Schnee und Glatteis: Zahl der Knochenbrüche steigt
VON STEFAN BARTELS - zuletzt aktualisiert: 22.12.2010 - 15:17Kamp-Lintfort (RPO). Prellungen, Platzwunden, Knochenbrüche: Schnee und Eis verwandeln die Straßen in NRW in gefährliche Rutschbahnen. Viele Menschen verlieren den Halt und stürzen. Die Notaufnahmen der Kliniken sind überfüllt, das medizinische Personal arbeitet an der Belastungsgrenze.
Wie jeden Tag wollte Rita Pommerening mit ihrem Fahrrad in die Stadt radeln. Doch plötzlich rutschte an einer Straßenecke das Hinterrad weg. "Da muss Eis gewesen sein", ist sich die 69-Jährige sicher. Die Seniorin stürzte und fiel mit ihrem gesamten Körpergewicht auf das rechte Knie. Sofort habe sie gemerkt, dass es "was Schlimmes" ist. "Ich hatte einen Schock, war sogar ein bisschen ohnmächtig", erinnert sich Rita Pommerening. Ein junger Mann beobachtete den Unfall. Sofort stoppte er sein Auto und setzte die Seniorin auf eine Decke. Dann rief der Helfer ihren Mann an, der seine Gattin ins St. Bernhard-Hospital Kamp-Lintfort fuhr.
Seit Anfang Dezember mussten 70 Menschen nach Glatteisunfällen stationär in der Klinik aufgenommen werden – rund 50 Prozent mehr als sonst üblich. Weil die Betten der Unfallchirurgie nicht ausreichen, werden die Patienten inzwischen auf andere Abteilungen verteilt. Etwa 30 bis 40 Menschen mit Prellungen, Verstauchungen oder Platzwunden werden zudem täglich in der Ambulanz behandelt, schätzt Gunnar Nolden, Chefarzt der Unfallchirurgie.
Nur zwei oder drei Mal habe er einen vergleichbaren Winter in seiner bisherigen beruflichen Laufbahn erlebt. Die fünf in der Klinik zur Verfügung stehenden Operationssäle seien von 7 bis 20 Uhr durchgehend belegt. Notfälle würden auch in der Nacht umgehend versorgt. "Das ist nur durch Überstunden des medizinischen Personals zu kompensieren, wir arbeiten an der Grenze der Belastbarkeit", sagt Nolden. Er ist derzeit bis zu zwölf Stunden pro Tag anwesend. In der vergangenen Woche wurde sogar das im OP benötigte sterile Abdeckmaterial knapp, ein Bote musste Nachschub holen.
Betroffen sind vor allem ältere Menschen
Vor allem für ältere Menschen haben Stürze auf Schnee und Eis fatale Folgen. "Frau Pommerening hatte enorm starke Schmerzen", sagt Gunnar Nolden. Nach dem Röntgen war die Diagnose eindeutig: Bruch des Kniegelenks und des Schienbeins. "Ein Super-GAU im Kniegelenk", diagnostiziert der 50-jährige Mediziner. Nach Abklingen der Schwellung war eine Operation unumgänglich, etwa viereinhalb Stunden dauerte der komplizierte Eingriff. "Die Gelenkfläche musste wieder zusammengefügt werden", erklärt Nolden. Um das Knie zu stabilisieren, wurde der Patientin körpereigenes Knochenmark aus dem Becken implantiert. Außerdem wurden Platten und Schrauben aus Metall eingesetzt. Ohne diese Maßnahmen könnte es zum Verschleiß des Gelenks, sogenannter Arthrose, kommen. "Im schlimmsten Fall muss dann eine Prothese eingesetzt werden", sagt Gunnar Nolden.
Da viele Senioren bereits unter Herz- oder Lungenkrankeiten leiden, birgt eine Operation zusätzliche Gefahren. "Ältere Menschen haben es in der Regel schwerer, sich vollständig zu erholen. Für manche kann ein solcher Unfall das Ende der Mobilität bedeuten", so Gunnar Nolden. Auch familiäre Einschnitte blieben nicht aus – etwa die Entscheidung, ob ein Mensch dauerhaft ins Pflegeheim ziehen müsse.
Auch mit Rita Pommerening hat der Arzt über die Folgen ihres Sturzes gesprochen: "Ich gehe davon aus, dass die Patientin wieder ganz gesund wird." Momentan wird das Bein der Seniorin zwei Stunden am Tag mit einer Bewegungsmaschine trainiert, danach steht eine sechs- bis achtwöchige Physiotherapie an. Das Weihnachtsfest kann Rita Pommerening bereits wieder daheim bei der Familie verbringen. Ihr Fahrrad will sie in Zukunft bei Eis und Schnee in der Garage lassen.
Niklas Lütkemeier muss die Feiertage hingegen in der Klinik bleiben. Der Zehnjährige aus Wachtendonk ist beim Schlittenfahren am Oermter Berg gegen einen Baum geprallt. Er könne sein Bein nicht bewegen, sagte er, als Vater Axel seinem Sprössling zu Hilfe eilte. "Als ich aufstehen wollte, hat es geknackt, ich habe mich richtig erschrocken", erinnert sich Niklas. Diagnose: Schienbeinbruch. Morgen soll der Kleine operiert werden, danach noch eine Woche in der Klinik bleiben, sagt Gunnar Nolden. "Wichtig ist, dass er unter Entlastung wieder laufen lernt."
Weihnachten im Krankenhaus
Dass er Weihnachten im Krankenhaus liegen muss, passt Niklas natürlich gar nicht. Aber die Bescherung fällt trotzdem nicht aus. Mama und Papa, die Großeltern, Freunde – alle wollen Heiligabend in die Klinik kommen. Eigentlich sollte der Weihnachtsmann eine Forellenangel bringen – jetzt hat der tapfere Niklas vor allem einen Wunsch: "Mein Knochen soll so schnell wie möglich wieder verheilen!" Dann will er auch wieder auf den Schlitten steigen. "Aber nur da, wo keine Bäume im Weg sind."
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