Prof. Dr. Christoph Kosinski: Keine "Halbgötter in Weiß", sondern richtig miese Typen
zuletzt aktualisiert: 22.03.2007 - 16:25Zunächst fand ich den Fall schon spannend, aber es wurde immer abstruser und unrealistischer. Ab dem Zeitpunkt der Lebertransplantation, die so dargestellt wurde wie ein kleiner Routineeingriff im Stil einer Blinddarmoperation, habe ich dann innerlich allerdings abgeschaltet.
Realistisch war fast gar nichts. Fachbegriffe wie Wegener-Granulomatose wurden in den Raum geworfen, ohne dass die adäquaten Untersuchungen durchgeführt werden (Kernspintomographie, Liquor, ACE, Bronchial-Lavage). Die Lebertransplantation lief wie ein Routineeingriff im Stil einer Blinddarmoperation ab. Um die Verträglichkeit des Spenderorgans sicherzustellen, genügte House die gleiche Blutgruppe des Spenders - abstrus! Die Symptome der Patientin waren grotesk und völlig unrealistisch, etwa Augenbewegungen eines REM-Schlafes bei wacher Patientin? So etwas gibt es nicht (und schon gar nicht bei Beulenpest!). Die Patientin fängt spontan an zu bluten, trotzdem sind alle Laborwerte normal, wenig später kippt sie dann ins Leberversagen: Das entzieht sich jeder Logik. So könnte ich fortfahren und Szene um Szene sezieren. Realistisch? Nein, mit Krankenhausalltag hatte das nicht das Geringste zu tun.
Weder in Deutschland noch in den USA sind solche Szenarien denkbar. Ich habe längere Zeit in USA in Spitzenkrankenhäusern gearbeitet und kann Ihnen versichern, dass es auch für dortige Verhältnisse total unrealistisch ist. Dr. House und seine Ärzte geben sich oberschlau und wissen offensichtlich in allen Fachgebieten bestens Bescheid. Derselbe Arzt kann komplexe Augenuntersuchungen und Darmspiegelungen selbstständig durchführen - wer würde sich das von ein und demselben "Spezialisten" gefallen lassen?
Und eine Darmspiegelung ohne Betäubung ist heutzutage undenkbar. Dem würde sich jeder ethisch halbwegs verpflichtete Arzt entziehen. Diese Hoppla-hopp-Lebertransplantation wirkte geradezu grotesk. Schlimm der Showdown. Gerade als Dr. House die erleuchtende Idee kam, hatte die Patientin endlich die geeignete Hautveränderung entwickelt, die ihm die Diagnose einer Beulenpest erlaubte. Und dann ist die Diagnose auch schon vor Abwarten der Untersuchungsergebnisse natürlich so klar, dass mit der Therapie sofort begonnen werden kann - einfach genial.
Mitarbeiter wie die von Dr. House würden in einem Krankenhaus keinen Tag überstehen. Sie strotzen zwar vor Pseudoschlauheiten, aber verstehen die grundlegenden Basisverfahren nicht. Und hat man es wirklich mit einem schwierigen Fall zu tun, weiß man eben nicht alles aus dem Kopf. Man ist gezwungen zu recherchieren, was zugegebenermaßen bei weitem nicht so elegant und TV-wirksam ist. Hier heißt es dicke Bücher wälzen, Internetrecherchen durchführen und ggf. auch telefonieren mit den wirklichen Spezialisten, die sich unter Umständen seit Jahren mit einem bestimmten Phänomen wissenschaftlich beschäftigen (hier zum Beispiel "Insomnie") und dazu alle möglichen Differentialdiagnosen kennen.
Vom Medizinischen war die Serie nicht sonderlich unterhaltsam. Die zwischenmenschlichen Konflikte sind es wohl eher, die einen dabei halten, weil die Ärzte hier nicht die "Halbgötter in Weiß" sind, sondern richtig miese Typen. Das geht so gegen den sonstigen Trend von Arztserien, dass ich hier eher den Erfolg der Serie vermute.
Prof. Dr. Christoph Kosinski ist leitender Oberarzt für Neurologie an der Universitätsklinik Aachen.
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