About a Boy: Christian Wulffs wahrscheinlichste Weihnachtsansprache
VON SEBASTIAN DALKOWSKI - zuletzt aktualisiert: 23.12.2011 - 10:19Mönchengladbach (RPO). Unser Kolumnist möchte zu jenen Kolumnisten gehören, die die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten Christian Wulff vorwegnehmen. Also macht er es.
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
ich will ehrlich zu Ihnen sein. Auch und gerade in den vergangenen Tagen und Wochen hat das Gerücht die Wahrheit ersetzt, die Sensation die Tatsache. Sie wissen, dass dies nicht mein Stil ist. Ich will ehrlich zu Ihnen sein und ich fange sogleich damit an.
Diese Weihnachtsansprache ist nicht live. Sie wurde am Mittwoch aufgezeichnet. Ich spreche aus der Konserve zu Ihnen, weil ich keine Lust habe, am 1. Weihnachtstag, den Schoß meiner Familie zu verlassen und den Weisen aus dem Schloss Bellevue zu spielen. Außerdem bin ich um diese Uhrzeit nicht mehr das, was sich als nüchtern bezeichnen lässt. Ja, wenn Sie mich diese Worte sagen hören, ist mein Sprachsystem bereits empfindlich angegriffen.
Mir ist der Sinn dieser Weihnachtsansprache ohnehin nicht klar. Es ist wie mit Dinner For One. Man hat eines Tages damit angefangen, es zu senden, und dann hat man einfach nicht mehr aufgehört. Auch wenn es doch in Wirklichkeit keiner mehr ertragen kann. Immerhin ändert sich in der Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten von Jahr zu Jahr die Farbe der Christbaumkugeln, der Text hingegen ist - Sie können das gerne überprüfen - immer derselbe.
Ich will ehrlich zu Ihnen sein: Auch in diesem Jahr müsste ich eigentlich von den Menschen reden, die sich für diese Gesellschaft einsetzen. Ich fordere Respekt vor dem Mitmenschen. Am Ende wünsche ich uns allen Frieden auf Erden, auch wenn ich weiß, dass unsere Regierung wenig dafür tut. Sie wissen ja, dass das Teil der Heuchelei ist. Der Teil, in dem Sie dann sagen können “Ach, seine eigene Regierung lässt doch Panzer exportieren”. Das ist vielleicht der einzige Teil der Rede, der irgendeinen Sinn macht, weil er Sie möglicherweise in die Empörung treibt, und Empörung ein wichtiges Gefühl ist. Der Rest aber klingt wie aus Sprüche-Büchern vom Grabbeltisch zusammengeschrieben. Ein paar Kamerawechsel sollen Dynamik vortäuschen, die es nicht gibt.
Warum sehen Sie sich das eigentlich an? Tun Sie etwas Sinnvolles. Füttern Sie Ihr Haustier. Machen Sie Popcorn. Bringen Sie den Müll raus. Ich sehe mir diese Rede gerade auch nicht an, da dürfen Sie sicher sein.
Wie Sie sehen, wird diese Rede vor Publikum ausgezeichnet. Die Zusammensetzung dieser Menschen, die Sie ganz einfach an Ihrem ehrfürchtigen, ja starren Blick erkennen, ist von einer solchem Symbolik, dass mir schummrig wird. Es sind Feuerwehrleute, Soldaten, Pfadfinder, Schwarze, Juden, Asiaten, Moslems, Kinder, Alte, Behinderte. Sie sollen zeigen, wie vielseitig unsere Gesellschaft ist, und sie helfen mir dabei, die Botschaft zu transportieren, dass wir Respekt vor dem Anderen haben sollten. Oh mein Gott, geht es noch plakativer? Ich lerne diese Menschen nur kennen, wie ich alle Menschen kennenlerne in meinem Amt als Bundespräsident – bei einem einskommafünfsekündigen Händeschütteln. Sobald diese Aufzeichnung beendet ist, werden sie freundlich aber bestimmt aus dem Haus gedrängt. Ich bin nicht der Stall in Betlehem. Ich bin nicht Jesus. Ich habe bloß eine Villa. Das verpflichtet mich zu nichts.
Ich will ehrlich zu Ihnen sein: Ich weiß, Sie haben sich andere Worte erhofft. Sie haben sich erhofft, dass ich zu einem Vorgang Stellung nehme, der die Medien in diesen Tagen so sehr beschäftigt, weil sie sonst nichts anderes haben, auf das sie sich stürzen können. Sie werden sehen, mit Beginn des neuen Jahres werde ich schnell in Vergessenheit geraten. Und glauben Sie wirklich, dass ich hier neben diesem Tannenbaum, vor diesen Pfadfindern, ein Geständnis ablegen würde? Das Amt des Bundespräsidenten ist mit Privilegien verbunden. Ich möchte diese nicht verlieren. Ich weiß, Sie haben hohe Ansprüche an das Amt des Bundespräsidenten, aber warum eigentlich? Es ist das höchste Amt des Landes, aber verbunden mit einer Macht, die sogar von der eines Kassenwarts im Taubenzüchterverein übertroffen wird. Denken Sie etwa, diese Rolle erfüllte mich mit irgendeinem Sinn? Ich soll das Ansehen Deutschlands mehren, wo doch jedes Fußballländerspiel mehr für das Ansehen Deutschlands tut.
Ich will ehrlich zu Ihnen sein. Sie könnten mir alle nicht egaler sein. Frohe Weihnachten und ein erfolgreiches Jahr 2012.
Sebastian Dalkowski veröffentlicht jeden Freitag die Kolumne „About a Boy“. Seine bessere Gesichtshälfte hat Andreas Krebs fotografiert.
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