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Blindheit durch Unaufmerksamkeit: Warum Menschen nicht alles wahrnehmen, was sie sehen

zuletzt aktualisiert: 15.07.2005 - 11:08

Leinfelden (rpo). Wer kennt das nicht: Wenn man ein spannendes Buch liest, ist die Welt um einen herum ausgeblendet. Mit der Multitaskingfähigkeit des Menschen ist es nicht weit her: Oft werden sogar Dinge übersehen, die sich direkt vor der eigenen Nase befinden, ohne dass Geräusche oder geistige Anforderungen das Gehirn ablenken. Forscher nennen das "Blindheit durch Unaufmerksamkeit".

Der Mensch nimmt nicht alles das wahr, was sein Auge sieht.  Foto: ddp, ddp
Der Mensch nimmt nicht alles das wahr, was sein Auge sieht. Foto: ddp, ddp

Dieses Phänomen kann seltsame Blüten treiben: So teerten beispielsweise einige Arbeiter in der Nähe von Philadelphia beim Bau einer Straße einfach über einen toten Hirsch hinweg, der - eigentlich gut sichtbar - am Straßenrand lag. Sie hatten den Kadaver einfach nicht bemerkt.

Dieses sehende Nichtsehen fasziniert Psychologen so sehr, dass es sogar einen eigenen Namen bekommen habe, berichtet das Wissenschaftsmagazin "bild der wissenschaft" in seiner August-Ausgabe: "Inattentional Blindness", Blindheit durch Unaufmerksamkeit, nennen Forscher das Phänomen, bei dem das Auge zwar etwas sieht, das Bewusstsein jedoch nicht darüber informiert wird. Erst wenn zusätzlich zu den Augen auch die Aufmerksamkeit auf das Geschehen gerichtet wird, gelangt das Bild ins Bewusstsein - ähnlich wie ein Sänger auf einer Konzertbühne, der für das Publikum erst sichtbar wird, wenn ein Scheinwerfer auf ihn gerichtet ist.

Diese Strategie des Gehirns ist überlebenswichtig: Würden nämlich alle Informationen, die von den Sinnen aufgefangen werden, ungefiltert ins Bewusstsein gelangen, würde dort das reinste Chaos herrschen. Die Aufmerksamkeit wirkt also wie ein Filter oder eine Schleuse, die nur das wirklich Wichtige durchlässt.

Wie effektiv dieser Filter funktioniert, haben amerikanische Psychologen mit einem mittlerweile berühmten Experiment eindrucksvoll nachgewiesen: Sie zeigten Freiwilligen ein Video, in dem ein schwarzgekleidetes und ein weißgekleidetes Team Basketball spielten. Die Probanden sollten sich auf das weiße Team konzentrieren und zählen, wie oft der Ball hin- und hergespielt wurde. Kurz nach Beginn des Videos erschien eine als Gorilla verkleidete Frau auf dem Bildschirm, lief mitten durch die Spielergruppe, drehte sich zur Kamera und trommelte sich auf die Brust - ein Auftritt, der insgesamt neun Sekunden dauerte.

Nur etwa die Hälfte der Testpersonen bemerkte den Gorilla. Dieser Effekt war umso ausgeprägter, je komplexer die gestellte Aufgabe war, zeigte sich in weiteren Experimenten. Auch die Ähnlichkeit zwischen dem, auf das sich die Aufmerksamkeit konzentriert, und der Ablenkung spielt eine Rolle. So bemerkten beispielsweise deutlich mehr Probanden den Gorilla, wenn sie sich nicht auf das weiße, sondern auf das schwarze Team konzentrierten.

Das Gehirn sortiert aus

Doch auch die vom Gehirn aussortierten Eindrücke können die bewusste Wahrnehmung beeinflussen. Wird beispielsweise der eigene Name so kurz auf einem Monitor dargestellt, dass man ihn nicht bewusst wahrnimmt, versetzt dies das Gehirn trotzdem sofort in Aufmerksamkeit. Ist der Name jedoch falsch geschrieben - und sei es nur ein einziger Buchstabe - bleibt diese Alarmierung aus. Auch das so genannte Priming beweist, dass das Gehirn ständig alle vom Auge gemeldeten Daten analysiert. So erraten Versuchspersonen zum Beispiel viel schneller ein gesuchtes Wort, wenn es vorher für den Bruchteil einer Sekunde auf einem Monitor aufgeblitzt ist - selbst wenn sie davon nichts bemerkt haben.

Die "Inattentional Blindness" ist jedoch nicht der einzige Grund dafür, dass manchmal sehr offensichtliche Dinge übersehen werden. Eng verwandt damit ist die so genannte "Change Blindness": Verändert sich ein Bild nach und nach, sind viele Menschen nicht in der Lage, diese Veränderung zu benennen. Schuld daran ist die Art und Weise, wie das Auge arbeitet, berichtet "bild der wissenschaft". Das Sehorgan nimmt nämlich nicht wie eine Videokamera ein ununterbrochenes Bild auf, sondern springt zwischen kurzen Fixierungsphasen hin und her, oft mehrmals pro Sekunde.

Während eines solchen Sprungs, auch Sakkade genannt, ist das Auge buchstäblich blind. Lediglich die Verarbeitung des bisher Gesehenen wird fortgesetzt. Auf diese Weise kaschiert das Gehirn den Wahrnehmungsausfall, so dass er nicht bewusst bemerkt wird. Gespeichert werden die Bilder vor und nach einer Sakkade jedoch nicht, ein Mechanismus mit manchmal unangenehmen Konsequenzen: Verändert sich nämlich mitten in einem solchen Wahrnehmungsloch das Bild, bemerkt der Betrachter die Veränderung auch dann nicht, wenn sie einem Außenstehenden sehr auffällig erscheint. Aus diesem Grund entgehen den meisten Menschen beispielsweise Schnittfehler in einem Film - selbst wenn die Hauptdarstellerin vor dem Schnitt ein grünes und nachher ein rotes Kleid trägt.

Quelle: afp

 
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