Müde Gesellschaft: Das Lob der Pause
VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 19.09.2010 - 13:33Düsseldorf (RP). Man kann sie spät abends im Supermarkt beobachten: Menschen in den Uniformen der Büros. Aktentasche über der Schulter, stehen sie vor den Regalen und starren auf das Überangebot. Wenn sie dann zugreifen, ist es, als erwachten sie aus einem traumlosen Schlaf. Ach ja, was wollte ich noch?
Oder man sieht sie im Zug. Menschen, die sich durch Musik aus dem Kopfhörer verabschiedet haben in ihre Welt und in Magazinen blättern, vor und zurück, ohne Momente des Verweilens. Andere sitzen ganz apathisch da, versunken in leere Teilnahmslosigkeit. Oder sie scheuchen vor Sporthallen, Musikschulen, Schwimmbädern ihre Kinder in das Großraumauto und sagen Basta-Sätze. Weil sie keine Kraft mehr haben, darüber zu diskutieren, wie lange heute noch am Computer gespielt werden darf.
Erschöpfte Menschen sind das. Menschen, denen man ansieht, dass sie nicht mal einen schweren Tag hatten, sondern wieder mal. Weil das Zuviel ihr Alltag ist, weil ihre Überforderung System hat. Es sind dieselben Leute, die in den Vereinen fehlen, die Theater nicht mehr füllen, das Fußballspiel absagen, weil "der Akku leer" ist, man "lieber mal gar nichts vorhaben möchte", selbst mit Freunden zu telefonieren "irgendwie zu anstrengend ist". Hat die Erschöpfung neue Qualität angenommen? Lähmt unerkannt das Nicht-mehr-Können unsere Zeit? Leben wir in einer Müdigkeitsgesellschaft?
Buch
Einen schmalen Essay-Band zum Thema hat der Philosoph Byung-Chul Han geschrieben: "Müdigkeitsgesellschaft", Matthes & Seitz, 68 Seiten, 10 Euro
Es gibt Theoretiker, die das so sehen. Weil wir in einem System leben, das Wachstum braucht, vermehrt sich auch das Unnütze. Zu viele Waren, zu viele Informationen, in der Wohlstandsgesellschaft leiden nicht nur die Menschen an Übergewicht, der französische Philosoph Jean Baudrillard nannte das gesamte System "fettleibig". Informationskanäle, Gedächtnisspeicher, alles sei überfüttert und überfettet. Die Folge ist der Infarkt.
Mussten Menschen in früheren Zeiten vor allem Infektionen fürchten, Pest, Cholera, das Eindringen fremder Erreger in den eigenen Körper, so ist es heute eher der Kollaps: Depression, Aufmerksamkeitsstörung, Hyperaktivität, Burn-out sind die Epidemien unserer Tage – psychische Krankheiten, die nicht mehr durch das Eindringen eines Bakteriums verursacht werden, gegen das es nur Antibiotika zu erfinden galt, sondern die man verstehen kann als Abwehrreaktionen auf das Zuviel der Reize und Anforderungen.
Hinzu kommt, dass wir das Zeitalter des Gehorsams hinter uns gelassen haben, das der Philosoph Michel Foucault beschrieben hat, indem er sich mit Irrenhäusern, Gefängnissen, Fabriken beschäftigte. An Stelle der Spitäler und Kasernen des 20. Jahrhunderts sind die Bürotürme, Fitnessstudios und Shopping Malls getreten. So sieht es zumindest der Medientheoretiker Byung-Chul Han von der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, der einen Essayband mit dem Titel "Müdigkeitsgesellschaft" geschrieben hat. Aus der Disziplinargesellschaft sei die Leistungsgesellschaft geworden. Menschen seien nicht mehr Befehlsempfänger, sondern Unternehmer ihrer selbst, sie lebten nicht mehr in einer Welt der Gesetze und Verbote, sondern der Projekte und Motivationstrainings.
Das allerdings klingt nur nach Befreiung. Denn in einer Gesellschaft, die vom kollektiven "Yes, we can" getrieben wird, sind alle, die nicht mithalten können, Verlierer. Und so suchen die Erschöpften nicht nach Ruhe, sie quälen sich mit Selbstvorwürfen, weil sie verinnerlicht haben, dass die Ausbeutung ihrer Selbstenfaltung dient. Das ist der eigentliche Trick der Leistungsgesellschaft: Sie macht den Einzelnen verantwortlich für die Maximierung seiner Leistung, er fühlt sich nicht mehr fremdausgebeutet, er übernimmt dies selbst im Gefühl der Freiheit. Und wer nicht schritthält, kann niemanden beschuldigen. Der Erschöpfte, der Depressive ist der "Invalide eines verinnerlichten Krieges", so Han.
Ist das nur eine weitere Beschreibung der "Ich-Erschöpfung", die Kognitionspsychologen wie Roy Baumeister oder Publizisten wie Frank Schirrmacher längst diagnostiziert haben? Als Reaktion medial überforderter Menschen auf all die Mails, SMS, twitter-Meldungen und Facebook-Pinwandnachrichten, die sie nicht mehr bewältigen? Han geht einen Schritt weiter, wenn er beschreibt, wie die "neuronale Gewalt", als die er die Reizüberflutung bezeichnet, einhergeht mit veränderten Leistungsanforderungen in der Arbeitswelt. Und veränderter Leistungsbereitschaft, die vor dem Gehirndoping nicht haltmacht.
Und so ist das Gegenmittel denkbar einfach: Es ist die Unterbrechung – die Rückbesinnung des Menschen auf seine Fähigkeit, etwas nicht zu tun. Han sieht darin keine Unfähigkeit, kein Versagen, sondern die höchste Form der Selbstbestimmung.
Wahrscheinlich läßt sich die Reizüberflutung nicht eindämmen, lassen sich die Anforderungen im Berufs- oder Familienalltag nicht mindern. Aber der Mensch kann sich Unterbrechungen verschaffen. Er kann innehalten, sich Zwischenzeiten erobern, um jener Hyperaktivität zu entgehen, die allzu leicht umschlägt in Hyperpassivität, in blöde Müdigkeit, die widerstandslos macht gegenüber jedem noch so unwichtigen Reiz.
So wäre zu unterscheiden zwischen Müdigkeit aus Erschöpfung und jener schöpferischen Müdigkeit, die ein bewusstes Entsagen ist – und dieser Gesellschaft guttäte.
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