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Schlechter Kompromiss: Die entleerte Gesundheitskarte

VON ULRIKE WINTER - zuletzt aktualisiert: 28.08.2008 - 14:08

Düsseldorf (RP). Mit großem Rummel soll nächste Woche die Verteilung in Nordrhein-Westfalen verkündet werden. Doch die so genannte Gesundheitskarte hat nichts mit dem zu tun, was das Gesundheitsministerium den Versicherten versprochen hat.

Die neue Gesundheitskarte kommt als Kompromiss daher.  Foto: AP, AP
Die neue Gesundheitskarte kommt als Kompromiss daher. Foto: AP, AP

Sie sollte Blutgruppen speichern und so im Notfall Leben retten. Sie sollte Krankheitsgeschichten und Medikationen dokumentieren und so Fehlbehandlungen verhindern. Doch die einzige Funktion, die die elektronische Gesundheitskarte bei der Verteilung in Nordrhein den bisherigen Chipkarten tatsächlich voraushaben wird, ist ein Lichtbild: Es soll den Missbrauch durch Fremde verhindern – also vor allem die Kassen vor Abzocke schützen, nicht die Behandlung des Patienten optimieren.

Die Karte, die rund zehn Millionen Versicherte der Region zum Jahreswechsel bekommen sollen, ist eine Light-Version der ursprünglich geplanten – bestenfalls. Dass das Gesundheitsministerium und die Betreibergesellschaft Gematik den so genannten Rollout mit mehr als zwei Jahren Verspätung trotzdem um jeden Preis in die Wege leiten, scheint vor allem der anstehenden Bundestagswahl geschuldet.

„Eine Erfolgsmeldung für ein Projekt, das man eigentlich in den Sand gesetzt hat“, sagt Roland Trill sagt, Experte für E-Health an der Fachhochschule Flensburg, der sich seit Jahren mit der Gesundheitskarte beschäftigt.

Warum Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) den Versicherten jetzt eine Karte anbieten muss, die nur einen Bruchteil von dem kann, was sie den Patienten einst in in Aussicht stellte – und was Investitionen von bis zu sieben Milliarden gerechtfertigt hätte, von denen Schätzungen ausgehen? Miserables Projektmanagement, sagen Experten.

Probleme, die bei Tests auftraten – Tests, die übrigens immer noch laufen – wurden nicht ernst genommen. Datenschützer durften die Entwicklung mit Warnungen vor dem gläsernen Patienten immer wieder verzögern – und verteuern. Und offenbar kam man auch nicht gegen die Ärzte an, die um die einträglichen Doppelbehandlungen bangen und die notwendigen Investitionen für die Karteneinführung abwenden wollen.

Einer Praxis entstehen für Kartenlesegerät und Software-Update Kosten von 1400 bis 8000 Euro, so Trill. Nur etwa 3000 Euro werden erstattet. „Ich kann mir durchaus vorstellen, dass die Karten nächstes Jahr wieder eingesammelt werden müssen“, sagt er.

Eine Entwicklung, auf die auch ein junger Unternehmer hofft, der ebenfalls noch in diesem Jahr eine abgespeckte Version der Gesundheitskarte mit 800 Ärzten in Hessen testen will: Einen USB-Stick, auf dem der Arzt die Daten speichert und sie dem Patienten übergibt, erklärt der Siegener Nils Finkernagel sein Produkt – das einmalig 50 Euro koste. Als er beim Gesundheitsministerium deswegen vor drei Jahren um einen Termin bat, habe man ihn abgewimmelt. Begründung: „Das ist uns zu billig.“

Quelle: RPMANTEL

 
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