EHEC-Erreger breiten sich aus: Spurensuche führt in eine Kantine
zuletzt aktualisiert: 25.05.2011 - 08:04Frankfurt (RPO). Die Welle von Darm-Infektionen mit dem gefährlichen EHEC-Erreger hat offenbar drei Tote gefordert. Unterdessen scheint das Robert-Koch-Institut (RKI) eine erste Spur zu haben: Nach Medienberichten haben alle bislang 19 Erkrankten aus Frankfurt in der selben Kantine einer Unternehmensberatung gegessen.
Zurzeit gehen die Experten von einer belasteten Lieferung an diese Kantine aus. Trotzdem vermuten sie die Infektionsquelle noch immer in Norddeutschland - und vermuten, dass verseuchte Rohkost verantwortlich ist. Die ersten Unternehmen reagieren: Ein deutschlandweit aktiver Kantinenbetreiber soll Rohkost aus dem Angebot genommen haben.
Mehr als 80 Fälle deutschlandweit sind laut Robert-Koch-Institut (RKI) inzwischen bestätigt. Dies sei eine "erschreckend hohe Zahl", erklärte RKI-Präsident Reinhard Burger. Vor diesem Hintergrund müsse mit Todesfällen gerechnet werden.
Der EHEC-Erreger grassiert in Deutschland. Das sonst eher zurückhaltende RKI beobachtet eine "erschreckende" Ausbreitung des gefährlichen Darmbakteriums. In den vergangenen Tagen sei bei mehr als 80 Erkrankten ein schwerer Verlauf mit Nierenschäden registriert worden, sagte RKI-Präsident Reinhard Burger am Dienstag in Berlin.
Diese Zahl schwerer Verläufe mit dem sogenannten HUS-Syndrom werde sonst binnen eines ganzen Jahres erreicht. Es müsse daher mit Todesfällen gerechnet werden, sagte Burger. Normalerweise treten in Deutschland den Angaben zufolge etwa 1000 EHEC-Infektionen auf, in 50 bis 60 Fällen mit schweren Folgeerscheinungen. Die Bakterien können bei schweren Verläufen das sogenannte hämolytisch-urämische Syndrom (HUS) verursachen, welches zu Nierenversagen führen kann. Krankheitssymptom ist vor allem blutiger Durchfall.
Allem Anschein nach sind bereits drei Menschen an seinen Folgewirkungen gestorben. In Niedersachsen und Schleswig-Holstein sind zwei Frauen gestorben, die mit EHEC-Bakterien infiziert waren. Einen dritten Todesfall gab es vermutlich in Bremen. Dort starb eine junge Frau mit entsprechenden Symptomen. Die Ursache der Infektionen ist weiterhin unbekannt. In NRW steigt die Zahl der Infizierten.
Niedersachsen Wie das niedersächsische Gesundheitsministerium am Dienstag in Hannover mitteilte, verstarb eine 83-jährige Rentnerin aus dem niedersächsischen Landkreis Diepholz bereits am Samstag. Die Frau war seit dem 15. Mai wegen eines blutigen Durchfalls stationär behandelt worden. Sie war mit dem EHEC-Erreger infiziert. Das hatten Labor-Tests ergeben. Die Ermittlungen des Gesundheitsamtes Diepholz zu den näheren Todesumständen laufen noch.
Schleswig-Holstein Im schleswig-holsteinischen Landkreis Stormarn starb bereits am Sonntag eine Frau, die mit dem Erreger infiziert war, wie das Gesundheitsministerium in Kiel am Dienstag mitteilte. Ob die EHEC-Infektion Todesursache war, stand den Angaben zufolge nicht fest. Die Frau war über 80 Jahre alt und starb in einem Krankenhaus, in dem sie wegen einer Operation war.
Bremen In der Nacht zum Dienstag verstarb eine junge Frau in Bremen, wie das Gesundheitsressort mitteilte. Der Zusammenhang mit EHEC ist wahrscheinlich, aber noch nicht belegt. Die junge Patientin habe die typischen Symptome aufgewiesen, hieß es. Der EHEC-Erreger sei noch nicht im Labor nachgewiesen worden.
Die Lage in Nordrhein-Westfalen In Nordrhein-Westfalen sind drei Menschen schwer an dem EHEC-Erreger erkrankt, teilte das Düsseldorfer Gesundheitsministerium am Dienstag mit. Die drei Patienten leiden an akutem Nierenversagen.
Der Erreger breitet sich rasant aus
Der EHEC-Erreger verbreitet sich seit einigen Tagen ungewöhnlich stark. Besonders betroffen ist bislang Norddeutschland. Allein in Schleswig-Holstein gab es bis Dienstagmittag 200 Verdachtsfälle von blutigen Durchfallerkrankungen, die mit EHEC-Bakterien in Verbindung gebracht werden. Die Zahl hat sich damit innerhalb von 24 Stunden verdoppelt.
Aus Niedersachsen wurden 96 Verdachtsfälle gemeldet. In Hamburg wurden 42 Patienten aufgrund eines hämolytisch-urämische Syndroms (HUS) oder wegen HUS-Verdachts in Krankenhäusern behandelt, einer möglichen Folgeerscheinung einer Infektion mit dem EHEC-Erreger.
Dem Robert-Koch-Institut waren am Dienstag deutschlandweit mehr als 80 HUS-Fälle bekannt. Bei HUS kann es zu akutem Nierenversagen kommen. Die hohe Zahl an lebensbedrohlichen Verläufen bei EHEC-Infektionen ist extrem ungewöhnlich. Dem RKI wurden nach eigenen Angaben im Gesamtjahr 2010 nur 65 HUS-Fälle gemeldet.
Experten suchen nach der Ursache
Ein Expertenteam des RKI versucht laut Burger derzeit in Hamburg, die Quelle für die Infektionen zu ermitteln. Es sei aber nicht sicher, ob dies gelinge. Wenn es sich um ein leicht verderbliches Lebensmittel handeln sollte, das bereits verzehrt sei, könnte die Ursache möglicherweise nicht geklärt werden, sagte Burger.
Im familiären Umfeld sei bislang keine Übertragung des EHEC-Erregers bekannt., erklärte der Leiter des Instituts für Infektionsmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Peter Rautenberg. Er sprach von einem "dramatischen Anstieg, der die historischen Werte überschritten hat".
Die Erreger EHEC (Enterohämorrhagische Escherichia coli) führen zu schweren Durchfällen. Wer darunter leidet, sollte unbedingt einen Arzt aufsuchen. Vor allem in Norddeutschland hatten sich in den vergangenen Tagen zahlreiche Menschen mit dem EHEC-Bakterium infiziert.
Gesundheitsminister schaltet sich ein
Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) telefonierte mit dem Leiter des Robert-Koch-Instituts (RKI), um sich einen Eindruck zu verschaffen. Das RKI sei mit einem Erkundungsteam in Hamburg, um die Quelle der Infektion zu ermitteln, sagte ein Ministeriumssprecher. Die betroffenen Bundesländer seien für den Gesundheitsschutz der Bevölkerung verantwortlich.
Das Gesundheitsministerium rät zu regelmäßigem Händewaschen und warnt vor dem Verzehr von rohem Fleisch. Obst und Gemüse sollten vor dem Essen gründlich gereinigt werden.
Neuartige Erreger
Laut dem Mikrobiologie- und Hygieneexperten Professor Werner Solbach von der Universität Lübeck verfügen die aktuell auftretenden EHEC-Erreger über ein neuartiges biochemisches Profil. Sie seien aber mit vorhandenen Antibiotika behandelbar. Dies sei aber nur bei schweren Formen der Erkrankung notwendig.
Als mögliche Infektionsquelle gilt ein pflanzliches Lebensmittel. Unklar ist aber, ob dieses noch im Umlauf ist. Sicherheit verschafft die Zubereitung von Gemüse bei 70 Grad Celsius. Die Temperatur muss für mindestens zwei Minuten auch im Lebensmittel-Kern erreicht werden. Dann sind die Keime tot.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum




