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Arzneimitteltest: Selbstversuch - Krebspatienten testen verbotenes Medikament

VON RAINER KURLEMANN - zuletzt aktualisiert: 29.03.2007 - 11:37

London (RPO). Im Internet sorgt ein neues Krebs-Medikament  für Aufsehen. Einige hundert Patienten haben mit einem Selbstversuch begonnen und wollen  ihn im Web dokumentieren. Sie schlucken, eine Substanz, die im Tierversuch bei Ratten Tumore schrumpfen ließ. Nur: Das Medikament ist noch nicht zugelassen. Es hat noch nicht einmal klinische Tests durchlaufen. Niemand weiß, ob es nicht schädlich ist.

Spätestens, wenn Medikamente telefonisch angeboten werden, sollte man hellhörig werden.  Foto: ddp
Spätestens, wenn Medikamente telefonisch angeboten werden, sollte man hellhörig werden. Foto: ddp

Ausgangspunkt der Aktion ist eine Studie an der Universität von Alberta: In Labortests und an Ratten hatten die Forscher gezeigt, dass Tumore deutlich schrumpften, wenn sie mit Dichloroacetat (DCA) behandelt wurden. Die Chemikalie ist einfach herzustellen und billig; die Wissenschaftler warnen aber davor, dass sie schwere Nebenwirkungen haben kann. Weil es diese Substanz schon lange gibt, kann sie nicht patentiert werden. Pharmakonzerne haben deshalb offenbar kein Interesse daran, das Medikament weiterzuentwickeln. Der Forscher Evangelos Michelakis sagte der Wissenschaftzeitung "Nature", er sammele derzeit Geld, damit er "in den kommenden Monaten" auf eigene Faust einen kleinen klinischen Test beginnen könne. Der "New Scientist" berichtet,  die kanadische Wissenschaftler hätten rund 15.000 E-Mails bekommen, seit sie im Januar Testergebnisse mit DCA veröffentlichten.

Doch die klinischen Test für das Medikament würden Jahre dauern und so lange wollen einige Patienten nicht mehr warten. Jim Tessano,  Betreiber einer Internetseite in den USA berichtete "Nature" ,  er habe bislang "einigen hundert" Krebspatienten aus aller Welt DCA verkauft. Der Mann verkaufe "selbstgemachtes DCA", das für den tierärztlichen Gebrauch ausgewiesen sei. Von DCA ist bekannt, dass es ein Enzym in den Mitochondrien, der Energieversorgung der Zelle, blockiert. Dass soll auch seine Wirkung gegen Krebs erklären.

Folgen erst nach solider Erprobung abschätzbar

Das gefährliche Spiel um Selbstversuche mit einer nicht zugelassenen Verbindung empört die Mediziner. Sie weisen auf zahlreiche Erfahrungen hin, dass viele Ergebnisse aus Tierversuchen beim Einsatz beim Menschen nicht bestätigt werden konnten. Mehr noch: Schwer wiegende Folgen vermeintlicher Medikamente werden oft erst durch die solide Erprobung in der Klinik entdeckt. Viele  hoffnungsvolle Substanzen scheitern an dieser Hürde, weil der Schaden größer ist als der Nutzen - oft droht sogar Lebensgefahr.

Tessano erklärt im Interview mit "Nature", dass er bereits viel Gutes für einige Menschen getan habe. Ein Freund stelle DCA für ihn her,  er halte die Chancen für so groß, dass er nicht davon lassen könne, das Projekt zu verwirklichen. Die Freiwilligen, die sich selbst ohne Unterstützung von Ärzten mit DCA therapieren, berichten auf einer anderen Website von ihren Erfahrungen. Dort soll eine Datenbank etabliert werden, die Informationen über Krebsart und Erfahrungen besser bündeln kann. Die Organisatoren der Aktion sind zumeist schwer krebskrank - ihre Motivation ist Verzweifelung und das Wissen durch herkömmliche Medizin nicht geheilt werden zu können. Sie hätten das Recht dazu, diesen Test zu machen.

Daran darf man zweifeln: 95 Prozent aller Krebs-Medikamente bestehen die klinischen Tests nicht. Man mag die Verzweifelung der Krebs-Patienten verstehen, aber der Versuch wird Betroffene, die bessere Heilungschancen haben, ebenfalls zu Experimenten mit dem eigenen Körper ermuntern. Das DCA-Projekt wäre nicht das erste, dass die Angst von Krebspatienten ausnutzt und trotz gegenteiliger Bekundungen vor allem ein finanzielles Interesse  befriedigt. Hier sind etliche Todesfälle dokumentiert.     

 

  


 
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