Hornhäute aus der Augenbank: Mit den Augen eines Toten sehen
zuletzt aktualisiert: 11.02.2005 - 08:25Leinfelden (rpo). Zugegeben, die Vorstellung, mit den Augen eines Toten zu sehen, ist schon ein wenig gruselig. Doch wenn die Alternative Blindheit lautet, dann relativieren sich solche Dinge recht schnell. Ein wenig gruselig wird es dann wieder, wenn man sich in eine Augenbank begibt, dorthin wo in langen Regalreihen mit roter Flüssigkeit gefüllte Glasflaschen stehen, in denen Teile menschlicher Augen schwimmen.
Doch was wie ein Szenario aus einem Horrorfilm klingt, ist in den 15 großen Hornhautbanken in Deutschland Alltag. Hier werden tagtäglich aus den Augen Verstorbener die durchsichtigen Häute, die Pupille und Iris des Auges abdecken, entnommen und gelagert - mit dem Ziel, sie später zu transplantieren und damit einem Menschen sein Augenlicht zurückzugeben.
Potenzielle Empfänger einer Spenderhornhaut sind Menschen, deren eigene Hornhaut nicht vollständig klar und glatt ist - beispielsweise durch eine Herpeserkrankung des Auges, Verbrennungen, Verätzungen oder angeborene Krankheiten.
4.000 Mal im Jahr
Solche Narben, Trübungen und Verformungen lenken das ins Auge fallende Licht falsch ab, so dass auf der Netzhaut kein scharfes Bild mehr entsteht. Etwa 4.000 Mal im Jahr werden in Deutschland beschädigte Hornhäute durch Spenderhornhäute ersetzt, berichtet das Magazin "bild der wissenschaft" in seiner aktuellen Ausgabe.
Dazu schneiden die Ärzte eine sieben bis acht Millimeter große Hornhautscheibe über der Pupille aus und nähen statt dessen die vorbereitete Spenderhornhaut ein. Doch nicht immer muss die gesamte Schutzhaut ausgetauscht werden.
In manchen Fällen reicht es auch aus, lediglich die oberste Schicht zu entfernen oder die neue Hornhaut wie eine zusätzliche Linse direkt auf die defekte aufzunähen. Der Vorteil dabei: Das Auge braucht nicht geöffnet zu werden, was die Komplikationsgefahr vermindert und die Heilung beschleunigt. Denn die dauert sehr lange - erst nach neun bis zwölf Monaten können die Fäden gezogen werden.
Extrem hohe Erfolgsrate
Die Erfolgsrate der Hornhauttransplantationen ist extrem hoch. Bis zu 95 Prozent der verpflanzten Hornhäute funktionieren nach einem Jahr einwandfrei, und nach fünf Jahren sind es immerhin noch 80 Prozent. Der Grund dafür ist eine Besonderheit des Auges.
Da hier Nährstoffe nicht mit dem Blut, sondern mit der Tränenflüssigkeit transportiert werden, hat das Immunsystem keinen Zugriff auf das neue Gewebe - mit der Folge, dass es praktisch keine Abstoßungsreaktionen gibt. Ein weiterer Vorteil: Spender und Empfänger müssen nicht unbedingt den gleichen Gewebetyp haben.
Die einzige Ausnahme sind Fälle, in denen Blutgefäße als Folge chronischer Augenerkrankungen in die Hornhaut eingewachsen sind. Hier müssen Spender und Empfänger ebenso wie bei anderen Transplantationen genau zusammenpassen.
Stress vermindert Anzahl der gesunden Zellen
Auch wenn im Allgemeinen keine exakte Typisierung nötig ist, haben die Mitarbeiter der Augenbank genug zu tun, bevor eine Hornhaut zur Transplantation freigegeben wird. So muss beispielsweise die Dicke der obersten Zellschicht bestimmt werden. Diese nimmt nämlich im Laufe des Lebens und durch Krankheiten ab.
Auch der Stress bei der Transplantation vermindert die Anzahl der gesunden Zellen. Daher werden beispielsweise jungen Patienten nur möglichst dicke Hornhäute eingepflanzt, weil sie noch deutlich länger halten müssen als bei älteren Patienten.
Zusätzlich wird die Qualität der Transplantate überprüft: Hatte der Spender beispielsweise Operationen oder Verletzungen am Auge, ist die Gefahr einer Zellschädigung relativ groß. Und natürlich dürfen beim Spender keine ansteckenden Krankheiten wie Hepatitis oder eine HIV-Infektion vorliegen, denn die würden sich nach der Transplantation auf den Empfänger übertragen.
Um Spender und Empfänger optimal zusammenzubringen, arbeiten die 15 deutschen Hornhautbänke nicht nur miteinander, sondern auch mit anderen europäischen Einrichtungen zusammen. So ist es sehr viel wahrscheinlicher, die bestmögliche Hornhaut für einen Patienten zu erhalten, schreibt "bild der wissenschaft".
Maßgeschneiderte Hornhäute aus dem Labor
Noch besser passen sollen künftig jedoch maßgeschneiderte Hornhäute aus dem Labor. Die Idee dahinter: Stammzellen aus dem gesunden Auge eines Patienten werden im Labor dazu gebracht, vollständige Hornhäute zu bilden. So stünde immer dann ein Transplantat höchster Qualität zur Verfügung, wenn es gebraucht würde - ohne die Gefahr einer Infektion oder Abstoßung.
Doch die künstlichen Hornhäute sind noch Zukunftsmusik. Bislang können Mediziner lediglich die äußere Hornhautschicht im Labor züchten. Dazu werden einem Patienten die vielseitigen Zellen aus dem so genannten Limbus, der Schicht zwischen Hornhaut und der weißgefärbten Lederhaut, entnommen und auf eine künstliche Membran überführt.
Wenn die Zellen einen dichten Rasen gebildet haben, werden sie samt Trägermembran in das Auge des Patienten eingesetzt, wo sie je nach Material der künstlichen Membran selbstständig haften oder angenäht werden müssen.
Nach einiger Zeit, die ebenfalls von der Art des Transplantats abhängt, löst sich die Membran auf, und die neuen Zellen entwickeln sich zur neuen äußeren Hornhautschicht.
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