Ernährung spielt eine Rolle: Mädchen pubertieren immer früher
VON SUSANNE DONNER - zuletzt aktualisiert: 13.11.2007Düsseldorf (RP). Teenager kommen heute drei bis fünf Jahre früher in die Pubertät. Die Gründe sind vielfältig: Die bessere Ernährung spielt eine Rolle, eine andere Ursache ist die Situation im Elternhaus. Als Erwachsene tun sich frühreife Mädchen schwerer als unauffällige Altersgenossen.
Frühreife Mädchen haben es nicht leicht. Unter Gleichaltrigen fallen sie sofort auf: Sie sind höher gewachsen, wirken viel weiblicher als die wie Kinder anmutende Schulkameraden. Bei einigen hat die Menstruation schon im Alter von zehn Jahren eingesetzt. In fast jeder Klasse gibt es zwei, drei Mädchen, die derart hervorstechen – Tendenz steigend.
Verglichen mit der Situation vor hundert Jahren kommen Mädchen heute um drei bis fünf Jahre früher in die Pubertät. Ein Grund dafür ist die üppige Ernährung. Dadurch werden mehr Fettzellen angelegt, die Geschlechtshormone freisetzen, wie man seit kurzem weiß. Dies ist der Hauptgrund, weshalb pummelige Mädchen ihre Menstruation meist früher bekommen als schlanke.
Jenseits des Gewichts gibt es noch andere Ursachen für frühe Pubertät: Gerade Mädchen reagieren sehr empfindsam auf Umwelteinflüsse. Streiten die Eltern oder verlässt der Vater die Familie, so reifen die Töchter besonders rasch, fanden Forscher in den USA und Europa heraus. Ein ungemütliches Zuhause begünstigt offenbar eine frühe Mutterschaft. Sie ermöglicht damit eine frühe Selbstständigkeit der Frau. Die Wissenschaftler sind sich jedoch noch nicht im Klaren, worauf dieser Effekt beruht. Stresshormone könnten die Pubertät beschleunigen, so eine Vermutung.
Allenthalben haben es diese Mädchen besonders schwer, behaupten Psychologen, darunter Julia Graber von der University of Florida in Gainesville. „Mädchen, die sich körperlich sehr rasch entwickeln, sprechen häufig ältere Jungen an“, erklärt sie. Diese Vorliebe hinterlässt Spuren: Da ältere Jugendliche mehr Freiheiten genießen, länger ausgehen dürfen und exzessivere Partys feiern, kommen die Mädchen in ihrer Gesellschaft üblicherweise früher mit Zigaretten und Alkohol in Berührung. Viele frühreife Frauen rauchen und trinken daher bereits in jungen Jahren, führt Graber aus. Damit häufen sich Konflikte mit den Eltern, wie sie in einer Befragung von 14- und 15-Jährigen herausfand.
Die konfliktreiche Jugend trübt nicht nur die Teeniejahre, sondern erschwert auch den Start ins Erwachsenenleben. Dies stellte Graber fest, als sie die frühreifen Mädchen im Alter von 24 Jahren erneut befragte: „In dieser Gruppe traten mehr Fälle von Alkohol- und Drogenmissbrauch, Depressionen, Essstörungen und Verhaltensauffälligkeiten auf. Auch die Beziehung zur Familie war schlechter als bei den übrigen Frauen.“
Graber erklärt die Bürde der frühen Pubertät vor allem mit der Situation zuhause. Die Mädchen würden von ihren Eltern oft weniger unterstützt. In einigen Fällen wäre der Kontakt frühzeitig abgebrochen. Dem ausgeprägten Wunsch nach Autonomie der frühreifen Töchter begegnen manche Eltern aus Angst mit Freiheitsentzug. Die Jugend der Teenies ist von Spannungen und Auseinandersetzungen geprägt. „Am Ende ist bei den Mädchen sogar die Fähigkeit, die eigenen Gefühle zu verarbeiten und zu kontrollieren, unterentwickelt“, so Graber. Dagegen hätten Freundinnen, die spät in die Pubertät kommen, aber auch Jungen, ob sie nun früh oder spät reifen, als Erwachsene keine Nachteile.
„Frühreife Mädchen leiden auch darunter, dass ihre Hüften und der Po durch die körperliche Entwicklung zur Frau üppiger sind als die der Mitschülerinnen“, glaubt Karina Weichold, Entwicklungspsychologin der Universität Jena. „Die Mädchen sind mit ihren Körperproportionen unzufrieden.“ Die runden Linien widersprechen dem Schönheitsideal vom schlanken, hochgewachsenen Modell. Unter Gleichaltrigen wird über zu viel Pfunde hemmungslos gelästert.
Grabers Einschätzung zur Last der frühen Reife bei Mädchen wird in einer noch laufenden Studie an deutschen Teenies bestätigt. Forscher um Karina Weichold messen den Spiegel der Stresshormone und beobachten, wie Tochter und Mutter einen Streit austragen. Noch mit Anfang 20 eskalieren die Konflikte der frühreifen Damen häufiger als die ihrer Altersgenossinnen. Sie treten unnachgiebiger auf und versuchen im Gespräch, die Oberhand zu gewinnen. Gleichzeitig klettern die Stresshormone im Speichel auf hohe Werte. „Die frühe Fruchtbarkeit erschüttert die Eltern-Kind-Beziehung“, sagt Weichold.
Dennoch können die Frauen aus der Krise auf längere Sicht gestärkt hervorgehen. Im Alter von 40 Jahren verhalten sich frühpubertierende Frauen selbstbewusster als andere und nehmen nicht selten verantwortungsvolle Positionen ein. Dies förderte eine US-Studie zu Tage. „Wenn es gelingt, die Herausforderungen zu überwinden, können sich frühreife Damen zu integren Persönlichkeiten entwickeln“, interpretiert Weichold.
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