Bis zu 600 Neuerkrankungen pro Tag: Schweinegrippe: Virologe warnt vor "riesiger Welle"
zuletzt aktualisiert: 25.07.2009 - 10:27Passau (RPO). Weltweit steigt die Zahl der Menschen, die an Schweinegrippe erkranken, weiter drastisch an. Auch für Deutschland rechnet der Virologe Alexander Kekulé mit einer starken Zunahme der Infektionen. "Es ist der Beginn einer riesigen Welle", sagte er. Das Robert-Koch-Institut erwartet weltweit bis zu 600 neue Fälle pro Tag. Trotzdem planen die Behörden keine Gegenmaßnahmen wie Reisewarnungen, da die Erkrankung zumeist nicht bedrohlich verläuft.
Kekulé sagte im Interview mit der "Passauer Neuen Presse" am Samstag: "Die Zahl der Infektionen im Inland wird in den nächsten Wochen dramatisch zunehmen." Er geht jedoch nicht davon aus, dass die Erkrankungen bedrohlich würden. "Zum Glück verlaufen die meisten Erkrankungen derzeit relativ milde. Ich glaube auch nicht, dass sich das deutlich ändern wird", sagte Kekulé.
Die Warnungen der Weltgesundheitsorganisation, es könnten sich ein "Killer-Virus" entwickeln, bestätigten sich nicht, sagte der Virologe. "Die befürchtete, tödliche Hochzeit' zwischen Vogel- und Schweinegrippe-Erreger wird es aller Wahrscheinlichkeit nach nicht geben." Als Grund für die rasche Ausbreitung des Virus nannte Kekulé die Ferienzeit. "Viele kehren aus dem Ausland zurück. Und an den Ferienorten treffen Menschen aus aller Herren Länder zusammen." In Diskotheken oder Flugzeugkabinen herrschten ideale Bedingungen für die Ausbreitung des Erregers.
Täglich bis zu 600 neue Fälle
Trotz der raschen Ausbreitung der Schweinegrippe planen die Behörden keine neuen Gegenmaßnahmen wie Reisewarnungen oder die Absage von Großveranstaltungen. Das sei vorerst nicht nötig, erklärten das Gesundheitsministerium und das Robert-Koch-Institut am Freitag. Sie erwarten nun täglich 400 bis 600 neue Fälle. Weltweit sind bereits 130.000 offiziell registriert, bis zu zwei Milliarden könnten es nach Schätzung der WHO in den kommenden zwei Jahren werden.
Die Bundesländer bestellten am Freitag wie angekündigt 50 Millionen Dosen Impfstoff, der allerdings erst im Herbst bereit stehen soll. Damit sollen zunächst 30 Prozent der Bevölkerung geschützt werden. Vorrang haben chronisch Kranke und Schwangere sowie Menschen, die im Gesundheitswesen oder bei Polizei und Feuerwehr arbeiten. Anschließend gibt es die Option auf weiteren Impfstoff, wie das thüringische Gesundheitsministerium mitteilte.
Impfungen sind auch aus Sicht der WHO der Schlüssel zur Bekämpfung der Pandemie mit dem neuen Erreger H1N1. Vor einer Freigabe des Serums müssten aber alle Sicherheitsbedenken ausgeräumt sein, sagte WHO-Grippe-Experte Keiji Fukuda der AP in Genf. Ankündigungen von Herstellern, den Impfstoff früher als Ende September oder Anfang Oktober auszuliefern, seien nicht realistisch, sagte auch Gesundheits-Staatssekretär Klaus Theo Schröder. Das sei "schlichte Propaganda".
Fallzahlen verdoppelt
In vielen Ländern wird die Fallzahl inzwischen nur noch geschätzt. Die Schätzzahl liegt weit über den offiziell registrierten 130.000. Allein die Gesundheitsbehörden der USA gehen von mehr als eine Million Erkrankungen aus. Nach Erwartung der Behörde CDC könnten 20 bis 40 Prozent der amerikanischen Bevölkerung sich infizieren - doppelt so viele wie bei einer normalen Grippewelle.
In Deutschland haben sich allein seit Beginn der Woche die Fallzahlen in etwa verdoppelt, wie Schröder sagte. Nach den jüngsten RKI-Zahlen waren 2.844 Fälle registriert, 389 mehr als 24 Stunden zuvor. Am Tag vorher waren sogar 637 neue Fälle vermerkt worden. In dieser Größenordnung würden die Fallzahlen nun täglich weiter steigen, sagte RKI-Präsident Jörg Hacker.
Rund 80 Prozent der Krankheiten seien importiert, kommen also mit Urlaubsrückkehrern nach Deutschland. Reisewarnungen soll es dennoch nicht geben. Wenn möglich, solle man Menschenansammlungen meiden, riet Hacker.
Gesundheitsministerin Ulla Schmidt betonte, eine Absage von Großveranstaltungen sei nicht geplant. "Wenn mein Heimatverein Alemannia Aachen nächste Woche spielen würde und ich Zeit hätte, würde ich hingehen", sagte Schmidt der "Bild"-Zeitung. Doch könne niemand vorhersehen, ob man dies auch im Oktober tun könne.
Ihr Staatssekretär Schröder fügte an, auch die Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin im August sei aus heutiger Sicht nicht in Gefahr. Im Einzelfall könne es aber richtig sein, öffentliche Einrichtungen wie Kindergärten oder Schulen zeitweise zu schließen.
Fälle auf Kreuzfahrtschiff
Symptome der Schweinegrippe sind trockener Husten, plötzliches Fieber und Gliederschmerzen. Bei solchen Symptomen sollte man möglichst telefonisch den Arzt konsultieren und den engen Kontakt zu anderen meiden. Bis zur Impfung schützt nach Angaben von Experten vor allem Händewaschen und Abstandhalten. Die Erkrankung selbst lässt sich mit antiviralen Mitteln bekämpfen.
Im Hafen von Piräus in Griechenland wurden auf einem ankernden Kreuzfahrtschiff fünf Fälle von Schweinegrippe diagnostiziert. An Bord sind knapp 3.400 Passagiere und 1.200 Besatzungsmitglieder.
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