Reserve-Antibiotika drohen zu versagen: Gefährliche Keime in der Klinik
VON WOLFRAM GOERTZ - zuletzt aktualisiert: 28.11.2007 - 12:56Düsseldorf (RP). Der Krankenhauskeim MRSA ist gegen viele Antibiotika bereits resistent, und nun drohen auch die so genannten Reserve-Antibiotika zu versagen. In Deutschland haben sich MRSA-Fälle in den vergangenen zehn Jahren verzehnfacht. Die Niederländer zeigen uns, wie Hygiene und Aufsicht helfen.
Der freie Grenzverkehr ist in der Medizin wieder abgeschafft, die Niederländer beginnen sich vor uns Deutschen zu sorgen. Wer zwischen Maastricht und Amsterdam in eine Klinik eingeliefert wird und einen deutschen Pass besitzt, wird erst einmal auf die Isolierstation gesteckt. Er könnte, so geht die Furcht, MRSA-koloniert sein.
MRSA ist eines der Reizkürzel der deutschen Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene. Es bedeutet: Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus. Hinter diesem Wortmonster verbirgt sich ein Bakterium, das herkömmliche Antibiotika (im Kürzel das mittlerweile ausgemusterte Methicillin aus der Penicillin-Gruppe) nicht mehr knacken.
Der normale Staphylococcus aureus kommt in Nase und Rachenraum sowie auf der Haut der meisten gesunden Menschen vor und verursacht selten Beschwerden; die Immunabwehr hält ihn in Schach. Aber weil hierzulande Antibiotika immer noch wie wild verschrieben werden, gibt es eine schier räumliche Verdrängung und Parkplatzwilderei: Andere, harmlosere, aber sensible Bakterien werden vernichtet, und in diesen jetzt heftig geputzten mikrobiologischen Leerraum dringt Staphylococcus aureus per Vermehrung ungehindert vor. Das eigentlich nützliche Gleichgewicht der Bakterien ist zerstört.
Und weil der Keim sein genetisches Programm unter spendabler Antibiotika-Gabe gern ändert, wird er resistent. Unter 100 Staphylococcus-Proben waren bei uns vor zehn Jahren noch zwei Prozent MRSA-Fälle – jetzt sind es knapp 25 Prozent. Warum ist das so dramatisch, wenn das Bakterium doch unproblematisch ist? Beim Eindringen in normalerweise keimfreie Teile des Körpers kann Staphylococcus aureus Infektionen und eine Sepsis auslösen.
Wenn ihn dann keine Waffe mehr besiegt, droht vor allem kranken und frisch operierten Patienten großes Übel. Riskant, wenn man als Patient einen Katheter (Zentraler Venenkatheter, Arterie, Dialyse-Shunt), eine Wunddrainage, eine Wundfläche (nach OP oder bei Verbrennungen) oder eine chronische Hautläsion hat.
Und warum schützen sich die Niederländer vor uns? In unserem Nachbarland ist die MRSA-Häufigkeit spektakulär geringer, weil dort Patienten gründlicher saniert, also MRSA-entkolonisiert werden als bei uns. Nur ein Prozent der holländischen Staphylococcus-aureus-Proben sind die tückischen MRSA-Verwandten; ähnlich günstige Zahlen gibt es in Skandinavien.
Gewiss kommen die meisten MRSA-Fälle auch bei den Niederländern im Krankenhaus vor. Aber dort werden die Patienten erst unbeaufsichtigt gelassen, wenn sie MRSA-frei sind; die Vernetzung mit den Hausärzten per Arztbrief klappt dort gut. Derzeit versucht ein Euregio-Team der Universitäten Enschede und Münster, MRSA-Fälle im Nahbereich zu überwachen und den Alltag im medizinischen Grenzverkehr zu normalisieren. Dazu zählt auch die Sensibilisierung fürs Thema.
Solche Aktionen sind auch dringend nötig, denn schon drohen uns die so genannten Reserve-Antibiotika auszugehen. Gegen Vancomycin, lange die letzte Waffe gegen MRSA, gibt es bereits einige Resistenzen, und auch das angeblich geniale Linezolid hat sich hier und da schon geschlagen geben müssen.
Dabei ist die erste Bürgerpflicht einfach: Hände waschen!
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