Statistik-Bundesamt: Zahl der Operationen steigt weiter
zuletzt aktualisiert: 20.11.2009 - 17:10Düsseldorf (RPO). Die Zahl der Operationen und medizinischen Prozeduren in deutschen Krankenhäusern hat erneut zugenommen. Insgesamt stieg die Zahl der stationären Operationen 2008 um 5,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Seit Beginn der Erhebung 2005 hat die Zahl der stationären Operationen jedes Jahr zugenommen. Kritiker behaupten, ein beachtlicher Teil dieser Eingriffe bringe keinen medizinischen Nutzen.
Insgesamt wurden im vergangenen Jahr rund 41,8 Millionen solcher Maßnahmen bei stationären Aufenthalten vorgenommen, wie das Statistische Bundesamt am Freitag in Wiesbaden mitteilte. Da sich 16,9 Millionen Patienten ins Krankenhaus aufnehmen lassen mussten, kommen statistisch betrachtet auf jeden Patienten im Schnitt 2,5 OPs oder andere Maßnahmen.
Seit Einführung dieser Statistik im Jahr 2005 sei die Zahl der Maßnahmen stets gestiegen, sagte eine Sprecherin der Behörde. Zu Beginn der Erfassung hatte die Zahl noch um 5,5 Millionen niedriger gelegen. Der Statistik zufolge waren 13,7 Millionen und damit ein Drittel der 2008 vorgenommenen Maßnahmen Operationen.
Krankengymnastik und Ergotherapie
Den zweitgrößten Anteil hatten nichtoperative therapeutische Maßnahmen wie etwa Krankengymnastik oder Ergotherapie (11,4 Millionen), gefolgt von diagnostischen Maßnahmen (8,8 Millionen). Der Rest verteilte sich auf die bildgebende Diagnostik wie etwa die Radiologie ( 6,2 Millionen) oder die Versorgung von Neugeborenen (1,4 Millionen).
Bei den Operationen waren die an den Bewegungsorganen mit 3,7 Millionen nach wie vor die häufigsten, gefolgt von Operationen am Verdauungstrakt (2,2 Millionen) sowie Operationen an Haut und Unterhaut (1,1 Millionen).
Demographischer Wandel und medizinischer Fortschritt
Als die Gründe für die stetige Zunahme der Operationen macht Andreas Bievers vom Institut vom Gesundheitsökonomik in München vor allem zwei Faktoren aus: Einerseits der demographische Wandel, andererseits aber vor allem auch der medizinisch-technische Fortschritt. Der Fortschritt erlaube nicht nur immer mehr mögliche Operationen, sondern auch diese in höherem Alter durchzuführen, sagte er gegenüber unserer Redaktion.
Zwar werde versucht, immer mehr Behandlungen ambulant statt stationär durchzuführen, weil das preiswerter ist. Allerdings würde das die Effekte durch steigendes Alter und die wachsenden Möglichkeiten der Medizin nicht ausgleichen.
Pressereferentin Karin Hamacher von der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein spricht dagegen von stagnierenden Operationszahlen im ambulanten Bereich. "Dies liegt überwiegend an der Honorierung der ambulanten Operationen, die in der Regel den ambulanten Operateuren keine kostendeckende, geschweige den gewinnbringende Vergütung ermöglicht", sagte sie.
Kritiker zweifeln am Nutzen mancher Operationen
In kaum einem anderen Land raten Ärzte so schnell zu einer Operation wie in Deutschland. Dabei bringen viele gängige Eingriffe den Patienten nachweislich keinen Nutzen.
Geradezu euphorisch priesen Mediziner jahrelang die so genannte Vertebroplastie zur Stabilisierung eingebrochener Wirbelkörper: Bei dem minimal-invasiven Eingriff spritzen Ärzte Knochenzement in den Hohlraum des Wirbels, der so von innen gefestigt werden soll. Das Prinzip klingt einleuchtend. "Das Verfahren ist eigentlich bestechend", sagt Hartwig Bauer, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. Deshalb habe der Einsatz der Vertebroplastie in den letzten Jahren überdimensional zugenommen.
Hälfte aller Arthroskopien sind überflüssig
Tatsächlich schien der Eingriff zuverlässig zu helfen. Die meisten vorher schmerzgebeutelten Patienten fühlten sich danach besser. Zwei Studien aus den USA und Australien trüben jedoch das Bild. In beiden Untersuchungen wurde eine Hälfte der Patienten mit der Vertebroplastie behandelt, während die übrigen einer Scheinoperation unterzogen wurden. Zur Überraschung der Fachwelt war der Erfolg in beiden Gruppen ähnlich.
"Wir behaupten nicht, dass die Vertebroplastie nicht funktioniert, denn irgendwie tut sie das", sagt David Kallmes von der Mayo Clinic, der die US-Studie leitete. "Aber in beiden Patientengruppen besserten sich Schmerz und Funktionsfähigkeit gleichermaßen, egal ob ihnen Zement injiziert wurde oder nicht."
Dass die im renommierten "New England Journal of Medicine" veröffentlichten Untersuchungen die ärztliche Praxis verändern werden, darf bezweifelt werden. Wie lange eindeutige Studienresultate von der Fachwelt ignoriert werden, zeigt das Beispiel der arthroskopischen Chirurgie, einem der häufigsten Eingriffe am Knie.
Schon vor sieben Jahren ergab eine Untersuchung, dass die so genannte Gelenktoilette bei einer Arthrose des Knies nicht hilft und Risiken birgt wie etwa Infektionen. Als vorigen Herbst eine zweite Studie dieses Resultat bestätigte, riet der US-Verband der Orthopädischen Chirurgen (AAOS) von dem Eingriff bei Arthrose-Patienten ab.
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