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Ideales Material für Implantate: Voll einsatzbereit dank Titan

VON JUTTA BEINER-LEHNER - zuletzt aktualisiert: 23.01.2007 - 09:52

Düsseldorf (RP). Das ideale Material für Implantate scheint gefunden. Handballer Florian Kehrmann und Rennrodlerin Sylke Otto können mit eingepflanzten Stücken aus dem Leichtmetall Titan sogar ihre Sportlerkarrieren fortsetzen.

Handballer Florian Kehrmann: Dank Titan wieder voll im Einsatz.  Foto: AP, AP
Handballer Florian Kehrmann: Dank Titan wieder voll im Einsatz. Foto: AP, AP

Fast wäre Florian Kehrmanns Traum, bei der Handball-WM dabei zu sein, zerplatzt. Der Profi-Spieler hatte sich am 18. November bei einem Spiel gegen Schweden den linken Mittelhandknochen gebrochen. „Beim Zurücklaufen merkte ich, dass sich der Knochen verschieben lässt“, erzählt er.

Doch nun spielt Kehrmann: Ein Implantat verhalf dem linkshändigen Rechtsaußen-Spieler zur raschen Wiederherstellung seiner so gefürchteten Wurfhand. Beim Eingriff an der Spezialklinik für Handchirurgie in Bad Neustadt wurde ihm eine Titanplatte eingesetzt. „Das Implantat ist dünn wie die Wand einer Zigarettenschachtel“, so Unfall-Chirurg Volker Broy, der das Stück mit fünf Schrauben am Knochen fixierte.

Nicht nur für Sportler bedeutet die moderne Endoprothetik einen Segen. Materialien, wie Titan, Kunststoff oder Keramik sorgen - verglichen mit früher - inzwischen für nahezu märchenhafte Heilungsverläufe. Titan-Implantate gelten unter Fachleuten als besonders langlebig. „Bei hochbelasteten Implantaten wie Knie- oder Hüftgelenken sind Titanwerkstoffe die metallischen Biomaterialien der ersten Wahl“, sagt Professor Jürgen Breme, Werkstoffwissenschaftler an der Universität des Saarlandes.

Die Legierungen werden vom Organismus besonders gut angenommen. Körpereigene Zellen wachsen sogar am Implantat an, so als merkte das Gewebe gar nicht mehr, dass es sich um einen Fremdkörper handelt. Künstliche Gelenke etwa erhalten auf diese Weise eine Lebensdauer von inzwischen rund 17 Jahren, bevor sie erneuert werden müssen. Manche Patienten reagieren allerdings allergisch auf Titan.

Die Suche der Mediziner nach dem optimalen Material für Implantate begann bereits vor über hundert Jahren. 1890 implantierte ein Berliner Chirurg seinem Patienten ein Elfenbein-Scharniergelenk als Handgelenkersatz. Das entzündete sich allerdings rasch und musste wieder entfernt werden. Später setzten die Operateure auf Materialien aus Schweineharnblasen, Holz, Magnesium, Gummi oder Metallen.

Der englische Chirurg Sir John Charnley leistete schließlich Pionierarbeit für die moderne Hüftprothetik: Er kombinierte Metall- mit Polyethylen-Implantaten. Auch die schonenderen Operationsverfahren, so genannte minimal-invasive Methoden, bei denen mit einer feinen Sonde gearbeitet wird, sorgen für eine wesentlich günstigere Prognose.

Auch Kardiologen hoffen inzwischen auf medizinischen Fortschritt mit Hilfe des Leichtmetalls Titan: Im größten europäischen Herzzentrum in Bad Oeynhausen testen sie, inwieweit ein Kunstherz aus Titan eine Alternative zum menschlichen Spenderherz werden könnte. „Das Kunstherz aus Titan ist kleiner als andere Kunstherzen und vollständig implantierbar“, sagt Professor Reiner Körfer, Ärztlicher Direktor des Herzzentrums. Das Herz-Implantat könne die Lebensqualität während der Wartezeit auf ein Spenderherz verbessern.

Während der jüngsten Medica präsentierten Fachleute nanobeschichtete Implantate, die wie winzige Prozessoren funktionieren. So könnten Stoffwechselvorgänge gesteuert oder Körperbewegungen vermessen werden. Gelenkprothesen würden zum Beispiel mit winzigen Beschleunigungssensoren bestückt. Sie registrieren Bewegungen und leiten sie weiter. So kann der behandelnde Arzt erkennen, wie gut die Prothese noch sitzt, und eine vorzeitige Erneuerung kann vermieden werden. Denn von rund 20.000 Korrektur-Eingriffen entpuppe sich jeder zweite als unnötig. Nanobeschichtete Protein-Implantate im Gehirn könnten künftig die gefürchteten Bewegungsstörungen bei Parkinson-Patienten lindern.

Auch der Sportlerin Sylke Otto verhalf ein Implantat zur ersehnten Olympia-Teilnahme vergangenen Winter. Eine poröse Bandscheibe in der Halswirbelsäule schien im Sommer zuvor das Aus für ihre Karriere als Rodlerin zu bedeuten. Die 36-Jährige litt unter starken Schmerzen. Nach gründlicher Beratung entschied sich Otto für den Eingriff, der als relativ riskant galt. Eine künstliche Bandscheibe wurde eingesetzt. Alles ging gut, und Otto sauste schmerzfrei wenig später auf ihrem Schlitten durch den Eiskanal von Cesana. „Es gibt noch nicht viele Chirugen, die sich daran wagen“, sagt Operateur Professor Michael Mayer . „Aber die Entwicklung auf diesem Gebiet ist rasant.“


 
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