Vor 75 Jahren wurde die Knaus-Ogino-Methode veröffentlicht: "Da wurden viele ungeplant schwanger"
zuletzt aktualisiert: 16.07.2004 - 09:26Frankfurt/Main (rpo). Bei Tieren ist die Sache recht einfach, die Männchen erschnüffeln, wann die Angebetete fruchtbar ist. Weil das bei den Menschen so nicht der Fall ist, ging man lange Zeit davon aus, Frauen seien allzeit empfängnisbereit. Bis vor 75 Jahren Hermann Knaus und Kyusaku Ogino fast zeitgleich eine Entdeckung machten.
Dass es bestimmte Zeiten im Monatszyklus einer Frau gibt, an denen sie schwanger werden kann, hat erstmals der österreichische Frauenarzt Hermann Knaus vor 75 Jahren auf einem Gynäkologenkongress in Leipzig nachgewiesen. Er konnte zeigen, dass Frauen jeden Monat fruchtbare und unfruchtbare Tage haben.
Etwa zeitgleich machte auch der Japaner Kyusaku Ogino diese Entdeckung. Für die Fachwelt war die Erkenntnis eine Sensation. "Bis dahin hatte man geglaubt, dass Frauen jederzeit schwanger werden können", sagt Günter Freundl, Leiter der Forschungsgruppe für Natürliche Familienplanung (NFP) an der Universität Düsseldorf.
Knaus und Ogino hatten beobachtet, dass meist 12 bis 16 Tage vor der Monatsblutung der Eisprung stattfindet und die Frau nur für kurze Zeit empfängnisbereit ist. Diese Erkenntnis wurde dann schnell zur Familienplanung genutzt.
Eine reine Kalendermethode
Hier sollte die so genannte Knaus-Ogino-Methode helfen. "Es handelt sich dabei um eine reine Kalendermethode", sagt Freundl. Die Frau muss mindestens ein Jahr lang in einem Kalender alle Daten über ihre Menstruation vermerken. Wird dann der längste und kürzeste Monatszyklus bestimmt, können theoretisch daraus die fruchtbaren Tage berechnet werden.
Doch wer mit der Knaus-Ogino-Methode ungewünschten Nachwuchs vermeiden will, kann unter Umständen aus allen Wolken fallen. "Da wurden viele ungeplant schwanger", sagt Angela Seiler von Pro Familia in Pforzheim. Denn zahlreiche Einflüsse wie Krankheit, Alter oder Stress können den monatlichen Zyklus beeinflussen, so dass die Berechnung nach der Kalendermethode nicht mehr stimmt.
"Die Knaus-Ogino-Methode ist zur Vermeidung einer Schwangerschaft daher viel zu unsicher", sagt Freundl. Die mangelnde Sicherheit drückt sich auch in dem so genannten Pearl-Index aus. Dieser beträgt bei dem Verfahren etwa 15 bis 38. Dies bedeutet, dass von 100 Frauen, die innerhalb eines Jahres regelmäßig Geschlechtsverkehr haben, 15 bis 38 schwanger werden, wenn sie die Knaus-Ogino-Methode anwenden. Bei der Pille beträgt der Pearl-Index dagegen nur 0,2 bis 0,7.
Motiv: Weg von der Pille
Auch wenn die Kalendermethode nicht mehr angewandt wird, haben sich aus den Erkenntnissen von Knaus und Ogino neue Methoden einer natürlichen Familienplanung (NFP) entwickelt, die teilweise fast so sicher sind wie die Pille. Insgesamt nutzen derzeit etwa sechs bis sieben Prozent aller Frauen NFP-Methoden, um eine Schwangerschaft zu vermeiden.
"Gerade die sympto-thermale Methode ist hier zu nennen", sagt Freundl. Dabei misst die Frau die morgendliche Körpertemperatur und trägt den Wert in eine Liste ein. Außerdem beobachtet sie ihren so genannten Zervixschleim, eine Absonderung am Scheideneingang. Eine leicht erhöhte Temperatur und ein Fäden ziehender Zervixschleim sind Körperzeichen für die fruchtbaren Tage der Frau. Um eine Schwangerschaft zu vermeiden, muss dann auf Geschlechtsverkehr verzichtet oder in dieser Zeit eine andere Verhütungsmethode angewendet werden.
Die NFP-Methoden nutzen laut Seiler vor allem gesundheitsbewusste, gebildete Paare ab dem 30. Lebensjahr. Viele Frauen wollten keine Chemie im Körper und weg von der Pille. "Bei der sympto-thermalen Methode nehmen die Frauen auch viel mehr ihren Körper wahr", sagt Freundl, der in einer Langzeitstudie die Daten von mehr als 1.800 Frauen ausgewertet hat, die Erfahrung mit NFP-Methoden haben.
Bei Jugendlichen ist laut Seiler NFP aber kein Thema. Oft werde bemängelt, dass der Geschlechtsverkehr nicht mehr beliebig oder an den fruchtbaren Tagen nur mit anderen Verhütungsmethoden durchgeführt werden könne. Außerdem müsse man fähig sein, die fruchtbaren Tage sicher zu berechnen, andernfalls drohe eine Schwangerschaft. "Auch bei Wochenendbeziehungen kann die NFP-Methode zu einer großen Belastung werden", sagt Seiler. Denn fallen die fruchtbaren Tage auf das Wochenende, ist spontaner Geschlechtsverkehr nicht möglich: "Das kann schnell in Frust enden."
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