Hungerbekämpfung revolutioniert: Leben retten durch Erdnussbutter
zuletzt aktualisiert: 15.07.2005 - 08:21Malaunay (rpo). Der weltweite Kampf gegen Hungersnöte und Unterernährung kann mit einem unscheinbaren Päckchen Paste revolutioniert werden. Auf Basis von Erdnussbutter stellt eine kleine Firma in der Normandie ein Nahrungsmittel her, das inzwischen in Niger und anderen Krisenregionen Afrikas genauso eingesetzt wird wie in Turkmenistan, Haiti oder Afghanistan - und die Helfer sind begeistert.
Anders als das übliche Milchpulver muss die Paste nicht in sauberem Wasser aufgelöst werden, Familien können ihre Kinder zu Hause gesund pflegen. Die Reaktion von Kinderärzten auf das Erdnussmus mit Namen "Plumpy'nut" ist begeistert: "Es ist deutlich wirksamer als Milchpulver, wir haben damit eine Heilungsrate von 95 Prozent im Vergleich zu 45 Prozent mit Pulver", sagt der US-Arzt Mark Manary von der Washington School of Medicine in St. Louis, der zur Zeit in Malawi im Einsatz ist.
Die Paste könne länger verabreicht werden, da die Familien Portionsbeutel mit nach Hause nehmen. Zudem habe sie mit 500 Kilokalorien für 92 Gramm eine hohe Energiedichte. Das sei wichtig, weil "unterernährte Menschen keine großen Mengen verzehren können", so Manary. Selbst in unhygienischer Umgebung bleibt Plumpy'nut zudem zwei Jahre haltbar.
Damit scheinen die Ursprünge der Hungerhilfe in den 80er Jahren Lichtjahre entfernt: Damals verschickten die Europäer ihre landwirtschaftliche Überproduktion in die Dritte Welt. Nicht-Regierungs-Organisationen brachten seit den 90er Jahren eine Wende: Durch private Spenden finanziert, mussten diese Hilfsgruppen Rechenschaft ablegen und Resultate vorweisen - derKampf gegen Armut und Hunger wurde professioneller.
Dies sei eine "Kulturrevolution" gewesen, sagt Michel Lescanne, Mit-Erfinder der Erdnusspaste. In seiner Küche gründete der 51-jährige Lebensmittelingenieur 1986 als Ein-Mann-Betrieb die Firma Nutriset. Mittlerweile hat sein Unternehmen mehr als 50 Angestellte. Im idyllischen normannischen Dorf Malaunay, zwischen grünen Wiesen und romantischen Fachwerkhäusern, steht eine Anlage im Container-Stil, in der tonnenweise Erdnussmus und Milchpulver für hungernde Kinder in Darfur, Sierra Leone oder Somalia hergestellt werden.
Der erste Durchbruch gelang Lescanne 1993, als er mit anderen Ernährungsexperten und Hilfsorganisationen Milchpulver für ein Drei-Stufen-System entwickelte, das unterernährte Kinder wieder auf den Damm bringt: Doch schon bald stellten sich neue Fragen: Der Milchpulvermix muss in sauberem Wasser aufgelöst werden, das oft fehlt. Also müssen die kleinen Patienten während der Behandlung in den Gesundheitszentren der humanitären Helfer bleiben. "Dort stecken sich die Kinder natürlich gegenseitig mit allen möglichen Krankheiten an", berichtet Lescanne. "Wir suchten also eine Möglichkeit, die Kinder zu Hause zu ernähren."
Versuche mit Riegeln oder Schokolade erwiesen sich als weder schmackhaft noch transportabel oder haltbar, andere waren einfach zu kostspielig. Bis der Einfall mit der Erdnusspaste kam, den Lescanne der gemeinsamen Anstrengung vieler Experten zuschreibt. "Es kommt der Moment, wo die Lösung einem so klar einleuchtet, dass man sich fragt, warum man sie nicht früher gefunden hat", so der Lebensmittelingenieur, dessen wasserblaue Augen unter dichten schwarzen Augenbrauen hervorlugen.
Die Produktion begann 1999. Heute ist Plumpy'nut von vielen Hilfsorganisationen anerkannt; verkauft wird es nur an NGOs wie Ärzte ohne Grenzen und an die UNO. 450 Tonnen Erdnusspaste wurden 2003 produziert, vergangenes Jahr waren es schon 1000 Tonnen und in der ersten Hälfte des laufenden Jahres bereits 900 Tonnen. Auch mit den Umsätzen der Firma ging es steil aufwärts: Lagen sie 1999 noch bei fünf Millionen Euro, erreichten sie 2004 schon zwölf Millionen Euro. Nach dem Franchising-Prinzip wird die Paste inwzischen auch in Malawi, Niger und Kongo hergestellt.
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