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Bestseller-Autor Jonathan Safran Foer: "Es fällt nicht leicht, kein Fleisch zu essen"

VON GEORGES DESRUES - zuletzt aktualisiert: 12.09.2010 - 12:02

Düsseldorf (RP). Nach zwei Weltbestsellern hat Jonathan Safran Foer ein Anti-Fleisch-Buch geschrieben. "Tiere essen" wird heiß diskutiert und liegt auf Platz drei der Spiegel-Bestseller-Liste. Ein Gespräch mit dem Autor, der in den USA so manchem Steak-Fan die Lust auf Fleisch gründlich vermasselt hat.

Vegetarier haben es nicht immer leicht, weiß Bestsellerautor Jonathan Safran Foer.  Foto: ddp
Vegetarier haben es nicht immer leicht, weiß Bestsellerautor Jonathan Safran Foer. Foto: ddp

In Amerika war Ihr Buch zuerst ein Bestseller und hat dort, wie es scheint, viele Menschen zum Vegetarismus bekehrt. War das ihre Absicht?

Foer Eigentlich nicht. Es freut mich natürlich, dass es so ist. In Wirklichkeit hatte ich aber zwei andere Absichten: Einerseits für meine Familie und für mich eine persönliche Antwort auf die wichtige und komplizierte Frage zu finden, was wir eigentlich essen wollen. Und andererseits ging es mir darum, die Diskussion über Fleischkonsum und industrielle Tierhaltung auszuweiten. Was immer man über Fleischkonsum denkt: die Auswirkungen auf die Umwelt und die menschliche Gesundheit sind ein sehr, sehr wichtiges Thema, das nach meiner Auffassung noch nicht ausreichend behandelt wurde.

Das Buch: Jonathan Safran Foer: Tiere essen Verlag, Kiepenheuer & Witsch Erscheinungsdatum: 19.8.2010 Preis: 19,95 Euro Foto: ddp

Sprechen Sie von Fleischkonsum generell oder von der industriellen Tierhaltung?

Foer Das ist so ziemlich dasselbe. 99 Prozent der Nutztiere, mit denen wir in irgendeiner Form in Kontakt treten, wurden industriell gehalten.

Ist unsere Art, mit Tieren umzugehen, nicht nur ein Symptom eines viel größeren Problems, das in der Entfremdung des Menschen von der Umwelt und der Natur im Allgemeinen wurzelt?

Foer Ja – das sehe ich genauso. Das Problem ist diese Idee, dass wir all das, was wir haben wollen, zu jedem Zeitpunkt und in jeder Menge auch haben können. Und nicht einmal den angemessenen Preis dafür bezahlen müssen. Dafür ist die industrielle Tierhaltung wahrscheinlich das beste Beispiel. Es gibt aber sicherlich noch andere wie unsere Abhängigkeit von Erdöl, die Zerstörung der Ozeane, die Abholzung der Wälder und so weiter.

Wie erklären Sie, dass fast alle Menschen, die industrielle Tierhaltung und Fleisch, das daher stammt, prinzipiell ablehnen – es aber trotzdem weiter essen?

Foer Ich bin mir gar nicht so sicher, dass alle gegen industrielle Tierhaltung sind. Zumindest in Amerika wissen die meisten gar nicht, was das wirklich bedeutet. Ich selbst wusste es nicht, bevor ich mit den Nachforschungen für mein Buch begonnen habe. Ich hatte zwar Vorahnungen; hätte man mich aber gefragt, was genau eine industrielle Tierfarm ist, hätte ich wahrscheinlich keine präzise Antwort gewusst. Und sicher hätte ich mich auch verschätzt, wenn man mich gefragt hätte, wie hoch der Anteil industriell hergestellten Fleischs im Supermarkt und im Restaurant ist. Ich wusste zwar, dass diese Art der Tierhaltung schlecht für die Umwelt ist. Ich wusste allerdings nicht, dass Tierzucht die erste Ursache für den Klimawandel ist. Und dass sie – laut UNO – an zweiter oder dritter Stelle aller Ursachen für jedes einzelne nennenswerte Umweltproblem auf der Welt liegt.

Das haben Sie alles erst durch die Arbeit an Ihrem Buch erfahren?

Foer Ja. Und das, obwohl ich ein ziemlich gut informierter Mensch bin. Trotzdem wusste ich nur, dass industrielle Tierhaltung irgendwie etwas Schlechtes ist.

Dann muss das ja ein ziemlicher Schock gewesen sein.

Foer Durchaus. Die Konfrontation mit der Realität war für mich eine echte Offenbarung. Nicht nur die reinen Fakten, sondern auch die Dinge mit eigenen Augen zu sehen und die Geschichten der Leute zu hören, hat mich nachhaltig verändert. Wir haben uns viel zu sehr damit abgefunden, dass es nur zwei Antworten gibt: entweder man engagiert sich voll und ist ganz dagegen – oder es interessiert einen überhaupt nicht. Entweder man ist Vegetarier – oder man ist es nicht. Tatsächlich aber gibt es ein unglaublich breites Spektrum an Zwischenlösungen, die man wählen könnte.

Und die wären?


Foer Würden die Amerikaner zum Beispiel auf nur eine einzige Fleischmahlzeit pro Woche verzichten – zum Beispiel Donnerstag mittags – hätte das für die Umwelt den gleichen Effekt, wie wenn fünf Millionen Autos weniger unterwegs wären. Das ist eine sehr aussagekräftige Statistik.

Also müssen wir nicht alle Vegetarier werden?

Foer Nicht unbedingt. Auch ich mag Fleisch. Und auch mir fällt es nicht leicht, darauf zu verzichten. Ich mag, wie es schmeckt. Und ich mag seinen sozialen Charakter. Dass man es gemeinsam mit der Familie und zu festlichen Anlässen isst, zum Beispiel. Ich habe durchaus Respekt für Leute, die auf Fleisch nicht gänzlich verzichten wollen und keine Vegetarier werden. Was ich nicht respektieren kann, ist, dass jemand nicht dazu bereit ist, auf eine einzige Fleischmahlzeit pro Woche zu verzichten. Das ergibt für mich keinen Sinn.

Nun ist es so, dass der Fleischkonsum in unseren westlichen Ländern leicht abnimmt. In Schwellenländern wie Nigeria, China und sogar Indien explodiert er geradezu. Ist es da nicht naiv zu glauben, der Einzelne im Westen könne etwas verändern?

Foer Soviel ich weiß, steigt der Fleischkonsum auch im Westen. Zumindest in Amerika ist das so. Was aber auch steigt, ist eben das Bewusstsein für das Problem. Zum Beispiel geben zwanzig Prozent der amerikanischen Studenten an, Vegetarier zu sein.

Sie schreiben, dass Sie das als Student selbst von sich behaupteten – allerdings nur, um ,näher an die Brüste weiblicher Aktivisten zu kommen’.

Foer Das stimmt. Wahrscheinlich sind die meisten der Studenten, die das behaupten, auch gar keine Vegetarier. Aber sie wollen sich als solche definieren. Es ist also eine angestrebte Identität. Das allein ist schon ein Fortschritt. Was sich sicher ändern wird, ist die Art, wie wir uns mit Fleisch auseinandersetzen. Ernährungsgewohnheiten und Gesetze werden sich ändern – und zwar weltweit. Das alles wird große Auswirkungen haben. Zum Beispiel auf die Landwirtschaft: Amerika produziert und subventioniert viel zu viel Mais für die Herstellung von Tiernahrung. Dadurch kommt es billiger, Rinder in Futterboxen zu mästen, als sie auf der Weide grasen zu lassen. Durch die Subventionen produzieren wir also einen Überschuss an Fleisch, das dann in die ganze Welt exportiert wird. Das wird sich alles ändern. Es wird dauern, aber es wird sich ändern.

Was macht Sie so optimistisch?

Foer Unser jetziges System ist einfach nicht nachhaltig genug. Eine Menge Dinge könnten der industriellen Tierhaltung ein Ende bereiten. Zum Beispiel der Treibhauseffekt, die Erderwärmung oder auch die Schweinegrippe. Ich hoffe aber, dass wir uns selbst und aus freien Stücken dazu entscheiden, sie zu beenden. Das wäre weniger schmerzhaft.

Nicht nur die großen Fast-Food-Ketten werden sich sträuben. Ist es doch sehr wohl in deren Interesse, dass in Schwellenländern und anderswo mehr Billigfleisch gegessen wird.

Foer Stimmt. Darum sollten die Leute auch nicht zu McDonald’s, Kentucky Fried Chicken oder Burger King gehen.

Sie glauben also, dass der freie Markt das Problem lösen wird?

Foer Der freie Markt ist ein Teil der Lösung. Ich habe viel Vertrauen in die Kraft unseres Konsumverhaltens. Es ist kein Zufall, dass Burger King und KFC Veggie Burger und Veggie Meals anbieten. Sie tun das nicht aus freien Stücken; sondern weil die Leute es verlangen. Heute können sie in Amerika oder Deutschland in keinen Supermarkt mehr gehen, ohne dass Sie dort Eier aus Bodenhaltung finden. Die werden nicht deswegen angeboten, weil die Firmen ein Herz für Hühner haben, sondern weil die Leute sie kaufen wollen. Aber natürlich ist auch eine neue Gesetzgebung Teil des Umdenkungsprozesses. Dazu ist anzumerken, dass die Europäische Union hier relativ fortschrittlich agiert. Die USA sind weit zurück, was Tierschutzgesetze und Umweltverordnungen betrifft.

Sie schreiben, dass Sie nach der Geburt Ihres Sohnes zum Vegetarier wurden und aufgehört haben, Tiere zu essen. Also auch keinen Fisch?

Foer Fische leiden mindestens so sehr wie Landtiere. Entweder sie werden auf viel zu geringem Platz gezüchtet – oder aber gnadenlos gejagt und auf bestialische Art umgebracht.

Eier und Milchprodukte essen Sie aber nach wie vor. Milchkühe und Legehennen fristen in Fabriken aber durchaus kein besseres Dasein als ihre fleischliefernden Artgenossen.

Foer Es stimmt, dass für diese Tiere dasselbe Argument gilt. Praktisch gesehen ist es aber viel, viel schwieriger, auf Eier und Milchprodukte zu verzichten. Als Veganer zu leben kann extrem kompliziert sein.

Bei den Gerichten im Restaurant wissen Sie ja auch nicht unbedingt, wo die Eier und die Milch herkommen. Wie halten Sie es da mit dem Einkauf?

Foer Nahe unserer Wohnung in Brooklyn gibt es einen Bauernmarkt. Da bekommen sie tonnenweise Informationen über die Bauernhöfe, über wie die Tiere leben und so weiter. Manche haben richtige Fotoalben. Ich kaufe nur da ein.

Das könnte man doch aber mit Fisch und Fleisch genauso halten. Ist es das, was Sie unter einem verantwortungsbewussten Konsumenten verstehen?

Foer Es geht nicht so sehr um verantwortungsbewusst und verantwortungslos. Jeder sollte wissen, was einem wichtig ist. Ich hatte niemals einen objektiven Verhaltensstandard im Sinn. Mir ging es darum, dass man seine Werte mit den Produkten in Verbindung bringt, die man kauft und isst.


 
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