Hinterbliebene fordern Schadensersatz: Prozess um Appetitzügler Mediator beginnt
zuletzt aktualisiert: 10.02.2011 - 16:49Paris (RPO). Sie wollten ihre Diabetes bekämpfen oder einfach nur einige Kilo abspecken und haben sich mit einem Mittel aus der Apotheke schwere, oft tödliche Herzkrankheiten eingehandelt. 175 mutmaßliche Opfer beziehungsweise ihre Hinterbliebenen hoffen nun auf Gerechtigkeit: Am Freitag beginnt in Paris der Prozess um das Diabetiker-Medikament Mediator aus dem Hause Servier, dem zweitgrößten französischen Arzneimittelhersteller.
Verantworten muss sich der 88-jährige Firmengründer Jacques Servier. In dem Verfahren geht es um die Frage, wieso Servier das Mittel jahrelang vermarktete, obwohl die gefährlichen Nebenwirkungen - vor allem Schädigungen der Herzklappen - schon lange bekannt waren. Den Klagen der unmittelbar Betroffenen wollen sich auch die staatliche Krankenkasse (CPAM) und die Mutualité Française anschließen, ein Verband von rund 700 Zusatzkrankenkassen.
20 Millionen in Entschädigungsfonds
Einen Tag vor Beginn des Gerichtsverfahrens kündigte der Pharmahersteller immerhin an, er werde 20 Millionen Euro in einen Entschädigungsfonds zahlen. Er tue dies im "Interesse der Patienten", ohne damit eine Verantwortung zu übernehmen, hieß es in einer Mitteilung an die Presse. Ob diese Geste reichen wird, ist mehr als fraglich: Allein die Schadenersatzforderungen der Kassen belaufen sich auf über 200 Millionen Euro.
In Frankreich war Mediator über dreißig Jahre lang auf dem Markt, bis November 2009. Schätzungsweise fünf Millionen Menschen, die Diabetes hatten oder abnehmen wollten, nahmen das appetithemmende Mittel ein. Die Behörden machen das Medikament heute für mindestens 500 Todesfälle verantwortlich. In Deutschland wurde Mediator, das auch unter dem Namen Benfluorex vermarktet wird, nie zugelassen. Italien und Spanien entzogen dem Mittel 2005 die Zulassung.
Fahrlässige Tötung, Betrug
Servier muss sich unter anderem wegen fahrlässiger Tötung, Körperverletzung und Betrugs verantworten. Ihm drohen bis zu vier Jahre Haft und der Entzug seiner Lizenz. Bei dem Verfahren dürften auch die engen Verstrickungen zwischen der mächtigen Pharmaindustrie und der Politik eine Rolle spielen. Nach Erkenntnissen des Enthüllungsblatts "Le Canard Enchaîné" sollen zwei Berater des Gesundheitsministeriums, die enge Kontakte zu dem Unternehmen hatten, ein früheres Verbot des umstrittenen Medikaments verhindert haben.
Der Justiz liegen zudem Aussagen eines früheren hohen Beamten der Arzneimittelkontrollbehörde (Afssaps) vor. Didier Tabuteau berichtete von massivem Druck der Pharmaindustrie, nächtlichen Anrufen und kaum verhüllten Drohungen - etwa der Ratschlag, er solle aufpassen, wenn er eine Straße überquere. Servier persönlich habe ihn davor gewarnt, der französischen Arzneimittelindustrie Schaden zuzufügen, sagte der Beamte aus.
Als Konsequenz aus dem Skandal nahm vergangene Woche der Leiter der Kontrollbehörde, Jean Marimbert, seinen Hut. Gesundheitsminister Xavier Bertrand hatte der Afssaps "Versäumnisse" vorgeworfen und eine Reform der Medikamentenkontrolle angekündigt.
Untersuchungsausschuss eingesetzt
Der Skandal beschäftigt auch die französische Nationalversammlung, sie setzte einen Mediator-Untersuchungsausschuss ein. Er soll unter anderem den massiven Vorwürfen nachgeben, die ein im Januar veröffentlichter Bericht der Kontrollbehörde für Soziales (Igas) erhebt. Demnach war die Gefährlichkeit des Medikaments bereits Mitte der 90er Jahre bekannt. Die Arzneimittelkontrolle habe sich von der Firma Servier jedoch "einlullen" und "reinlegen" lassen.
Aufgedeckt wurde der Skandal dank einer Krankenhausärztin aus der bretonischen Stadt Brest. Ihr fielen Herz-Lungen-Probleme bei Patienten auf, die Mediator eingenommen hatten. Die Symptome erinnerten die Ärztin an den Appetitzügler Isomeride, der ebenfalls von Servier vermarktet worden war. Diesem Produkt wurde die Zulassung bereits 1997 entzogen.
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