Schweiß stinkt nicht: Gut, dass wir schwitzen
VON WALTER SCHMIDT - zuletzt aktualisiert: 31.07.2007Düsseldorf (RP). Alle tun es, doch niemand mag es: Die meisten Menschen würden das Schwitzen gerne vermeiden. Doch ohne das ständige Absondern von Schweiß könnten wir nicht überleben. Höchste Zeit für eine Image-Korrektur.
Es ist uns einigen Aufwand wert, nicht nach Schweiß zu müffeln. So ließen sich die Bundesbürger den Kampf gegen üble Achselgerüche im Jahr 2006 nach Angaben des Industrieverbandes Körperpflege und Waschmittel (IKW) rund 621 Millionen Euro kosten. Eine Gesellschaft, die cool bleiben möchte, muss das Schwitzen verfemen – und begeht Fehler.
„Dicke schwitzen wie die Schweine“, sang Marius Müller-Westernhagen – für ihn ein guter Grund, froh über seine Schlankheit zu sein. Doch der Barde irrte doppelt. Erstens können Schweine mangels Schweißdrüsen nicht schwitzen. Und mehr als Dünne schwitzen Dicke „nicht unbedingt“, sagt der Berliner Dermatologe Gerhard Kolde. Es gelte: Sportler schwitzen früher als Untrainierte und sind so besser vor Überhitzung geschützt. Man schwitzt umso mehr, je mehr man sich körperlich fordert, und umso eher, je untrainierter man ist.
Ab etwa 29 Grad Lufttemperatur muss jeder Körper transpirieren, selbst ein ruhender. Damit wäre auch schon geklärt, warum wir überhaupt schwitzen: Als gleichwarme Lebewesen können wir so unsere Innentemperatur regeln, ohne uns wie Schweine zum Abkühlen in Schlamm- und Wasserbädern suhlen zu müssen. Denn Stoffwechsel und Muskelarbeit erzeugen ständig Wärme, die wir über die Atemluft, vor allem aber über die Haut abgeben müssen.
Unsere Körpermaschine verschleudert Energie: Für jede in Muskelkraft umgesetzte Kalorie gehen drei Kalorien an Abwärme verloren. Lebensgefährlich zu überhitzen drohen deshalb Menschen, die an Anhidrose (hidros: griechisch für Schweiß) leiden und nicht schwitzen können. Diese Störung ist jedoch äußerst selten.
Wenn auf der Haut Schweiß verdampft, entzieht das dem Körper Wärme, und zwar effektiv: Um einen Liter Wasser zu verdampfen, sind 2400 Kilojoule Wärme nötig. Jeden Tag, auch nachts, verdunsten wir mindestens einen halben Liter Schweiß – bei extremer Hitze sogar bis zu einem Liter pro Stunde. Selbst beim Schwimmen schwitzen wir – allerdings nur, wenn wir uns dabei sehr anstrengen, denn das Wasser führt Körperwärme viel besser ab als gut isolierende Luft. Leistungsschwimmer verlieren pro Stunde ungefähr einen Drittelliter Schweiß, hat Uwe Wöllstein an der Abteilung Sportphysiologie der Universität in Mainz herausgefunden.
Millionen von Schweißdrüsen stellen den Betriebsstoff unserer Körper-Klimaanlage her. Stirn, Handteller, Achseln und Fußsohlen sind besonders dicht davon durchsetzt. Hier finden sich bis zu 400 Drüsen je Quadratzentimeter, siebenmal so viele wie etwa in der Haut von Gesäß oder Rücken.
Der größte Teil des Schweißes bildet sich in den kleinen, von winzigen Adern umhüllten Knäueldrüsen der Unterhaut; alleine davon besitzt ein Mensch zwei bis drei Millionen. Über einen Gang enden die Drüsen in einer Hautpore, wo sich beim Schwitzen sichtbare Tröpfchen bilden. Die klare und saure Kühlflüssigkeit besteht zu 99 Prozent aus Wasser, enthält aber auch Kochsalz, Harnsäure, Ammoniak und Harnstoff.
Die großen Knäueldrüsen oder Duftdrüsen bildet der Körper erst in der Pubertät aus, und zwar an den Haarwurzeln, vorwiegend in der Achselhöhle, an After und Geschlechtsorganen, aber auch Naseneingang oder an den Brustwarzen.
Das Drüsensekret enthält neben Wasser auch Eiweiße, Fette und Aminosäuren. Entleeren sich die Duftdrüsen, dient das weniger der Hitzeabfuhr, sondern dem Ausdruck von Gefühlen wie Wut und Schmerz, Angst und sexueller Lust.
Eine verbreitete Mär ist, dass Schweiß stinkt. Übel riecht nur das, was Hautbakterien übrig lassen, wenn sie den aus Duftdrüsen abgesonderten Schweiß abbauen. Wie ihre Abbauprodukte müffeln, hängt von der Schweiß-Komposition und der Bakterienart ab.
Schweiß aus Duftdrüsen enthält obendrein Pheromone, also sexuell motivierte Lockstoffe. Sie signalisieren zum Beispiel einer Frau, ob ein Mann über ein Immunsystem verfügt, das von ihrem eigenen ausreichend stark abweicht, um besonders widerstandsfähige Nachkommen zu zeugen.
Männerschweiß verlockt allerdings auch, weil er Androstenol und dessen Abbauprodukt Androstenon enthält. Die Wiener Verhaltensforscherin Astrid Jütte fand mit einem Test im Wartezimmer einer Arztpraxis Verblüffendes heraus: Während des Eisprungs, wenn Frauen physiologisch besonders bereit zur Fortpflanzung sind, setzen sie sich auffallend oft auf Stühle, die mit Androstenon präpariert waren.
Wir schwitzen also auch, um unsere Gene zu vererben.
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