das Patienten bei Brust-, Lungen oder Dickdarmkrebs erhalten. Obwohl das Mittel laut von Roche selbst initiierten Studien nur das Wachstum des Tumors verlangsamt, aber nicht die Lebenszeit der Patienten verlängert, würde es eingesetzt. "Hätten die Patienten dann keine Beschwerden mehr, wäre es ja gut.
Doch es gibt enorme Nebenwirkungen wie Blutdrucksteigerungen, Magen-Darm-Durchbrüche, Bluthusten oder Blutungen im Magen-Darm oder Gehirn." Roche wies dies Kritik zurück. " Avastin ist derzeit eine der verträglichsten Onko-Therapien", sagte der Sprecher. In den genannten Indikationen sei für Avastin in Klinischen Prüfungen ein Überlebensvorteil für die Patienten nachgewiesen.
Mit Spezialpräparaten wie diesen macht die Pharma-Industrie über 20 Prozent ihres Umsatzes in Deutschland, so Hansen. Allein im vergangenen Jahr sind die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für solche Spezialpräparate um 235 Millionen Euro gestiegen.
Hansen kritisiert auch die Krankenhaus-Ärzte. "Nicht selten kommen Patienten mit 14 oder mehr Medikamenten aus der Klinik in unsere Praxen. Das kann nicht gesund sein", sagt er. Kaum einer brauche mehr als fünf Wirkstoffe. Die niedergelassenen Ärzte sollten mehr Mut haben, dies den Patienten zu sagen, so Hansen.
Er will seine Forderung, Todkranken weniger fragwürdige Spezialpräparate zu verschreiben, nicht als Sparprogramm missverstanden wissen. Er fordert nur, das Geld sinnvoller auszugeben – für die Palliativmedizin, also für bessere Schmerzmittel und mehr Zuwendung.
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