Kollektive Panik: Zecken-Angst: In NRW geht der Impfstoff aus
VON WOLFRAM GOERTZ - zuletzt aktualisiert: 01.06.2007 - 12:00Düsseldorf (RP). Zecken und die von ihnen übertragene Krankheit FSME dürften an Rhein, Ruhr und Wupper eigentlich kein aufregendes Thema sein - es gibt hier keine der spinnenartigen Unholde, die das FSME-Virus mit sich herumtragen. Trotzdem wird der Impfstoff knapp.
FSME bedeutet „Frühsommer-Meningoenzephalitis“, also eine Entzündung von Gehirn und Hirnhäuten. Aber weil die Angst vor Zecken hierzulande zu einer schier kollektiven Panik geführt hat, rennen jetzt auch Leute mit Impfwunsch zum Arzt, „die nicht in ein Risikogebiet, sondern nach Borkum wollen, das ja zeckenfrei ist“, sagt Christoph Manske, Internist in Remscheid.
„Dieser Ansturm hat allerdings dazu geführt, dass man hier derzeit überhaupt keinen Impfstoff mehr bekommt“, klagt Manske. Die Apotheken melden leere Regale, und Nachschub ist so bald nicht in Sicht, obgleich die pharmazeutische Industrie mit erhöhter Geschwindigkeit produziert. Ein Sprecher von Novartis-Behring spricht von „Nachtschichten“, die man im Marburger Werk einlege.
Zecken können allerdings - auch in NRW - das Bakterium „Borrelia burgdorferi“ übertragen, den Auslöser der gefährlichen Lyme-Borreliose, die sich über den Blutkreislauf in den ganzen Körper ausbreiten und fast jedes Organ, das Nervensystem, die Gelenke und das Gewebe angreifen kann. Borreliose zählt zur Gruppe der multisystemischen Erkrankungen, und gegen sie kann die FSME-Impfung gar nichts ausrichten. Lyme-Borreliose gilt unter Medizinern als „imitierende“ Krankheit, darin ähnelt sie (zumal mit ihren neurologischen Aspekten) der Syphilis.
Wie sind FSME und Borreliose zu unterscheiden? „Bei FSME kann man sich sehr krank fühlen, man hat dann Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen und ist abgeschlagen“, sagt der Mönchengladbacher Neurologe Wolfgang Derissen. „Borreliose hingegen äußert sich zunächst mit eher unspezifischen Symptomen, wie bei einer leichteren Grippe. Oft kommt es zu einer Rötung der Infektionsstelle, und nach Wochen können die Symptome wie bei einer Meningitis auftreten.“
„Da wissen die Leute in ihrer Sorge natürlich nicht zu unterscheiden“, weiß Internist Manske. „Ich frage sie jetzt immer, wohin sie reisen wollen, und kann dann oft Entwarnung geben. Wer indes in ein FSME-Risikogebiet fährt, bei dem ist die Impfung sinnvoll.“ Zu diesen Risikogebieten gehören der süddeutsche Raum und Teile Österreichs. NRW ist, wie gesagt, nicht zeckenfrei, aber für FSME infektiologisch nicht brisant. Im vergangenen Jahr meldete das Robert-Koch-Institut (RKI) sechs Fälle, es handelte sich höchstwahrscheinlich um Importe aus dem südlichen Raum. Für 2007 und den Suchraum NRW ist das RKI-Infektionsregister noch unbefleckt, Bayern und Baden-Württemberg haben hingegen bereits über 20 Fälle ausgewiesen.
Jedenfalls: Zecken saugen Blut, und die Angst vor Zecken saugt überflüssig Impfstoff. Dabei wäre die Impfung eigentlich entbehrlich: Das sicherste, billigste und beste Mittel gegen Zecken ist lange Kleidung.
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