Herzrasen

Flitzer: Nackt verknackt

VON SEBASTIAN PETERS - zuletzt aktualisiert: 06.11.2006 - 16:00

Deutschlands bekanntester "Flitzer" heißt Ernst Wilhelm Wittig. Der Bodybuilder aus Bielefeld zeigt sich gern unbekleidet und saß deshalb bereits mehr als fünf Jahre im Gefängnis. Das Nacktsein vor 80.000 Zuschauern im Fußballstadion zählt zu den bisherigen Höhepunkten seines Lebens, aber auch auf Volksfesten und Schulhöfen kennt der Exhibitionist keine Hemmungen.

Schaut so jemand, der Neid verspürt? Der Dortmunder Sebastian Kehl blickt auf den Flitzer Wittig. Foto: Nordphoto
Schaut so jemand, der Neid verspürt? Der Dortmunder Sebastian Kehl blickt auf den Flitzer Wittig. Foto: Nordphoto

Die Kellnerin blickt ihn bei der Bestellung irritiert an. Sie kennt das Gesicht und seinen Körper nur nicht so. Mit Klamotten. Heute ist Ernst Wilhelm Wittig angezogen. Zwar trägt der 59-Jährige an diesem stürmischen Herbsttag nur ein knappes Muskelshirt und eine körperbetonte Jogginghose. Aber immerhin ist er angezogen.

Ein paar Mal hat Wittig in diesem Bistro bereits nackt gesessen und deshalb Hausverbot erhalten. Dass der Bielefelder Bodybuilder viele Kneipen, Sporthallen, sogar Fußballstadien, nicht mehr betreten darf, liegt an einer Leidenschaft, die viele andere Menschen eine Krankheit nennen: Ernst Wilhelm Wittig ist Deutschlands bekanntester Flitzer. Flitzer präsentieren ihren nackten Körper gerne in Menschenmassen. Sie heißen so, weil sie oft vor Ordnungshütern fliehen müssen. Wittig wehrt sich nie, wenn sie ihn wieder mal kriegen.

Info

Recht

Ein Mann, der eine andere Person durch eine exhibitionistische Handlung belästigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft. Die Tat wird nur auf Antrag verfolgt. Ausnahme: großes öffentliches Interesse. Das Gericht kann eine Freiheitsstrafe auch dann zur Bewährung aussetzen, wenn zu erwarten ist, dass der Täter erst nach einer Heilbehandlung keine exhibitionistischen Handlungen vornehmen wird.

Nur ein weiterer deutscher Flitzer ist Wittig bekannt: "Es gab einen Mann, der ist in Bremen nackt durchs Stadion gelaufen. Er war aber betrunken und hat später seiner Frau geschworen, dass er es nie mehr machen würde." Wittig sagt das fast höhnisch. Für den Bielefelder zählt das Nacktsein im Fußballstadion zu den Höhepunkten seines Lebens, in dem er sich immer wieder auszieht, um anderen seinen Bizeps, Trizeps und sonstige Körperteile zu zeigen. Drei Mal ist er unbekleidet durchs Stadion gerannt. Einmal beim Spiel Bielefeld gegen Mönchengladbach, zwei Mal bei Heimspielen von Borussia Dortmund: gegen den MSV Duisburg und gegen Arminia Bielefeld.

Auf Fotos von den Nackt-Auftritten im Stadion sind Bundesliga-Fußballer zu sehen, die neben Ernst Wilhelm Wittig beschämt auf den Boden schauen. "Die ärgern sich, weil sie dann für kurze Zeit nicht im Mittelpunkt stehen", meint Wittig. "Vor 80.000 Zuschauern in Dortmund meine Show machen, das war bisher das Highlight meiner Laufbahn." Ernst Wilhelm Wittig nennt es seine "Show". Er sieht sich als "Interaktionskünstler". "Ernie" ist sein Künstlername. Bei Veranstaltungen ist Wittig gefürchtet. Seine Freude, ein Bürgerschreck zu sein, kann er kaum verheimlichen.

50.000 Euro Bußgelder und 5 Jahre Knast  

Alles fing an, als Freunde mit dem gelernten Bauschlosser wetteten. "Du traust dich nicht, nackt auf dem Rad durch Bielefeld zu fahren." Weil Wittig es doch wagte, bekam er 100 Euro. Seitdem musste er jedoch seine Leidenschaft teuer bezahlen. 50.000 Euro Bußgelder wurden ihm bisher auferlegt. Alle Strafen hat Wittig abgesessen. Fünfeinhalb Jahre saß er im Knast. In Deutschland kennt das Flitzen nur wenige Anhänger. In England, sind die "Streaker" (so nennen sie sich auf der Insel) fast schon Volkssportler. Immer wieder schaffen sie es unter dem lauten Jubel der Fans, auf den Fußballplatz zu rennen. Das verbuchen die Engländer unter britischem Humor. Was wirklich dahinter steckt, interessiert in England kaum jemanden. Auch in Deutschland werden die Flitzer, meist sind sie männlich, oft als lustige Vögel abgetan.

Jemand hat eine Seite bei Wikipedia.de eingerichtet, auf der Ernies Entblößungen und die gerichtlichen Folgen beschrieben werden. Wittig hat die Seite nie gesehen: "Mein Rechtsanwalt hat mir davon erzählt." Das Fußball-Computerspiel "Anstoß" hat gar eine kleine Reminiszenz an Wittig eingebaut. Mitten in einer Computer-Spielszene rennt ein Flitzer durchs Bild, auf dem der Schriftzug "Ernie" zu sehen ist.

Bliebe Wittig dabei, sich nur im Stadion auszuziehen, die Ordnungshüter würden in ihm kaum einen Problemfall sehen. Ernie aber zieht sich überall aus: bei Damenfußballspielen, bei Volksfesten und was am schlimmsten ist auf Schulhöfen. Die Geschichte von Ernst Wilhelm Wittig als Flitzer im Stadion ließe sich glatter lesen ohne diese Tatsache. Aber die Wahrheit gehört dazu. Exhibitionistische Handlungen vor Kindern können mit Freiheitsentzug bis zu fünf Jahren bestraft werden.

Viele Fach-Psychologen haben sich bereits mit Wittig beschäftigt. Er sieht sich und seine Körper als ein Kunstwerk. Sie sehen ihn als einen persönlichkeitsgestörten Mann. Noch untersucht die Forschung, inwieweit das "Flitzen" wie beim Exhibitionisten sexuelle Erregung hervorruft oder ob sich die Flitzer nur aus Narzissmus nackt präsentieren. Ernie sagt nur: "Ich bekomme einen Kick, wenn ich mich so in der Öffentlichkeit zeige." Und in seiner Wahrnehmung kickt es auch die Menschen, die ihn nackt sehen. Ernie lebt alleine und hofft, irgendwann eine Frau kennen zu lernen.

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Autor: anonym | 09.11.06 13:41 (1/1)
eigentlich müssen alle anderen zum Psycho-Dok
wegen der Probleme, die sie mit Nacktheit haben. auch Kindern schadet es mitnichten, wenn sie mal einen Pillemann sehen Ernies Verhalten gleich in die Ecke des Kindesmissbrauchs zu stellen...
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