Dr. Johannes Grossmann: Billige amerikanische Soap-Kost
zuletzt aktualisiert: 22.03.2007 - 16:16Die medizinische Entwicklung des Krankheitsbildes, das tapfere Durchleiden der Patientin durch alle Krankheitssymptome (inklusive intraoperativem Herzstillstand durch "Hyperventilation" bei kontrollierter Beatmung) und das Ertragen der qualvollen Diagnostik wie das unvermeidbare medizinische Happy End mögen für den Laien noch einigermaßen spannend gewesen sein - mit dem Krankheitsbild der Pest hatte all das jedoch wenig zu tun.
Medizinisch gelernt hat der Laie durch die Sendung gar nichts. Im Gegenteil, es wird ihm vorgespielt, dass man unter bestimmten Bedingungen eine "qualvolle Darmspiegelung" ohne Betäubung durchführen müsste: Das ist einfach falsch, sie kann immer in Betäubung erfolgen. Schlafentzug ist eine Foltermethode und keine ärztliche diagnostische Maßnahme. Auch eine Angehörigen-Organspende - unter welchen Umständen auch immer - innerhalb weniger Stunden zu ermöglichen, ist absoluter Unfug.
Regelrecht abstoßend fand ich den vermeintlichen "Helden" der Sendung, den "Chefarzt" Dr. House. Der coole Typ, stets ungewaschen imponierend ohne Kittel, mit Turnschuhen, T-Shirt und Dreitagebart, der zwar offenkundig nur in der Klinik lebt, die Patienten aber verächtlich behandelt ("DAK - das steht für dummes amerikanisches Kind"), ihnen qualvolle Diagnostik zumutet, sich ihnen am Krankenbett ohne Kittel erstmalig kurz vor dem Tod als der behandelnde Arzt vorstellt, um im gleichen Atemzug ohne jede Empathie mitzuteilen, dass man in ein paar Stunden sterben wird. Die Darmblutung der Patientin kommentiert er vor seinen Mitarbeitern mit den Worten "Das Monster kriecht unter der Bettdecke hervor", und ein klärendes Gespräch der Patientin mit ihrer lesbischen Partnerin verhindert er durch "Wegspritzen" der Patientin.
Im Umgang mit seinen Mitarbeitern, die wie ein Haufen karrieresüchtiger, dummer Hilfsmediziner imponieren, ist er verletzend und pseudointellektuell. Die Intrigen unter den Assistenten bezüglich der Veröffentlichungen von wissenschaftlichen Schriften findet man allenfalls an den Universitäten wieder; sie werden in dem Film jedoch maßlos und unrealistisch überzeichnet. Auch würde mich eine Assistentin hierzulande oder in den USA niemals schnippisch fragen, ob ich etwa die weitere Diagnostik auf meinen "Kenntnissen lesbischer Beziehungen aufbauen" wolle.
Der einzig überraschende und vielleicht andeutungsweise tiefsinnige Moment des Films war das Geständnis der vermeintlich als Opfer in die Organspende getriebenen Freundin, in dem sie ihre eigentlichen Motive der Organspende darlegt und plötzlich selbst zur kalkulierenden Täterin wird.
Priv.-Doz. Dr. Johannes Grossmann ist Chefarzt der Medizinischen Klinik am Bethesda-Krankenhaus Mönchengladbach.
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