Aus dem Kaufhaus: Fertigbrillen sind nur ein Notbehelf
VON WOLFRAM GOERTZ - zuletzt aktualisiert: 03.09.2010 - 11:01Düsseldorf (RP). Es ist meistens eine Entscheidung im Selbsttest vor dem Kaufhausregal. „Diese Fertigbrille sieht gut und modern aus, und die Sehstärke ist deutlich besser als die meiner aktuellen Brille“, denkt der Kunde – und kauft sie. Doch Augenärzte und vor allem Optiker sind nicht so glücklich.
Fertigbrillen gibt es meistens für kleines Geld. Augenärzte und Optiker sind mit der Konkurrenz aus dem Discounter nicht ganz so zufrieden. Sie sehen natürlich, dass sie hier Kundschaft verlieren. Aber sie warnen auch vor Brillen, die auf Dauer nicht so gut sind, wie es der erste Eindruck verspricht.
Jeder kennt den Moment, dass er Buch oder Zeitung weiter von sich weg hält – Anzeichen für die am weitesten verbreitete Fehlsichtigkeit, die sogenannte Presbyopie. Sie betrifft meist Augen von Menschen über 40. Durch die nachlassende Elastizität der Augenlinse kann sich das Auge nicht mehr so gut auf die Nähe einstellen. Wenn dann der Arm nicht mehr lang genug ist, kommt der Betroffene zur Erkenntnis, dass er eine Lesebrille benötigt.
Früher betrat er nun die Domäne des Augenarztes, der ihn untersucht, seine Sehkraft maß und eine Brille verschrieb. Das dürfen mittlerweile auch Augenoptiker, die dann die individuell angepasste und richtig zentrierte Brille anfertigen. Fertigbrillen haben diesen individuellen Zuschnitt nicht. Sie sind in standardisierten Sehstärken auf dem Markt.
„Das ist eine Brillenversorgung, die mich an das Mittelalter erinnert“, sagt Egbert Freiherr von dem Bussche. Er war 37 Jahre Augenoptiker in Düsseldorf und hat sich jetzt in den Ruhestand verabschiedet. Er hat also keinen persönlichen Nachteil mehr von den Fertigbrillen aus dem Supermarkt. Deshalb wirkt seine Warnung uneigennützig.
Bussche rechnet vor: „Es gibt etwa 180 Millionen Möglichkeiten für Brillengläser. Davon ist für eine bestimmte Person immer eine einzige die richtige. Für Fertigbrillen gibt es jedoch nur gut ein Dutzend verschiedener Brillenstärken.“ In der Tat, bei Fertigbrillen besteht für das rechte und linke Auge stets die gleiche Gläserstärke. Man könne aber davon ausgehen, dass etwa 70 Prozent aller Fehlsichtigen eine ungleiche Brechkraft der Augen haben. „Somit wird mit der Fertigbrille also ein Auge unzureichend versorgt und ist damit sehschwach. Sogenannte astigmatische Gläser zur Korrektur einer Hornhautverkrümmung können bei Fertigbrillen selbstverständlich auch nicht berücksichtig werden.“ Folgen können sein: brennende, tränende und müde Augen bis zum Kopfschmerz.
Bussche bleibt realistisch: „Natürlich ist es sinnvoll, eine Fertigbrille als Nothelfer griffbereit zu haben für den Fall, dass die richtige Brille mal zu Bruch geht.“ Aber sie sollte wirklich nur ein Ersatz sein.
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