Faszinierende fünf Rückenwirbel Überlänge: Arzt löst Geheimnis der "Großen Odaliske"
zuletzt aktualisiert: 28.06.2004 - 08:02Paris (rpo). Die "große Odaliske" übt seit jeher eine Faszination auf den Betrachter aus. Die weiße Sklavin befindet sich auf dem Gemälde von Jean Auguste Dominique Ingres in einem orientalischen Harem. Doch nicht das ist das Verblüffende. Das Irritierende ist vielmehr der Unterleib der Dame.
Denn ihr feiner Kopf, ihre schlanken Arme, ihre grazilen Fesseln wollen so gar nicht zu dem weit ausladenden Becken passen. Das Problem ließ auch dem Pariser Arzt Jean-Yves Maigne keine Ruhe. So entschloss er sich zu akribischen anatomischen Studien.
Er bat neun schlanke junge Frauen, sich nach dem Beispiel der "Großen Odaliske" auf ein Kanapee zu drapieren. Nach eingehenden Berechnungen steht für Maigne nun fest: Die "Große Odaliske" hat fünf überschüssige Rückenwirbel.
Der Pariser Arzt musste bei seinen Berechnungen, die demnächst in der britischen Fachzeitschrift "Journal of the Royal Society of Medecine" veröffentlicht werden sollen, komplizierte Faktoren berücksichtigen. Die "Große Odaliske" wendet ihr Hinterteil dem Betrachter zu, der Kopf ist, wenngleich ebenfalls den Zuschauer betrachtend, perspektivisch also weiter entfernt.
Das galt es in Rechnung zu stellen. Zunächst wählte der kunstbeflissene Mediziner sorgfältig seine Modelle aus: Damen mit Rückgratverkrümmungen oder Übergewicht kamen von vornherein nicht in Frage, die neun Auserwählten waren mit 1,74 bis 1,82 Meter Körpergröße für Französinnen ziemlich hoch gewachsen. Dann wurden die Köpfe und die Länge des Rückens vermessen und das Ganze mit den perspektivischen Verfälschungen ins Verhältnis gesetzt.
Den siebten Halswirbel, die Grübchen am Hüftbein und den Schnittpunkt zwischen dem unteren Ende der Pobacke und dem Schenkel wählte Maigne als Fixpunkte seiner Berechnungen. "Wir haben uns den Spaß erlaubt, genauestens durchzurechnen, welche Schwankungsbreiten es geben könnte", erzählt der Hobby-Kunstforscher.
Im Schnitt hatten die Modelle 21,8 Zentimeter große Köpfe (mit Abweichungen von neun Millimetern), 53,4 Zentimeter lange Rücken (vom Hals bis zu den Grübchen), das Becken war 20,6 Zentimeter stark. Diese Werte setzte Maigne ins Verhältnis zu dem Gemälde des klassizistischen Malers.
Daraus ergab sich, dass der Rücken der "Großen Odaliske" mindestens 12,3, wenn nicht gar 17,6 Zentimeter zu lang sein muss. So schloss der Forscher messerscharf: Die junge Dame hat eine Überlänge im Ausmaß von fünf Rückenwirbeln. Diese Überlänge wurde von Ingres auf Lenden und Becken verteilt.
En passant entdeckte der Pariser Kunstforscher gleich noch zwei weitere Eigenheiten des Gemäldes: Keine der neun Testpersonen sah sich im Stande, ihren Rumpf derartig zu verdrehen und jenes Verhältnis zwischen Becken und Kopf herzustellen, wie Ingres es suggeriert.
Darüber hinaus hat auch einer der Arme der "Großen Odaliske" auf jeden Fall Überlänge. Maigne kann sich das nur so erklären, dass der Akademie-Maler Ingres, der ansonsten für die Präzision seiner Darstellung berühmt ist, mit den Verfälschungen eine Aussage verknüpfte.
Er hätte demnach durch die Verlängerung des Rückens den Effekt erzielen wollen, den wollüstigen Körper, der dem Sultan zu Gefallen war, in einen dauerhaften Kontrast zu stellen zum Gesicht der "Großen Odaliske", in dem Distanz und Rätselhaftigkeit, vielleicht gar ein Anflug von Trauer zu lesen sind.
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