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Bruxismus: Wenn die Seele mit Zähnen knirscht

VON ANDREA TEBART - zuletzt aktualisiert: 23.12.2011 - 10:32

Düsseldorf (RP). Im Tierreich ist die Sache eindeutig: Tiere fletschen die Zähne, um zu drohen. Diese unmissverständliche Gebärde funktioniert in der zivilisierten Welt eher nicht. Menschen reagieren oft anders: Sie beißen die Zähne zusammen, um eine unangenehme Situation auszuhalten. Einige Zeitgenossen tun das unbewusst – Nacht für Nacht. Sie knirschen mit den Zähnen. Und es werden immer mehr, wie die Bundeszahnärztekammer in Berlin festgestellt hat.

Ausgangspunkt war eine Befragung bundesdeutscher Zahnärzte. Die Mehrzahl der über 1600 Antworten zeigt, dass immer mehr Patienten nachts mit den Zähnen knirschen (Bruxismus) oder sie tagsüber über die Maßen stark zusammenpressen. Deshalb werden in der täglichen Praxis vermehrt Aufbiss-Schienen und Aufbiss-Folien verordnet, die in erster Linie mechanisch verhindern sollen, dass die Kauflächen weiter abgerieben werden.

Als weitere Folgen des Knirschens und Pressens können Muskelverspannungen und Funktionsstörungen der Kiefergelenke auftreten. „Diese psychosomatische Erkrankung geht wiederum einher mit Schmerzen in der Kaumuskulatur, mit Kopfschmerzen, aber auch Halswirbelsäulen- und Rückenbeschwerden. Tinnitus, also Ohrgeräusche, sind ebenfalls nicht ungewöhnlich“, erklärt Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer in Berlin.

Info

20 Prozent aller Patienten, die eine Zahnarztpraxis aufsuchen, haben Beschwerden, bei denen psychosoziale Faktoren eine Rolle spielen. Insgesamt leiden 42,6 Prozent aller Menschen in Deutschland zumindest einmal im Leben an einer psychischen Erkrankung – mit zunehmender Tendenz. So rangieren psychische Störungen – nach Muskel-Skeletterkrankungen – an zweiter Stelle bei den Ausgaben fürs Krankengeld.

Neben den medizinischen Erklärungen rücken andere Ursachen fürs Zähneknirschen in den Blickpunkt. „Waren es in der Vergangenheit meist überhöhte Kronen oder Füllungen sowie Fehlstellungen des Kiefers, sind diese Ursachen längst nicht allein verantwortlich“, weiß Oesterreich. „Psychosoziale Stressfaktoren kommen hinzu. In allen Lebenssituationen kann es zu starken Belastungen kommen. Ob Schule, Studium oder Prüfungssituation. Aber auch durch Familie und Beruf. Alles, was dem Patienten Stress macht, kann zu chronischen Spannungszuständen führen.“

Kein Wunder. „Die Muskulatur und damit die Körperhaltung reagieren stark auf psychische Belastungen. Jemand, dem es gut geht, läuft gerade und aufrecht. Wer traurig ist, wirkt eher gedrückt. Psyche und Soma hängen eng zusammen. „Man weiß heutzutage wesentlich mehr, welche Auswirkungen Stress auf den Körper hat, und sieht die Zusammenhänge viel deutlicher. Wir reden heute von einem Biopsychosozialen Krankheitsverständnis“, so Oesterreich.

Ralf Schäfer, am Klinischen Institut für Psychosomatische Medizin des Düsseldorfer Universitätsklinikums mitverantwortlich für das psychophysiologische Labor, ergänzt: „Es gibt Studien, die zeigen, dass Menschen, die mit den Zähnen knirschen, häufiger Probleme mit Stress haben als andere. Und zwar vor allem damit, wie sie ihn bewältigen.“

Zahnärzte und Psychosomatiker des Düsseldorfer Universitätsklinikums untersuchen gerade, wie es den Teilnehmern einer Pilotstudie geht, bei der vor einigen Jahren die Effektivität von zwei verschiedenen Behandlungsformen bei Bruxismus verglichen worden ist. Die einen bekamen eine konventionelle Aufbiss-Schiene, die anderen ein Anti-Stress-Training verpasst. Dazu gehörten verschiedene gruppentherapeutische Verfahren wie Stress-Management, Problemlösungs- Training, progressive Muskelrelaxation, Biofeedback sowie ein Erholungs- und Genusstraining. Das Ergebnis erklärt Michelle Alicia Ommerborn, Oberärztin an der Poliklinik für Zahnerhaltung, Parodontologie und Endodontologie, so: „Beide Therapieansätze reduzieren grundsätzlich die Knirsch- Aktivität. Allerdings hat die Psychotherapie schneller funktioniert.

Entgegen unserer Grundannahme war es nach einem halben Jahr aber so, dass die Aufbiss-Schiene langfristig besser funktioniert. Nichtsdestotrotz müssen wir sagen, dass wir mit einem Ansatz, der nicht zahnmedizinisch orientiert ist, die Knirsch-Aktivität reduzieren können.“ Schäfer ergänzt: „Optimal wäre es sicherlich, wenn beide Therapien parallel eingesetzt würden.“ Einig sind sich die Experten, dass man genau schauen müsse, was der jeweilige Patient braucht, damit das Zähneknirschen aufhört. Ebenso wichtig ist es, dass die Betroffenen sensibilisiert werden für ihre Symptome. Wann knirsche ich? Welchen Stress habe ich? Und warum? Und das fordert letztendlich die Bereitschaft, zur besseren Stressbewältigung einen Psychotherapeuten aufzusuchen.
Denn auch psychosomatische Erkrankungen können therapiert werden. Man muss sich da nicht alleine durchbeißen.

Quelle: chk/csi


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