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Zahl der Infizierten drastisch gestiegen: Schweinegrippe-Untersuchung vor der Praxistür

zuletzt aktualisiert: 22.07.2009 - 16:29

Hannover (RPO). Außergewöhnliche Umstände erfordern außergewöhnliche Handlungen: "Menschen, die eine Schweinegrippe bei sich für möglich halten, haben keinen Zutritt zur Praxis." Ein Schild mit dieser Aufschrift prangt an der Praxistür eines Hannoverschen Arztes. Trotzdem finden die potentiellen patienten Hilfe.

Möglicherweise mit der Schweinegrippe infizierten Patienten will der Allgemeinmediziner ärztliche Hilfe dennoch keineswegs verweigern: "Bitte vier mal Klingeln und im gebührenden Abstand draußen warten!", empfiehlt das Schild weiter.

Wenn das spezielle Influenza-Klingelsignal ertönt, zieht sich Dr. Helmut Beermann die Handschuhe über, legt den Mundschutz an und geht persönlich zur ersten Untersuchung nach draußen vor die Praxis. "Ich mache dann eine Kurzanamnese vor der Tür", sagt er. Wenn sich dabei der Influenza-Verdacht erhärte, werde die Tür seines Wartezimmers geschlossen und der betroffene Patient daran vorbei direkt in ein separates Behandlungszimmer geführt. "Ich muss mich selbst und die anderen Patienten vor einer Infektion schützen", betont Beermann.

Vier Patienten mit Verdacht auf neue Influenza hat der Allgemeinmediziner seit Montag bereits draußen vor der Praxis einer Erstuntersuchung unterzogen. In allen vier Fällen konnte er allerdings sogleich Entwarnung geben. "Keiner der Patienten hat die typischen Symptome", sagt der Arzt.

Die neue Grippe beginne immer sehr schnell ohne vorangehende Erkältungssymptome und zudem meist mit mehr als 38 Grad Fieber. Das abschreckende Schild an der Praxistür finden die meisten Patienten nach Angaben des Arztes "prima".

Zahl der Schweinegrippe-Infizierten in Deutschland drastisch gestiegen

Die Zahl der Menschen mit Schweinegrippe in Deutschland steigt unterdessen dramatisch an. Wie das Robert-Koch-Institut (RKI) am Mittwoch in Berlin mitteilte, waren am Dienstag, 15.00 Uhr, 1.818 Fälle der neuen Grippe in Deutschland gemeldet. Genau 24 Stunden vorher waren es 1.555 Fälle gewesen. Der Anstieg von 263 entspricht einer Zunahme um rund 17 Prozent. Vor einer Woche waren erst 834 Fälle gemeldet gewesen.

Die Zunahme wird laut RKI hauptsächlich durch Reiserückkehrer verursacht (227 neue Fälle), die nach der Heimkehr aus dem Urlaub vor allem in Spanien mit neuer Influenza diagnostiziert werden. In der Regel sind die Erkrankungen in Deutschland nach wie vor mild verlaufen, wie das Institut weiter mitteilte.

Von den 1.818 Infizierten haben sich rund ein Drittel (539) in Deutschland angesteckt. Die meisten positiv Getesteten gibt es nach den jüngsten Angaben in Nordrhein-Westfalen, wo 603 Menschen angesteckt sind. In Niedersachsen sind es 422, in Baden-Württemberg 220 und in Bayern 141 Fälle. Die geringste Zahl von Infizierten gibt es in Bremen und Hamburg mit jeweils 15.

Ungarn beklagt erstes Todesopfer

In Ungarn hat die Schweinegrippe das erste Menschenleben gefordert: Nach Angaben der Gesundheitsbehörden vom Mittwoch erlag ein 41-jähriger Mann dem Virus, der zudem auch Herz- und Lungenleiden hatte. Das Virus sei bei einer Autopsie nachgewiesen worden, die bei dem in der vergangenen Woche verstorbenen Mann vorgenommen wurde. In Ungarn wurden bislang 36 Infektionen mit dem Schweinegrippevirus bestätigt.

Schweinegrippepatient in Kanada resistent gegen Tamiflu

Erstmals hat ein Schweinegrippepatient in Kanada nicht auf eine vorbeugende Behandlung mit Tamiflu angesprochen. Dem 60-Jährigen aus der Provinz Quebec wurde das Mittel verabreicht, nachdem bei seinem Sohn eine Infektion mit dem H1N1-Virus diagnostiziert worden war. Er erkrankte dennoch, wie die Behörden am Mittwoch mitteilten.

Gesundheitsexperten zufolge kann eine prophylaktische Behandlung den Erreger resistent gegen Tamiflu machen. Seit Beginn der jüngsten Schweinegrippewelle im April handelt es sich um den weltweit vierten Fall einer solchen Resistenz. Man gehe jedoch davon aus, dass dieses mutierte Virus nicht weiterverbreitet worden sei, betonte die Sprecherin der kanadischen Gesundheitsbehörde.

Schweinegrippe-Impfung kostet 14 Euro

Die Impfung gegen Schweinegrippe wird nach Erwartung der Regierung jeweils etwa 14 Euro kosten. Dies geht aus dem Entwurf der Rechtsverordnung zu der für den Herbst geplanten Massenimpfung hervor. Sie legt eine Rangliste der Personen fest, die zuerst immunisiert werden sollen, sobald es ein Serum gibt. Vorrang haben chronisch Kranke, Ärzte und Schwestern sowie die Polizei. Die Verordnung muss noch vom Kabinett gebilligt werden.

Insgesamt geht es dem Entwurf zufolge um 22,5 Millionen Versicherte. Die zweimalige Impfung dieser Menschen soll 600 Millionen Euro kosten. Für die Impfung aller Bürger, die nach und nach vorgenommen werden könnte, werden die Kosten auf etwa zwei Milliarden Euro geschätzt. Der Preis für das Serum wird mit neun Euro, die für das Spritzen mit fünf Euro angesetzt, sofern der öffentliche Gesundheitsdienst die Impfung ausführt.

Die Verordnung sieht vor, dass in jedem Land ein Fonds zur Finanzierung errichtet wird. Daran sollen sich neben der gesetzlichen auch die private Krankenversicherung und die Beihilfeträger je nach Versichertenzahl im jeweiligen Bundesland beteiligen. Bleibt am Ende - die Verordnung soll längstens bis 31. Juli 2010 gelten - Geld übrig, soll es zurückgezahlt werden. In der Verordnung wird darauf hingewiesen, dass die Kassen durch die Impfung auch erhebliche Behandlungskosten sparen.

Priorität für chronisch Kranke

Priorität haben der Verordnung zufolge unter anderem Patienten mit Asthma und chronischer Bronchitis, chronischen Herz-Kreislauf-, Leber- und Nierenkrankheiten, Diabetes und anderen Stoffwechselkrankheiten, schwerer Fettleibigkeit, Multipler Sklerose, Immundefekten und HIV.

Auch Schwangere sollen Vorrang haben, ebenso wie Beschäftigte in Krankenhäusern, Arzt- und Zahnarztpraxen, Pflegediensten und -heimen, Reha-Kliniken, Apotheken, Krankentransportunternehmen und Gesundheitsämtern sowie Polizei und Feuerwehr. Begründet wird dies damit, dass zum einen besonders geschwächte Personen geschützt werden, zum anderen jene, die die gesundheitliche Versorgung aufrecht erhalten sollen.

Quelle: AP/felt

 
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