Kreuzschmerzen: "Die Medizinische Niederlage des 20. Jahrhunderts"
zuletzt aktualisiert: 09.03.2005 - 15:27Hamburg/München (rpo). Kreuzschmerzen sind eine echte Volkskrankheit. Zwei von drei Deutschen waren in den letzten zwölf Monaten davon betroffen. Nach Schätzungen von Gesundheitsministerium und Krankenkassen verursacht das Leiden jährlich Kosten in Höhe von 26 Milliarden Euro und 70 Millionen ausgefallene Arbeitstage. Es gibt aber auch eine gute Nachricht.
Meist verschwinden die Schmerzen nach verhältnismäßig kurzer Zeit von allein. Das gilt vor allem dann, wenn Patienten sich nicht nur auf die Künste der Ärzte verlassen, sondern möglichst schnell selbst wieder aktiv werden.
"Die Selbstheilungsquote ist extrem hoch", sagt der Orthopäde Gerd Müller aus Hamburg, der bei der EU-Kommission in Brüssel europäische Leitlinien zur Behandlung von Kreuzschmerzen mitentwickelt hat. Etwa 75 bis 90 Prozent der akuten Schmerzanfälle im unteren Rückenbereich legten sich innerhalb von vier bis sechs Wochen von selbst, bestätigt der Rückenexperte Prof. Dietrich Grönemeyer von der Privatuniversität Witten-Herdecke.
Zwar lindern Medikamente kurzfristig den Schmerz. Entscheidend ist laut Müller aber, dass die gewohnten Aktivitäten so bald wie möglich wieder aufgenommen werden. Anderenfalls drohe ein Kreislauf aus Schmerz, Schonung, Abbau der Muskulatur und verstärktem Schmerz durch nachlassende körperliche Kräfte.
"Medizinische Niederlage des 20. Jahrhunderts"
Rückenschmerzen sind die "medizinische Niederlage des 20. Jahrhunderts", sagt Grönemeyer unter Berufung auf den schottischen Orthopäden Gordon Waddell. Trotz immer raffinierterer Diagnosemethoden können diese nur in 15 Prozent der Fälle den Schmerz erklären, heißt es in der aktuellen Auflage seines Ratgebers "Mein Rückenbuch" (Zabert Sandmann, ISBN 3-9883-101-9, 19,95 Euro).
Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) in Göttingen ruft die Mediziner mittlerweile ausdrücklich zu Zurückhaltung auf: In ihren Leitlinien zur Behandlung von Kreuzschmerzen warnt die Gesellschaft vor allzu aufwendiger Diagnostik. Vielmehr gelte es zunächst schlicht, die unkomplizierten von den ernsten Fällen zu unterscheiden.
Für diese ernsten Fälle gibt es der Ärzteorganisation zufolge deutliche Warnhinweise: Verletzungen, Fieber, stark ansteigende Schmerzen, neurologische Ausfälle wie Lähmungserscheinungen in den Beinen, Osteoporose und Tumorerkrankungen. Im Gespräch seien deshalb unter anderem Art, Ort und Dauer der Schmerzen zu erfragen. Auch seien Gang, Haltung und Beweglichkeit zu untersuchen. Nur bei komplizierten Fällen oder wenn die Schmerzen länger als vier Wochen dauern beziehungsweise trotz Therapie stärker werden, seien weitere Untersuchungen notwendig.
Röntgenaufnahme meist nutzlos
Eine Röntgenaufnahme ist laut Grönemeyer selten empfehlenswert. Nur bei jedem zehnten Patienten lasse sich damit die Ursache der Beschwerden ermitteln, und in weniger als zwei Prozent der Fälle ergebe sich daraus eine therapeutisch nutzbare Information. "Ein Röntgenbild gibt Patient und Arzt das Gefühl, dass etwas getan wurde, hat aber fast nie therapeutische Konsequenzen", heißt es dazu in den DEGAM-Leitlinien.
Siegfried Götte, Vorsitzender des Berufsverbandes der Fachärzte für Orthopädie (BVO) in Berlin, setzt hingegen neben gründlicher Untersuchung auch auf Röntgenaufnahmen: "Wir wollen ja sehen, ob hinter dem akuten Schmerz nicht ein degenerativer Prozess steht." Dies sei beispielsweise bei älteren Frauen wichtig. Hier könne etwa ein durch Osteoporose bedingter Wirbelbruch die Ursache der Schmerzen sein. Allerdings räumt auch er ein, "dass ein jüngerer Patient vielleicht nicht gleich beim ersten Mal geröntgt werden muss".
Zur Behandlung unkomplizierter Kreuzschmerzen empfiehlt die DEGAM schmerzstillende und entzündungshemmende Medikamente. Mittel zur Entspannung der Muskeln oder so genannte Opioide sollten nur bei unzureichender Wirkung der genannten Mittel verordnet werden oder Patienten mit Unverträglichkeiten vorbehalten bleiben. Laut Orthopäde Götte ist kurzfristig auch eine Behandlung mit so genannten Cox-II-Hemmern möglich. Neuen Studien zufolge können diese Präparate allerdings das Risiko für Schlaganfälle und Herzinfarkte erhöhen.
Badewannen-Effekt
Manuelle Therapie hält Experte Müller für sinnvoll. Auch sei es grundsätzlich positiv, wenn der Arzt den Patienten bei der Behandlung tatsächlich "in die Hand nimmt". Eine Physiotherapie sei hingegen beim ersten Auftreten von Kreuzschmerzen noch nicht angezeigt. Auch die bei Patienten sehr beliebten Massagen sieht der Fachmann kritisch: "Die Amerikaner nennen das den Badewannen-Effekt: Es tut gut, hat aber mit dem Kreuz nichts zu tun."
Viele Ärzte setzen laut DEGAM auch auf Medikamenten-Injektionen. Allerdings gebe es keinen Beleg für die Vorteile des Verfahrens. Gegen die Injektion spreche neben der Gefahr von örtlichen Komplikationen auch "eine mögliche Fixierung des Patienten auf die Spritze". Ziel aber sei das "erfolgreiche Selbstmanagement".
Zu den Dingen, die Patienten selbst tun können, zählt laut Götte das Warmhalten des schmerzenden Bereichs. Dies fördere die Durchblutung und entspanne die Muskeln. Günstig sei es auch, bei einseitigen Tätigkeiten wie längerem Stehen oder Sitzen den Körper stets ein wenig in Bewegung zu halten. Ruckartiges Bewegen und schweres Tragen oder Heben sollten hingegen vermieden werden. Leichte körperliche Tätigkeiten wie Fahrradfahren oder Spazierengehen sind der DEGAM zufolge jedoch auch bei akuten Schmerzattacken möglich.
Langfristig ist es laut Rückenexperte Müller wichtig, sich in seinem Handeln nicht durch die Angst vor dem Schmerz leiten zu lassen. "Das Ziel sollte nicht lauten 'Ich will keine Schmerzen mehr haben', sondern 'Ich möchte wieder Ski fahren, eine Stunde Tennis durchstehen oder mit meinen Freunden wandern können'."
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