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Experten-Interview: Finger weg von Billigoperationen

VON NATASCHA PLANKERMANN - zuletzt aktualisiert: 11.11.2006 - 15:58

Düsseldorf (RP). Mit den Künsten der Schönheitschirurgie verbinden sich viele Hoffnungen, aber auch Ängste – vor allem davor, nach der Narkose verunstaltet wieder aufzuwachen. Natascha Plankermann sprach mit einem Experten über die Auswahl des richtigen Operateurs und die Verantwortung der Mediziner.

Prof. Heinz-Gerhard Bull ist Vorsitzender der Gesellschaft für Ästhetische Chirurgie Deutschland (GÄCD) und Chefarzt der Abteilung Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie / Plastische Operationen am St. Josefshospital Krefeld-Uerdingen.

Wie hat sich die Schönheitschirurgie in Deutschland entwickelt?
Bull: Es gab immer schon Fachleute, die bestimmte Regionen des Körpers im Blick hatten – zum Beispiel die Hals-Nasen-Ohren-Ärzte oder die Experten für Mund, Kiefer und Gesicht. Und wer funktionelle Operationen wie das Entfernen der Ohrspeicheldrüse beherrscht, weiß, wo die Gesichtsnerven liegen – er kann also ein Face-Lift umsetzen. Ein Augenarzt hingegen kennt die Anatomie des Lidapparates, er ist prädestiniert für eine ästhetische Operation in diesem Bereich. Ich denke, keiner kann von Kopf bis Fuß alle Operationen machen, er muss sich mit Funktion und Ästhetik gleichermaßen auskennen.

Aber es gab doch eine gemeinsame "Muttergesellschaft" für alle, die sich mit plastischer und ästhetischer Chirurgie beschäftigten?
Bull: Ja, das war nach dem Zweiten Weltkrieg die Deutsche Gesellschaft für Plastische Wiederherstellungschirurgie. Doch nach internen Querelen spalteten sich neue Verbände ab – darunter die größten, die Deutsche Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC) und die GÄCD, Gesellschaft für Ästhetische Chirurgie Deutschland. Die GÄCD stellt die ästhetische Chirurgie in den Mittelpunkt und achtet bei ihren 500 Mitgliedern darauf, dass bei der Aus- und Weiterbildung zum ästhetischen Chirurgen die Fachgrenzen eingehalten werden – von der Augenheilkunde über die Dermatologie bis zur Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie.

Was ist denn der Unterschied zwischen ästhetischer und plastischer Chirurgie?
Bull: Bei der plastischen Chirurgie geht es darum, Fehlbildungen, die angeboren oder durch einen Unfall bzw. einen Tumor verursacht wurden, zu korrigieren. Das gilt beispielsweise für die Lippen-Kiefer-Gaumenspalte - häufig Hasenscharte oder Wolfsrachen genannt – diese hat stets auch eine ästhetische Bedeutung für die Patienten. Reine ästhetische Operationen müssen nicht unbedingt sein, können aber den Patienten von einem großen psychischen Druck befreien – wenn er etwa unter einer krummen Nase leidet.

Worauf sollte man bei der Auswahl des Operateurs achten, wenn man einen Eingriff plant?
Bull: Erst einmal sollte der Arzt eine Standard-Facharztausbildung haben – also etwa zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt, wenn eine Nasenkorrektur beabsichtigt wird. Der Operateur sollte in seinem Fachgebiet ästhetisch-plastisch weitergebildet sein. Entsprechende Adressen gibt es über die großen Verbände. Denn im Fall der Nase geht es ja nicht nur darum, äußerlich einen Höcker "abzukratzen", sondern auch das Innenleben des Organs – sprich, etwa die Nasenscheidewand – zu berücksichtigen. Sonst gibt es Fehloperationen wie bei einem Patienten, der zu mir kam, weil er nach einer Lidoperation seine Augen nicht mehr schließen konnte. Nicht immer kann der Spezialist dann helfen. Deshalb rate ich, sich etwa nach einer Faltenunterspritzung einen Patientenpass geben zu lassen, in dem steht, was gespritzt wurde. Nur so ist es möglich, etwas zu unternehmen, wenn nach einer gewissen Zeit beispielsweise Fremdkörper, also Granulome, innerhalb der Haut entstehen.

Haben sich die Techniken inzwischen nicht zu einer gewissen Perfektion entwickelt?
Bull: Insgesamt werden weniger aggressive und damit mehr minimalinvasive Operationstechniken angewendet. Die Patienten haben ja auch hohe Ansprüche – sie möchten nach einem Face-Lift keine Veränderungen in ihrer Mimik und einen Gewinn von acht bis zwölf Jahren haben. Das geht inzwischen, indem man nicht nur die Haut strafft, sondern auch die darunter liegenden Schichten anhebt, also die Muskeln und das Fettgewebe. Dadurch ist die Haut nicht so sehr angespannt, und die "geschenkten" zehn Jahre nimmt man auch in Zukunft mit, sieht also mit 50 Jahren aus wie 40, mit 60 wie 50 und so weiter. Wir versprechen nicht, die Menschen faltenfrei zu machen – aber eine Kunsthistorik-Professorin, die durch tiefe Falten mürrisch und abweisend wirkte, fühlte sich beispielsweise nach der OP wieder als Gesprächspartnerin auch von Jüngeren akzeptiert.

Ist es denn wahr, dass sich auch immer mehr Männer unters Messer legen?
Bull: Ja, sie trauen sich inzwischen zu sagen: "Mein Bauch oder mein dicker Hals stören mich." Oft kommen sie zusammen mit ihren Frauen – diese unterstützen sie häufig bei dem Plan, eine Schönheits-Operation durchführen zu lassen.

Und wie sieht es mit dem Anteil von Jugendlichen in den Praxen von Schönheitschirurgen aus?
Bull: Nach Auskunft meiner Kollegen kommen verschwindend wenig junge Patienten, die nach einer Brust-Operation oder Fettabsaugen fragen – und diese werden wieder nach Hause geschickt. Anders sieht es mit angeborenen Leiden wie abstehenden Ohren aus. Hier operieren wir bis zu einem Alter von 13 Jahren, und das zahlen auch die gesetzlichen Kassen.

Gibt es auch Patienten, die Sie ablehnen?
Bull: Ja, wenn ich im Beratungsgespräch merke, dass jemand völlig übersteigerte Wünsche hat oder unter dem so genannten Dysmorphie-Syndrom leidet. Das bedeutet, dass er oder sie mit seiner Gesichts- und Körperform auch nach mehreren Operationen nicht zufrieden sein wird. Solche Patienten schicke ich zunächst zum Psychiater, damit eine gemeinsame Lösung gefunden werden kann. Als Mediziner hat man schließlich eine ethische und ärztliche Verantwortung.

Wird eigentlich weltweit den gleichen Schönheitsidealen nachgeeifert?
Bull: Die Chirurgen arbeiten zwar alle mit den gleichen Methoden, doch das ästhetische Empfinden unterscheidet sich je nach Kulturkreis. So lassen sich die Asiaten beispielsweise die Oberlidfalte operieren und den Jochbogen anheben, um europäischer auszusehen – und in Amerika sind das Schaffen große Brüste und extreme Face-Liftings gang und gäbe.

Und in manchen Ländern locken auch günstigere Preise bei Operationen …
Bull: Ja, vor allem in Thailand oder in osteuropäischen Ländern – doch davor kann ich nur warnen, denn es gibt keine Nachsorge und die Patienten kommen dann nach zwei Wochen Urlaub mit ihren Problemen zu uns nach Deutschland. Ist man hierzulande nach einer OP nicht zufrieden, bietet beispielsweise die GÄCD an, ohne Kosten für die Betroffenen ein Gutachten von zwei kompetenten Fachleuten erstellen zu lassen, damit die Qualität des Eingriffs beurteilt werden kann.

Hilfestellung bei der Arztsuche bietet die Gesellschaft für Ästhetische Chirurgie Deutschland e. V. unter www.gacd.de, Tel.: 0 61 96-6 52 49 23


 
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