Forscher warnen vor Risiken: Pandemien durch Hähnchenmast?
VON GERHARD VOOGT - zuletzt aktualisiert: 13.07.2009 - 12:21Billerbeck (RP). In Nordrhein-Westfalen boomt die industrielle Hähnchenmast. Wissenschaftler warnen davor, dass die Ställe Brutstätten für riesige Virusmengen sind. Kreuzinfektionen könnten eine weltweite Grippewelle auslösen. Ortstermin im münsterländischen Billerbeck.
Hanspeter Ammann lebt in einer alten Dorfschule bei Billerbeck im Münsterland. Im Garten gackern glückliche Hühner, Kater Grabowski döst unter dem Gartenstuhl, der Hausherr schenkt Kaffee auf der Terrasse aus. Ein Idyll. Doch Hanspeter Ammann ist nicht glücklich. "Sehen Sie die Baukräne dort hinten?", fragt der 65-jährige Allgemeinmediziner. "Dort werden die neuen Ställe gebaut. Eine Gefahrenquelle erster Güte."
In der Nachbarschaft entsteht eine Anlage zur Hähnchenmast. Nicht die einzige im Städtchen Billerbeck (Kreis Coesfeld, 11 000 Einwohner). Dort sollen in nächster Zeit 15 Großställe gebaut werden. "Die Region wird zum Zentrum für Agro-Fabriken", sagt Ammann. "Um die gesundheitlichen Folgen schert sich niemand."
Hähnchenmastanlagen boomen in NRW. Der Pro-Kopf-Verbrauch an Hähnchen hat von neun Kilo im Jahr 2003 auf heute 11,1 Kilo zugenommen. Fast-Food-Ketten haben einen riesigen Bedarf an "Chicken Wings", auch die Hähnchenbrust erfreut sich bei den Deutschen immer größerer Beliebtheit. Das "Landwirtschaftliche Wochenblatt" sieht erhebliche Wachstums-chancen für "einstiegswillige Betriebe." Allein im Kreis Steinfurt wurden 2008 mindestens 13 Anträge für Großanlagen mit 800 000 Mastplätzen gestellt. Im Kreis Düren soll eine Anlage mit 165 000 Plätzen gebaut werden. Zusätzliche Ställe sind auch in der Eifel und im Bergischen Land geplant.
Wo neue Ställe gebaut werden, regt sich zum Teil massiver Widerstand. "Im Gegensatz zu den Niederlanden werden in NRW keine speziellen Abluftfilter für die Großanlagen gefordert", kritisiert Johannes Remmel, Fraktionsgeschäftsführer der Grünen in Düsseldorfer Landtag. NRW-Umweltminister Eckhard Uhlenberg habe Umwelt- und Tierschutzsstandards abgesenkt, um "die Weltmarktfähigkeit der Landwirtschaft" in NRW zu verbessern. Gefährliche Feinstäube, Viren und Bakterien könnten sich ungehindert in der Umgebung ausbreiten. Eine Gefahr, die den Fachleuten Sorge bereitet.
Stephan Ludwig leitet das Institut für Molekulare Virologie an der Universität Münster. Der Professor ist Spezialist für Zoonosen – das sind Infektionskrankheiten, die vom Tier zum Menschen übertragen werden. Ludwig warnt vor der Gefahr, die davon ausgeht, wenn Hähnchenmast und Schweinezucht zu dicht nebeneinander betrieben wird. Die Unterschreitung eines Mindestabstands von 500 Metern gilt nach einer Studie der Uni Bielefeld als riskant. "Es besteht prinzipiell immer die Gefahr, dass Krankheitserreger aus der Hähnchenmast entweichen und auf benachbarte Schweineställe übergreifen. Dann kann es zu einer Kreuzinfektion kommen", erklärt der Virologe Ludwig. So können auch neue Grippeerreger entstehen, die vom menschlichen Immunsystem nicht erkannt werden. "Falls Erreger in die neuen industriellen Hähnchenmasthaltungen gelangen, ist dies eine Brutstätte für riesige Virusmengen. Dies erhöht auch das Risiko der Bildung eines Pandemie-Virus'", warnt der Professor. Ludwig und sein Team führen bereits Testreihen mit dem pflanzlichen Arzneimittel Cystus durch, das deutlich weniger Nebenwirkungen als das Grippemittel Tamiflu haben soll.
Der Verband der Deutschen Geflügelwirtschaft weist die Warnungen im Zusammenhang mit der industriellen Hähnchenzucht als "Panikmache" zurück. "Grundsätzlich geht von einer Stallanlage per se keine Gefahr aus", heißt es in einer Stellungnahme zu den Neubauten in Billerbeck. "So ist beispielsweise das Betreten des Stalles nur mit dafür vorgesehener Kleidung gestattet. Vor jedem Einstallen der Hähnchen werden die Ställe einer Grundreinigung und Desinfektion unterzogen." Zusätzlich werde der Tierbestand mehrmals täglich durch den Halter kontrolliert. Alle EU-Standards würden eingehalten.
Daran haben die Kritiker indessen keine Zweifel. Die für die Genehmigung von Ställen anzuwendende Emissionsschutz-Richtlinie enthält bislang allerdings lediglich Anforderungen für den Schutz der Anwohner vor Gerüchen. "Aber zu den Viren und Bakterien, die aus den Ställen entfleuchen, findet sich kein Wort", schimpft Anwohner Hanspeter Ammann. Auch der Mindestabstand zwischen Geflügel- und Schweineställen sei nicht gesetzlich vorgeschrieben. "Die Bauern können machen, was sie wollen", klagt der Mediziner.
Das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) räumt ein, dass die Vorschriften für die Abluft aus Geflügelställen konkretisiert werden müssen. Derzeit würden Untersuchungen durchgeführt, um zu ermitteln, welche Risiken von den Mikroorganismen (Bioaerosolen) aus den Ställen ausgehen. "Der Verband der Ingenieure wird demnächst Grenzwerte dazu veröffentlichen", kündigte ein LANUV-Sprecher an. Der Zeitpunkt sei aber noch unklar. Die Bürgerinitiative in Billerbeck fordert einen Genehmigungsstopp für neue Großställe, solange das neue Regelwerk nicht vorliegt. Bislang vergeblich.
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