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About a Boy Spezial
Das WM-Tagebuch des Herrn Löw (Epilog)

Fotos: Joachim Löw – Freiburger, DFB-Pokalsieger, Weltmeister
Fotos: Joachim Löw – Freiburger, DFB-Pokalsieger, Weltmeister FOTO: dpa, ss
Düsseldorf (RPO). Jogi Löw wollte in Südafrika Weltmeister werden. Für ein Internet-Tagebuch schreiben hatte er deshalb keine Zeit. Das übernahm unser Autor für ihn und hielt sich bis zum Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft für den Bundestrainer. In der allerletzten Folge muss Löw für seine Frau schuften. Von Sebastian Dalkowski

Was zum Teufel mache ich hier? (Donnerstag, 15. Juli)

Meine Frau ist ein Wesen, das zu allen Abscheulichkeiten fähig ist. Heute Morgen will ich es genießen, endlich einmal wieder auszuschlafen nach dieser Aufregung in Südafrika, als sie mir mit den Fingern die Augenlider hochschiebt.

"Joachim, aufstehen."
Ich stelle mich schlafend.
"Joachim! Aufstehen!"
Ich bleibe eisern.
"Joachim!!! Raus dem Bett, du faule SAU!!!"
"Daniela, spinnst du? Was ist denn in dich gefahren?"
"Ich habe dir doch schon gestern gesagt, dass du heute endlich damit anfangen sollst, den Dachboden zu renovieren. Die Holzvertäfelung muss ausgetauscht werden und ein neuer Anstrich wäre auch gut."
"Daniela, ich muss mich erholen. Ich habe vier Wochen am Stück gearbeitet."
"Nichts hast du gemacht. Getrunken und geschlafen hast du. Dritter Platz – lächerlich. Ständig muss ich mir den Spott der halbspanischen Kassiererin im Supermarkt anhören."
"Hallo, Deutschland liebt mich."
"Das ist mir doch völlig egal. Außerdem wird dich Deutschland in den nächsten Wochen schnell vergessen haben. Und wenn erst die Bundesliga wieder anfängt, reden doch wieder alle nur von van Gaal. Also, aufstehen!"
"Daniela, wirklich. Ich brauche Ruhe."
"Du brauchst gar nichts, aber der Dachboden braucht einen Anstrich. Los jetzt!"

Gegen Nachmittag – als ich mich unter einem Stapel Holzlatten begraben und mir Farbe über die Füße und das Gesicht geschüttet hatte, als meine Hände Schwielen hatten wie Oliven und mir der Schweiß am Körper entlanglief wie eine Sturzflut, da beschloss ich, dass ich meiner Frau nicht jeden Gefallen tun musste. Ich wollte auch mal an mich denken.

Ich legte alles beiseite, wischte mir die Hände an meinem Blaumann ab und ging in meinen Hobbykeller. Dort nahm ich das völlig durchlöcherte Puyol-Foto von der Dartscheibe und warf es in den Papierkorb. Dann zog ich ein liniertes Heft aus der Schublade und setzte mich an meinen Schreibtisch. Auf die Vorderseite schrieb ich: Meine Taktik für das EM-Finale 2012 gegen Spanien.

Dann klappte ich das Heft auf. Es war noch völlig unbeschrieben.

Ich sollte Reichspräsident werden (Sonntag, 11. Juli)

"Was genau haben Sie mir da auf den Teller getan?", fragte ich die Stewardess auf dem Rückflug nach Deutschland und zeigte auf das Essen, das als Lamm-Carpaccio angekündigt worden war.
"Das ist Lamm-Carpaccio", sagte sie und sah mich verunsichert an.
"Machen Sie Witze? Wenn ich Ihren Schädel aufschneiden würde wie ein Frühstücksei und den Inhalt auf einen Teller kippe, würde das appetitlicher aussehen."
"Soll ich Ihnen eine neue Portion bringen?"
"Bringen Sie mir den Koch."
"Der ist leider nicht im Flugzeug."
"Vermutlich gibt es nicht mal einen Koch."

"Joachim, lass mal gut sein. Du kannst ein paar Brote von mir haben."
Hansi Flick hatte in weiser Voraussicht einige Stunden vor dem Rückflug im Hotel ein Lunch-Paket bestellt.

"Aber wir haben dafür bezahlt", sagte ich.
"Los, nimm dir ein Salamibrot und ein Trinkpäckchen. Und in Frankfurt gehen wir zu McDonalds."

Hansi wusste, wie er mich beruhigen konnte.
"Na los, räumen Sie schon weg", sagte ich, nahm mir ein Salamibrot und biss zu.

"Und freust du dich über das Bundesverdienstkreuz", fragte Hansi.
Ich spuckte das Brot aus.
"Freuen? Worüber?"
"Es ist doch eine große Ehre, die Auszeichnung vom Bundespräsidenten zu bekommen."
"Ja, es ist eine große Ehre und zwar für Christian Wolf, mir das Bundesverdienstkreuz überreichen zu dürfen."
"Das ist jetzt aber schon ein wenig überheblich."
"Blödsinn. Warum verleiht er es mir denn wohl? Damit gleich zu Beginn seiner Amtszeit Fotos in der Zeitung erscheinen, auf denen er mit mir zu sehen ist. Nach seiner Pannenwahl ist es genau das, was er braucht."
"Meinst du?"
"Na klar. Und mal ehrlich: Reicht das Bundesverdienstkreuz, um mich für das zu ehren, was ich für dieses Land geleistet habe?" Dann müsste er schon auf sein Amt verzichten und mich zum Präsidenten machen und zwar mit den Vollmachten vor der Einführung des Grundgesetzes."
"Vorsicht, Joachim, nicht noch zum Ende ein Hitler-Vergleich. Das würden sie auch dir übel nehmen."
"Warum Hitler-Vergleich? Es gab auch andere Reichspräsidenten, Ebert, Hindenburg. Außerdem war Hitler ja Diktator und kein Reichspräsident."
"Trotzdem. Das ist das einzige, was dich noch vom Sockel stoßen könnte."

"Darf ich kurz stören?"
Per war plötzlich neben meinem Sitz aufgetaucht.
"Was gibt es?", fragte ich.
"Nun ja, Marko, Philipp und ich spielen das Verrückte Labyrinth und da wollten wir fragen, ob Sie nicht mitspielen wollen. Bisher ist ja leider immer etwas dazwischengekommen."
"Aber ich kann doch Hansi nicht so einfach sitzenlassen", sagte ich.
"Ach, das ist kein Problem, ich gucke mir eine DVD an."
"Also Trainer?... Trainer?"
"Mmm."
"Geben Sie sich einen Ruck. Zum Abschluss der WM."
"Okay, okay. Aber nur, wenn ich die blauen Spielsteine bekomme.”
"Klar."

Ich schnappte mir mein Trinkpäckchen und lief hinter Per her. Einmal vorbei an allen Spielern, an Thomas Müller, Miroslav Klose, Tim Wiese, Jerome Boateng, Mesut Özil… bis wir an einen Tisch kamen, an den wir uns setzten.

Irgendwo auf dieser Welt ging bestimmt gerade diese verdammte Sonne auf.

"Weinen Sie, Trainer?"
"Ach, halt die Fresse Per."

Wie viele Idioten haben Platz auf der Erde? (Samstag, 10. Juli)

Das Problem ist, dass ein Mensch nur eine bestimmte Menge Alkohol zu sich nehmen kann. Es ist häufig eine sehr große Menge, aber niemals reicht sie aus, um einen Idioten, eine falsche Schlange und einen als Journalist getarnten Superidioten an einem Tag zu ertragen.

Natürlich gehört bei der Siegerehrung nach dem Freundschaftsspiel gegen Uruguay der Bundespräsident Wolf zu den Gratulanten, dieses Schaf im Schafspelz. Er flötete mir mal wieder ins Ohr, dass er mich damals als Trainer des HSV super, aber wirklich super gefunden habe. Ich beließ ihn in dem Glauben und zerdrückte ihm schon mal präventiv die Hand dafür, dass er später auf die Frage, ob Spanien oder Holland gewinnen sollte, antwortete: "Der Bessere möge gewinnen." Solche Leute geben auch als ihr Lebensmotto an "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es". Christian Wolf – what is it good for?

Drei Gratulanten weiter wartete die falsche Schlange Theo Zwanziger, der sich vorgenommen hatte, ausschließlich mir das Bronzeblech um den Hals zu hängen. Ich nahm ihm die Medaille locker aus der Hand. "Jogi, wir brauchen dich", sagte er, worauf ich mich zu ihm herunter beugte und ins Ohr flüsterte "Ich weiß". Dann trat ich ihm auf den Fuß.

Als ich das überstanden habe, will ich nur noch in mein Bett, das Frühwerk von Van Morrison hören und die Luft aus dem Glas lassen. Doch vorher muss ich ein letztes Mal mit Jürgen Bergener von der ARD sprechen, dieses Sakko des Grauens. Vor dem Interview sage ich, dass ich ihm eine verpasse, wenn wir in fünf Minuten nicht fertig sind oder ihm auf den Teppich kotze. Er grinst nur und sagt "Ach ja, Herr Löw".

Während des Gesprächs stelle ich mich immer heiserer, was ihn nicht davon abhält zu fragen, ob ich den Trainer bleiben wolle, ob Urlaub gebucht sei und so weiter. Jürgen, Tipp von Jogi: Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal sterben.

Und dann sollte ich auch noch ein Wort des Dankes an Günter Netzer richten, weil er nach 13 Jahren Asyl bei der ARD endlich aufhört. Ein Wort des Dankes! An Günter Netzer! Nur weil alle seine Grimmigkeit für Charakter gehalten haben und seine Versprecher für Gags. Außer ihm hat nur Erich Ribbeck dem deutschen Fußball mehr Schaden zugefügt.

Ich sage, wie schade es doch ist, dass er gehe und dass wir deshalb alle heulend in der Kabine sitzen und nicht wüssten, wohin mit unserem Leben. Als die Kameras aus sind, lasse ich einen fahren und gehe.

Ich will ins Finale (Freitag, 9. Juli)

Mein Plan, Deutschland doch noch ins Finale zu bringen, erlitt bereits heute Morgen einen schweren Rückschlag. Als ich aufwachte, glühte meine Stirn und ich zitterte. Ich rief den Mannschaftsarzt, der mir was von Fieber, Schüttelfrost und "Unbedingt im Bett liegen bleiben, damit ist nicht zu spaßen" sagte.

Kaum hatte er mein Zimmer verlassen, rief ich Hansi Flick an.
"Der Doc sagt, ich bin krank und muss im Bett bleiben. Besorg mir doch bitte zwei Flaschen Whiskey und Eis."
"Aber wenn du doch krank bist, Joachim."
"Hansi, ich bin nicht in der Stimmung, mit dir darüber zu diskutieren. Wenn du mir keinen Alkohol bringst, besorge ich dir auch keinen meiner blauen Jogi-Pullover mehr. Du weißt, wie schwer die momentan zu bekommen sind. Alle Männer in Deutschland laufen damit herum."

Zwei Minuten später floss der Whiskey ins Glas. Ich legte das Debütalbum von Leonard Cohen in den CD-Player und ließ mich auf die Couch fallen. Für meinen Plan trank ich zwei Gläser, dann noch zwei. Schließlich tippte ich eine Nummer in mein Handy.

"Puyol."
"Hier spricht Jogi Löw."
"Hallo, Herr Löw. Es ist mir eine Ehre. Was kann ich für Sie tun?"
"Sie haben meinen Traum vom Titel zerstört."
"Das tut mir leid. Es ging nicht anders."
"Doch. Sie müssen dafür sorgen, dass Deutschland im Finale spielt und nicht Spanien."
"Aber wir haben das Spiel doch gewonnen."
"Das mag sein, aber wir haben den mit Abstand besten Fußball von allen Mannschaften gespielt. Wir hätten den WM-Titel verdient."
"Das mag sein, aber ich muss Ihnen doch nicht erklären, dass Fußball nicht so ist."
"Sie geben also zu, dass wir das beste Team sind?"
"Klar, aber das hilft Ihnen auch nicht weiter."
"Dann sorgen Sie gefälligst dafür, dass auch das beste Team ins Finale kommt."
"Und wie bitte soll ich das machen?"
"Treten Sie noch heute vor die Presse und geben Sie zu, dass Sie gedopt haben. Dann fliegt Ihre Mannschaft aus dem Turnier."
"Sind Sie verrückt? Das geht nicht"
"Aber Sie können doch nicht so einfach meinen Traum vom vierten Stern zerstören. Bitte tun sie das nicht. Bitte!"
"Aber ich kann doch nicht zugeben, dass ich gedopt habe."
"Warum?"
"Na ja…"
"Nun sprechen Sie schon? Das ist doch Ihr purer Egoismus. Sie sind ein Menschenfeind"
"Nein."
"Sondern?"
"Das Krakenorakel hat gesprochen."
"Bitte?"
"Krake Paul hat gesagt, dass Spanien Weltmeister wird. Ich lege mich nicht mit Krake Paul an."
"Ach halten Sie doch Ihre Fresse."

Ich legte auf. Dann setzte ich die Flasche an meinen Mund und leerte sie in einem Zug. Morgen spielen wir gegen Uruguay um den dritten Platz. Warum denken sich Menschen so etwas aus?

Wenn ich die Adresse von Puyol herausfinde, stelle ich mit diesem Wissen Dinge an, für die ich nie mehr aus dem Gefängnis komme (Donnerstag, 8. Juli)

Ich lese keine Zeitungen mehr. Ich höre kein Radio. Sehe kein Fernsehen. Ich lese keine SMS.

In den Zeitungen werden sie schreiben, dass Puyol Deutschlands WM-Traum zerstört hat. Im Radio werden sie sagen, dass Puyol Deutschlands WM-Traum zerstört hat. Im Fernsehen werden sie Bilder zeigen, wie Puyol Deutschlands WM-Traum zerstört. In den SMS wird stehen, wie schade es ist, dass Puyol Deutschlands WM-Traum zerstört hat.

Wer ist Puyol? Ein alternder, untersetzter Abwehrspieler vom FC Barcelona, den seine stets nasse Lockenmähne entstellt. Niemals dürfte er Werbung für Nivea machen. Puyol ist ein Mängelwesen. Am Mittwochabend ist er mit dem Kopf gegen den Ball gelaufen. Nun habe ich schon wieder diese Bilder im Kopf. Zum Glück habe ich noch eine Flasche unter meinem Bett liegen.

Heute Nachmittag rief ich die Weinrunde wieder zusammen, Hansi Flick und Hans Jörg Butt.

"Kollegen", sagte ich, "wir sind und einig, dass wir uns heute richtig besaufen, oder?"
Sie nickten.
"Wir sind uns einig, dass wir damit so früh wie möglich beginnen. Richtig?"
Wieder Zustimmung.
"Wir sind und auch einig, dass wir von Wein auf harten Alkohol umsteigen müssen."
Nicken.

Also bestellten wir uns ein Taxi und ließen uns in den nächsten Supermarkt bringen. Dort kauften wir drei Flaschen Korn, zwei Flaschen Whiskey und einen Beutel Eiswürfel. Zurück im Hotel schlossen wir uns in mein Zimmer ein, ich legte eine Platte von Frank Sinatra auf, dann öffneten wir die erste Flasche.

Drei Stunden später öffneten wir die letzte.

"Wisst Ihr", sagte ich, "das Unglück hat am Mittwoch begonnen, als ich kurz vor Spielbeginn unbedingt eine Pizza mit Thunfisch haben wollte, es aber weit und breit keine gab. Also rief ich den Pizza-Dienst an, dass er mir eine zur Bank bringt. Als der arme Kerl dann in der vierten Minute übers Spielfeld zu mir rannte und geschnappt wurde, wusste ich, dass es nicht mein Tag war."
"Prost", sagte Hans Jörg.

Wir leerten die letzte Flasche. Hansi und Hans Jörg verabschiedeten sich. Ich klopfte ihnen nochmal auf die Schultern.
"Wisst Ihr", sagte ich, "natürlich geht das Leben weiter. Fragt sich nur, für wen und wie."

Als Gary Lineker irrte (Mittwoch, 7. Juli)

Ich will nicht mehr.

Deutschland ist mir egal (Dienstag, 6. Juli)

Ich möchte einen großen Irrtum aufklären. Ich tue dies alles nicht für Deutschland. Nicht einmal ein bisschen. Ich tue dies sogar noch mehr zum Erhalt der Wale als für dieses Land. Und deshalb sind diese Erfolge auch keine Erfolge für Deutschland, sondern einfach Erfolge für mich, Philipp, Bastian, Miro und so weiter. Gut, überwiegend sind es Erfolge für mich. Wenn ich der Trainer der aserbaidschanischen Nationalmannschaft wäre, könnte ich damit auch leben. Hauptsache es gibt einen Ball, ein Spielfeld, zwei Tore, einen Gegner.

Und deshalb möchte ich nicht, dass sich irgendjemand in diesem Land freut, wenn wir morgen 4:1 gegen Spanien gewinnen. Ich möchte nicht, dass Menschen sich in Fahnen einwickeln, Deutschland-Trikots anziehen, sich in den Autokorso einreihen, große Mengen an Alkohol trinken, ihren Mitmenschen um den Hals fallen. Was morgen in Südafrika passiert, passiert nicht für Deutschland. Niemand soll morgen Stolz empfinden auf die Vernichtung der Spanier. Niemand soll morgen Abend denken, dass der Einzug ins Halbfinale irgendwas ändert. Er schiebt das, was sich ändern sollte, bloß aus dem Blickfeld.

Ich möchte, dass sich die Menschen dieses Spiel ansehen, sich über den schönen Fußball freuen, einige Male applaudieren, ein paar Erdnüsse essen. Bei den Toren sollen sie bloß sagen "Das war schön herausgespielt." Unabhängig davon, welche Mannschaft das Tor geschossen hat. Danach sollen alle ins Bett gehen, denn am nächsten Tag wird gearbeitet und es ist ja schon spät.

Ich weiß, dass meine Wünsche nicht in Erfüllung gehen. Morgen ab 22.30 Uhr werden die Menschen wieder betrunken Auto fahren, Fahnen schwenken, "Schlaaand" grölen. Und ich werde vor dem Spiel lange darüber nachdenken, ob ich dafür weiterhin verantwortlich sein möchte. Und dann entscheide ich, ob ich Neuer oder Gomez ins Tor stelle.

Wie ich Ballack loswurde (Montag, 5. Juli)

Heute Nachmittag schrak ich kurz auf. Ich dachte: "Dunga wurde entlassen, Maradona will aufhören, Capello ist gefährdet… wann bin ich fällig?" Dann fiel mir ein, dass meine Mannschaft ja noch nicht ausgeschieden war.

Trotzdem kam ich ins Grübeln und erkannte, wie flüchtig Macht ist. Ich könnte Spiele verlieren, ich könnte den falschen Spieler nominieren, aber ich musste auf jeden Fall meine Macht behalten. Dafür musste ich erstmal die Konkurrenten um die Macht aus dem Weg räumen. Denn in ihrer Gegenwart war meine Macht eingeschränkt. Ein Land konnte nicht von drei oder vier Königen regiert werden.

Wenig später bat ich Philipp Lahm in mein Zimmer.
"Philipp", sagte ich, "setz dich und hör mir gut zu."
"Was gibt es denn, Trainer?"
"Philipp, ich habe mit Michael Ballack gesprochen."
"Was hat er gesagt?"
"Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich dir das erzählen soll. Doch dann hielt ich es für so wichtig, dass ich es dir nicht vorenthalten konnte."
"Hat er mich beleidigt?"
"Philipp, er hat gesagt, dass er noch nie einen schlechteren Kapitän erlebt hat als dich. Dass du so viel Autorität hast wie Zoltan Sebescen. Und dass du schnarchst wie ein holzverarbeitendes Gewerbe."
"Wirklich? Das hat er gesagt?"
"Du weißt doch, wie Michael ist, wenn er seine Macht durchsetzen möchte."
"Sollte ich darauf nicht reagieren?", fragte er.
"Dazu bist du im Grunde sogar verpflichtet. Du bist der Kapitän, Philipp. Du darfst es nicht dulden, wenn jemand anderes die Macht an sich reißen will."
"Sie haben Recht, Trainer. Ich werde den Mannschaftsrat zusammenrufen und dann entscheiden wir."

Eine Stunde später stand fest: Michael Ballack musste abreisen. Das Votum war eindeutig. In der Öffentlichkeit sprachen wir davon, dass es für Ballack zurück in die Reha nach Leverkusen ging. Das war natürlich Blödsinn. Er aber verstand die Welt nicht mehr. "Michael, glaub mir, ich habe die Mannschaft bekniet, dass sie sich anders entscheiden", sagte ich ihm. "Aber die sind völlig durchgeknallt. Ich weiß auch nicht, was mit denen los ist, besonders mit Philipp. Ich habe das Gefühl, dass er mit seiner Kapitänsbinde nicht richtig umgehen kann."

Kurze Zeit darauf stieg Ballack in sein Taxi, das ihn zum Flughafen bringen sollte. Ich sah ihm eine Sekunde hinterher. Dann verlor ich das Interesse.

Miro offenbart mir seine Gefühle (Sonntag, 4. Juli)

Ich glaube es noch immer nicht. Ich habe menschliche Gefühle gezeigt. Wenn auch nur für eine Minute. Das schlimmste ist, dass es dabei um Miro geht. Was ist bloß los mit mir? Kann ich möglicherweise sogar weinen?

Zwei Drittel des Tages bestanden daraus, dass Miro nervte. Wie immer. Ständig zeigte er das Victory-Zeichen. Das sollte sagen: "Noch zwei Treffer und ich bin der erfolgreichste WM-Torschütze aller Zeiten. Erfolgreicher als Ronaldo, Pele und Gerd Müller." Weil er aber nicht riskieren wollte, dass es jemand nicht verstand, sagte er: "Noch zwei Treffer und ich bin der erfolgreichste WM-Torschütze aller Zeiten. Erfolgreicher als Ronaldo, Pele und Gerd Müller."
Sogar beim Abendessen mit den Spielerfrauen konnte er es nicht lassen.
"Guck mal", sagte er zu seiner Frau Sylwia. Doch die guckte nur auf ihr Essen.
"Guck doch", sagte er.
"Ja, ich weiß es doch jetzt", sagte sie.

Nach dem Abendessen zog ich mich auf mein Zimmer zurück und sah mir auf den Laptop "Die Klapperschlange" mit Kurt Russell an. Verbrecher soll den mit dem Flugzeug abgestürzten US-Präsidenten aus Manhattan holen, das ein Gefängnis für die schlimmsten Kriminellen der USA ist. Es wird geschossen und geboxt und das ohne Moral – großartig.

Doch mitten in einer schönen Ballerei klopft es an meiner Tür und Klose kommt rein. Selbst ich erkenne, dass er traurig ist.
"Trainer, darf ich kurz stören? Ist wichtig."
Ich sehe mich um meinen Schießabend gebracht, nicke aber.

Er setzt sich neben mich aufs Bett. Mir läuft es kalt den Rücken herunter.
"Was kann ich für dich tun, Miro?"
"Es ist wegen meiner Frau."
"Wieso? Sie ist doch jetzt noch angereist."
"Das ist richtig, aber nun wäre es mir doch lieber, wenn sie nicht gekommen wäre."
"Warum sagst du denn so was?"
"Ach Trainer, sie schwärmt die ganze Zeit von Thomas Müller. Wie toll der doch ist. Wie schöne Tore er schießt. Wie witzig er in Interviews ist. Wie süß sein Lachen ist. Das geht die ganze Zeit so."
"Ja, aber du schießt doch auch schöne Tore."
"Aber eben nicht auf die Müller-Art. Und in Interviews sei ich so trocken wie abgelaufenes Knäckebrot, sagt meine Frau."
"Aber im Halbfinale darf Müller nicht spielen. Da kannst du ihn hinter dir lassen."
"Das ist meine große Hoffnung. Deshalb erzähle ich das ja auch überall mit den zwei Toren. So einen Rekordschützen muss sie einfach lieben."
"Dann ist doch alles gut."
"Na ja… meinen Sie denn, ich treffe noch mal?"

Das war der Moment, in dem ich meinen Arm um ihn legte und ihn an mich drückte.
Dann sagte ich: "So, und jetzt geh wieder zu den anderen. Ich muss noch an meiner Taktik arbeiten."
"Danke, Trainer."

Als Miro weg war, wusch ich mir den Arm mit Kernseife.

Ich bedauere die Abwesenheit von Gewalt (Samstag, 3. Juli)

Ich bin wieder dazu ausersehen worden zu hassen. Sonst macht es ja keiner. Sonst mögen sich ja alle, als seien sie frisch verliebt.

Ich hatte mich so gefreut auf eine ordentliche Schlägerei nach dem Spiel gegen Argentinien. Ich hatte sogar ein paar Freunde der badischen Antifa einfliegen lassen und ihnen erzählt, dass bei Argentinien bloß Nachfahren von geflohenen Top-Nazis spielen. Ich sage nur Heinze. Ich hatte sogar einen Baseballschläger unter der Bank versteckt, um in der Prügelei Maradona die Birne weichzukloppen.

Und dann das.

Die deutschen Spielern waren nach dem Sieg viel zu gut gelaunt und die deutschen Fans hatten nichts besseres zu tun, als hinter Oliver Kahn und Katrin Müller-Hohenstein zu stehen und herumzujohlen, während Kahn erzählte, dass ihn ein Eichhörnchen gebissen hatte. Und die Argentinier waren viel zu hingerichtet, um irgendwas anderes zu tun, als vom Platz zu schleichen.

Was für eine Enttäuschung. Ich hätte doch Thorsten Frings nominieren sollen, den sympathischen Kneipenschläger. Eigentlich hätte ich mir denken können, dass es so laufen würde, als sich alle vorm Spiel hinter diesem "Say no to racism"-Banner stellten. Danach prügelt man sich nur mit schlechtem Gewissen.

So stapfte ich nach dem Spiel bis an den Rand gefüllt mit Hass auf die Abwesenheit von Hass in die Kabine, um wenigstens ein paar Spinde zu zertreten, als mir Angela Merkel entgegenkam.
"Hallo, Herr Löw", flötete sie.
"Ach, Frau Merkel", sagte ich, als es mir nicht mehr realistisch erschien, dass ich sie übersehen haben konnte. Sie umarmte mich. Mir lief es kalt den Rücken herunter. "Herr Löw, herzlichen Glückwunsch. Ein wunderbares Spiel war das. Wirklich, ganz toll."
"Vielen Dank."
"Was hatte man nicht alles befürchten müssen, nach den gegenseitigen Beleidigungen im Vorfeld. Und dann war es so ein faires Spiel. Schön, wie friedlich der Fußball die Menschen macht. Nicht wahr, Herr Löw?"
"Ja, wirklich, ganz toll, Frau Merkel. Say no to racism, Fair Play, give peace a chance, we shall overcome, am Morgen ein Joint und der Tag ist dein Freund.”
"Ähem, was meinen Sie?"
"Schon gut, Frau Merkel. Ich muss weiter in die Kabine. Meine Jungs brauchen mich jetzt."
"Aber die sind doch noch draußen."
"Ja, ich koche schon mal die Nudeln für die. Kohlenhydrate, Sie verstehen?"

Nachdem ich drei Spinde zertreten hatte, ließ ich mich auf die Bank fallen und dachte: "Wann schlagen wir endlich mal eine Spitzenmannschaft?"

Bierhoff ist ein Idiot (Freitag, 2. Juli)

Ich habe das Gefühl, dass alle bescheuert sind. Nur ich nicht.

Philipp Lahm und Michael Ballack haben mich heute Morgen aus dem Schlaf gerissen. Es war so gegen 10 Uhr. Plötzlich standen sie an meinem Bett und machten Radau.

"Trainer", sagte Philipp, "der Michael hat mir meine Kapitänsbinde geklaut."
"Das stimmt doch gar nicht. Du hast sie mir geklaut. Ich bin schließlich Kapitän."
"Du lügst. Du bist doch verletzt."
"Na und? Trotzdem genieße ich noch immer mehr Respekt in dieser Mannschaft. als du Kamerakind."
"Blödsinn. Marko Marin und Mesut Özil haben neulich gefragt, wer eigentlich dieser Ballack ist, von dem alle sprechen. Ob man den kennen müsse."
"Philipp, wenn du weiter so machst, erzähle ich dem Trainer, dass du heimlich auf der Toilette rauchst."
"Untersteh dich… Trainer, das stimmt überhaupt nicht."
"Könntet Ihr jetzt mal beide die Fresse halten", sagte ich und rieb mir den Sand aus den Augen.
"Und wer bekommt nun die Kapitänsbinde?", fragte Philipp.
"Michael, gib dem Philipp seine Binde zurück. Er macht seine Sache genauso mies wie du, er hat sie sich verdient."
"Menno."
"Sei still, Michael, sonst kommst du zu den Frauen ins Hotel."

Nach dem Mittagessen zog ich mich eine Weile zurück und surfte im Internet. Dort las ich ein Interview mit Oliver Bierhoff. Der sagte, dass es der Ursprung seiner Aufgabe war, ARD und ZDF Interviews zu geben und mich damit zu entlasten. Danach hätten sich andere Aufgaben entwickelt. Ich habe wirklich keine Ahnung, welche er damit meint. Beschissene Werbesports drehen?

Später ging ich zur Pressekonferenz, die ich mal wieder gezwungen war zu geben. Dort wurde von mir erwartet, dass ich die Wogen glättete vor dem Spiel gegen Argentinien. Am liebsten hätte ich gesagt, dass wir den Argentiniern richtig in die Beine springen müssen, bis es knackt – aber das war nicht drin. Unser Pressechef Harald Stenger saß direkt neben mir und drohte mit seinen Blicken. Also sagte ich irgendwas Pazifistisches, dass das Spiel vor vier Jahren zwar hart, aber fair gewesen sei.

Wenn der Ghanaer Asamoah Gyan im Spiel gegen Uruguay den Ball nicht in der letzten Sekunde der Verlängerung gegen die Latte gebolzt hätte, dann hätte ich heute gar keinen Grund zum Lachen gehabt.

Harald sagt: Hör auf zu schreiben (Donnerstag, 1. Juli)

Zwei Tage lang hatte ich unseren Pressechef Harald Stenger nicht gesehen. Hatte die Giftschlange, die ich ihm täglich unters Bett steckte, ihn endlich erwischt? Nein, heute tauchte er vor der Pressekonferenz auf, die ich mit Feivel, dem Mauswanderer gab, also mit Philipp Lahm.

"Joachim, wir müssen mal dringend miteinander sprechen."
"Was gibt es denn schon wieder, du Geißel meines Lebens?"
"Ich weiß, ich habe es dir vorgeschlagen – aber du musst unbedingt mit dem Internet-Tagebuch aufhören. Du handelst dir damit nur Ärger ein."
"Was ist denn nun schon wieder passiert?"
"Angela Merkel hat sich darüber beschwert, dass du dich so über Christian Wulff lustig gemacht hast."
"Kann er sich nicht selbst beschweren?"
"Du weißt doch selbst, dass Kritik in seinem Gehirn sofort zu Lob umgewandelt wird."
"Stimmt. Und was hast du Frau Merkel gesagt?"
"Dass es dir furchtbar Leid tue und dass das alles nur ein Missverständnis sei."
"Aber es war kein Missverständnis."
"Joachim!"
"Nicht in diesem Ton, Harald. Der Chef bin immer noch ich. Ich denke gar nicht daran, das Internet-Tagebuch aufzugeben."
"Aber dann bin ich jeden Tag damit beschäftigt, die Wogen zu glätten."
"Dafür bist du schließlich zuständig. Ich beschwere mich ja auch nicht, dass ich die Mannschaft trainieren muss."
"Aber du trainierst sie doch überhaupt nicht."
"So, Schluss jetzt. Ich muss arbeiten."
"Meinetwegen. Aber schreib bitte nichts über unser Gespräch in deinem Tagebuch-Eintrag, okay?"
"Das sollte möglich sein."

Nach der Pressekonferenz habe ich noch kurz mit meinem Freund Diego Maradona telefoniert.
"Sag mal, Diego, nachdem du Schweinsteiger schon amtlich zurückbeleidigt hast, wollte ich dich fragen, ob du weitere Beschimpfungen planst."
"Klar, ich denke über nichts anderes nach. Warum?"
"Ich kann Schweinsteiger ja selbst nicht beleidigen, ohne dass ich mir damit gewisse Probleme einhandeln würde. Dabei würde ich so gerne. Aber wenn du ohnehin planst, dich weiter mit ihm anzulegen, könntest du vielleicht auch einige Beleidigungen verwenden, die ich mir ausgedacht habe?"
"Klar, kein Problem. Welche denn?"
"Ach, so was wie räudiger Straßenköter und Gesichtszirkus."
"Wird gemacht."

Eben soll Michael Ballack im deutschen Lager eingetroffen sein. Um das zu überprüfen, müsste ich meinen Kleiderschrank verlassen.

Auf keinen Fall.

Hilfe, Wulff hat angerufen (Mittwoch, 30. Juni)

Heute bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass Deutschland nicht Weltmeister werden darf.

Kurz vor meiner nächsten Zechtour erhielt ich einen Anruf.

"Guten Tag, hier spricht Christian Wulff."
"Aha."
"Sie wissen schon, der neue Bundespräsident."
"Aha."
"Der Inhaber des höchsten Amtes im Land."
"Sie meinen nach dem Trainer der deutschen Fußballnationalmannschaft."
"Haha, Sie sind so witzig."
"Das war kein Witz."
"Haha, Sie sind so witzig. Ich fand Sie schon als Trainer vom HSV klasse."
"Interessant. Den habe ich bisher gar nicht trainiert."
"Oder doch Hannover 96?"
"Sind Sie wahnsinnig?"
"Sie sind so witzig."
"Sind Sie nicht der, der nur deshalb zum Präsidenten gewählt worden ist, weil erst zu spät herauskam, dass es in Joachim Gauck auch einen geeigneten Mann für das Amt gab?"
"Herr Löw, ich liebe Ihre spröde Art. Wirklich, ich lach mich kaputt."
"Genau das tun Sie ja leider nicht."
"Muaaaaaaaaaaa."

"Meine Zeit ist knapp, die Mannschaft wartet, was kann ich für Sie tun, Herr Wolf?"
"Wulff, nennen Sie mich ruhig Wulff. Erstmal herzlichen Glückwunsch, dass ich heute zum Bundespräsidenten gewählt worden bin. Dann wollte ich fragen, ob ich nicht im Finale, das wir ja sicher erreichen werden, auf der Bank sitzen kann."
"Das ist unüblich."
"Ach kommen Sie, Herr Löw."
"Es ist kaum Platz für alle Ersatzspieler."
"Für Ihren guten Freund Christian werden Sie doch noch ein Plätzchen frei haben, oder? Natürlich haben Sie das. Das ist toll, wirklich toll. Kann ich dann auch meine Kinder mitbringen?"
"Herr Wolf, wie ich bereits sagte, haben wir keinen Platz für Sie. Für Ihre Kinder erst Recht nicht."
"Ach, ich weiß doch, dass Sie das nur so sagen. Prima, wir warten dann vorm Stadion. Da können Sie uns ja abholen. Sie erkennen mich am Deutschland-Trikot unter dem Sakko."
"Herr Wolf…"
"Und das Tolle ist, dass ich Ihnen bestimmt auch bei der Siegerehrung gratulieren werde. Schließlich bin ich ja der Bundespräsident."
"Was Sie nicht sagen."
"Ja und wenn ich Ihnen dann gratuliere, könnten Sie dann sagen, dass wir ja schon immer sehr enge Freunde waren und so weiter. Das wäre toll."
"Bitte lassen Sie mich in Ruhe, ich muss nun auflegen."
"Ach, immer noch so grantig wie damals in der Schule. So habe ich dich in Erinnerung, Joachim. Hahaha."

Danach legte ich auf.

Bis ins Halbfinale bringe ich Deutschland. Dann werden wir ehrenvoll untergehen.

Die Farbe meines Sakkos ist mir außerordentlich egal (Dienstag, 29. Juni)

Es gibt zwei Dinge, die jeder über mich zu wissen glaubt:
1. Ich interessiere mich außerordentlich für Mode.
2. Ich spreche mit schwäbischem Dialekt.

Beide Annahmen bedürfen der Klärung:
1. Ich interessiere mich außerordentlich nicht für Mode. Natürlich bin ich stets perfekt gekleidet, aber dafür ist meine Frau verantwortlich, die mir für jeden Tag aufschreibt, was ich anziehen soll. Wenn es nach mir ginge, könnte ich auch in Bermudas an der Seitenlinie stehen. Deshalb irritiert es mich sehr, dass die dänische Königin mich für meinen Stil anbetet und Nivea mich für eine Werbefigur hält. Von Hautpflege halte ich erst recht nichts.

2. Mit schwäbischem Dialekt spreche ich nur in der Öffentlichkeit. Im Privaten spreche ich ein Hochdeutsch, für das sich jeder Hannoveraner beide Lungenflügel entfernen lassen würde.

Modeinteresse vorgeben und mit Dialekt sprechen gehören bloß zu meiner Medienstrategie. Spiel dem Journalisten eine Rolle vor und er stürzt sich auf sie wie Lothar Matthäus auf einen Trainerposten in Israel. Das hat den Vorteil, dass meine wahren Neigungen niemals Gegenstand der Berichterstattung werden, zum Beispiel meine unglaubliche Arroganz und meine Modelleisenbahnlandschaft im Keller, für deren Vervollständigung ich täglich Ebay ansteuere.

Außerdem haben es so auch die Comedians einfacher, wenn sie mich parodieren wollen: Die lassen mich einfach immer auf Schwäbisch über meine Frisur oder meinen Rollkragenpullover sprechen und halten das für originell. Ich habe da Dinge im Radio gehört… aber gut, niemand sollte glauben, er sei witzig, wenn er dafür bezahlt wird.

Schön, dass der Verfasser meines Tagebuchs, also ich, es besser draufhat.

Die dänische Königin betet mich an (Montag, 28. Juni)

Mit einer billigen Maßnahme habe ich mich im Team heute beliebter gemacht, als ich sein möchte.
"Jungs", sagte ich, "Ihr kotzt mich so… ähem Ihr habt gegen England so toll gespielt – bis morgen Abend dürft Ihr machen, was Ihr wollt."

Das bedeutete natürlich auch, dass ich machen konnte, was ich wollte und nicht durch so lästige Dinge wie Training oder Taktikbesprechung gestört wurde.

Hans Jörg, Hansi und ich bestellten uns abends ein Taxi, um in die nächste Bar zu fahren und uns ordentlich die Birne wegzuschießen. Kurz bevor es losging, winkte unser Pressechef Harald Stenger, diese Nachgeburt des Teufels, mit seinem Handy.
"Joachim, Telefon für dich. Das sieht mal wieder nach Ärger aus."
"Wer ist es denn?"
"Nun nimm schon."

"Ja, Löw. Mit wem spreche ich?"
"Hier ist die dänische Königin Margrethe II."
"Ist Dänemark dieser Wurmfortsatz über Flensburg?"
"Herr Löw, hüten Sie Ihre Zunge. Sie haben sich schon genug Feinde gemacht. Mich nämlich."
"Ach ja, was ist denn passiert?"
"Meine Recherchen haben ergeben, dass Sie mein Kleid beleidigt haben, dass ich zur Hochzeit von Prinzessin Victoria und diesem Fitnesstrainer getragen habe. Und wenn Sie mein Kleid beleidigen, dann beleidigen Sie mich."
"Frau Königin von Takka-Tukka-Land – nehmen Sie es mir nicht übel, aber Ihr Kleid war ja auch in einem Ausmaß furchtbar, dass es Menschen in den Selbstmord treiben konnte."
"Gehen Sie nicht zu weit. Ihre Beleidigung nehmen Sie öffentlich zurück. Sonst… sonst…"
"… fällt Dänemark mit seinen vier Panzern und drei Segelfliegern in Deutschland ein?"
"Sie haben es ja nicht anders gewollt."
"Und jetzt?... hallo? … Frau Königin?..."
"Seufz...warum sind Sie so gemein zu mir? Warum verstoßen Sie mich so, wo ich doch Ihre größte Bewunderin bin."
"Ach ja? Für mein Trainergenie?"
"Ach quatsch, Sie sind meine Mode-Ikone. Seitdem ich Sie in diesen schwarzen Schals und den lässigen Sakkos gesehen habe, bin ich hin und weg. Sie haben Geschmack, Sie haben Esprit. Ich will dich nur einmal von Ihnen gelobt werden. Bitte sagen Sie, dass Ihnen mein grünes Kleid gefallen hat."
"Ich sagte doch schon, es war scheußlich."
"Meine Frisur?"
"Welche Frisur?"
"Meine Schuhe?"
"Habe ich gar nicht getraut, mir anzusehen."
"Mein Make-Up?"
"War so wirkungsvoll, wie einen Eimer Gips in den Grand Canyon zu kippen."
"Bin ich ein hoffnungsloser Fall?"
"Nicht mal mehr das."
"Legen Sie jetzt auf, weil Sie mich so unerträglich hässlich finden?"
"Ja."

Mitgefühl ist wie Liebe – damit trösten sich bloß jene, die es zu nichts gebracht haben.

Ich hasse unter anderem den Linienrichter (Sonntag, 27. Juni)

Ich habe mir schon wieder die Hass-Kappe aufgesetzt. Heute hasse ich: den Linienrichter Mauricio Espinosa, Thomas Müller, Miro Klose, Lukas Podolski und die englische Mannschaft. Alle selbstverständlich zu Recht.

Ich hatte mich auf die Mutter aller Schlachten gefreut, auf ein dramatisches Spiel, das meiner Mannschaft alles abverlangt und uns nach Verlängerung und Elfmeterschießen zum Sieger macht. Und dann das? Wir haben 4:1 gegen England gewonnen und der Sieg war nur für circa fünf Minuten in Gefahr. Ich wollte die Engländer fallen sehen, aber sie lagen ja bereits zu Beginn auf dem Boden. Und ohne Fallhöhe macht Siegen keinen Spaß.

Ich hasse den Linienrichter, weil er England ein klares Tor aberkannt hat. Ich hatte Manuel Neuer nach dem schnellen 2:0 angewiesen, bei einer Flanke auf der Linie zu kleben und ein Tor zu kassieren, damit die Engländer sich noch mal Hoffnung machen, die wir danach zerstören würden. Neuer gehorchte brav. Dann aber schießt England den Ausgleich und dieser blinde Linienrichter aus Uruguay gibt es nicht. Und hinzu kommt, dass wir uns nun nicht mehr über Wembley beschweren dürfen, den zweiten Gründungsmythos des deutschen Fußballs.

Ich hasse Thomas Müller, Miro Klose und Lukas Podolski, weil sie durch ihre Tore den Engländern jegliche Aussichten auf einen Sieg raubten. Alle Fernsehkommentatoren deuteten meine Reaktion nach den Toren als Jubel. Dabei war es nichts als Ärger darüber, dass wir die Engländer nicht genug leiden ließen, indem wir ihnen vorgaukelten, sie hätten noch eine Chance.

Ich hasse die englische Mannschaft, weil sie sich ihrer Niederlage ergab wie ein an den Beinen gefesseltes Lamm im Löwenkäfig. In ihren Gesichtern war kein Entsetzen, keine Wut, keine Verbissenheit. In ihren Gesichtern war einfach nichts. Die letzten 20 Minuten des Spiels waren die Engländer nur noch körperlich anwesend.

Im Spiel gegen Argentinien lasse ich Gomez und Kießling stürmen. Die haben heute wenigstens meine Anweisungen befolgt und jegliche Torgefahr vermieden.

Englands finest brain Wayne Rooney (Samstag, 26. Juni)

Ich frage mich, ob es einen Kopf gibt, in den mehr Luft passt als in den von Wayne Rooney. Heute habe ich mir seine Handynummer besorgt und bei ihm angerufen.

"Ja guten Tag Herr Rooney, hier spricht Ihr früherer Schuldirektor. Sie erinnern sich vielleicht an mich."
"Klar, guten Tag. Was gibt es denn?"
"Herr Rooney, heute hat mir einer Ihrer Mitschüler gestanden, dass Sie bei der Abschlussprüfung betrogen haben. Wir müssen Ihnen deshalb leider mitteilen, dass Ihnen Ihr Abschluss anerkannt wird."
"Was? Das kann doch gar nicht sein. Ich habe niemals betrogen."
"Das haben Sie. Ihr Mitschüler ist sehr glaubwürdig."
"Machen Sie doch, was Sie wollen. Das kann mir doch egal sein. Ich bin ein berühmter Fußballspieler. Ich brauche keinen Abschluss."
"Doch, den brauchen Sie. Ohne Abschluss dürfen Sie überhaupt nicht Fußball spielen."
"Wollen Sie mich verarschen?"
"Keineswegs, Herr Rooney. Ohne Schulabschluss dürfen Sie die Schule nicht verlassen und damit auch keinen Beruf ergreifen. Also auch nicht den des Profifußballers."
"Bitte? Wirklich?"
"Ja, ja."
"Und was heißt das?"
"Dass sie ab sofort nicht mehr Fußball spielen dürfen. Weder für Manchester United noch für die englische Nationalmannschaft."
"Aber wir treten doch morgen gegen Deutschland an. Das ist eine nationale Aufgabe."
"Es tut mir leid. Ich weiß, dass das nicht einfach für Sie ist, aber Vorschrift ist Vorschrift… Herr Rooney? Herr Rooney? Weinen Sie etwa?"
"Ich habe mich doch so auf dieses Spiel gefreut. Und Sie vermiesen mir alles."
"Machen Sie einfach Ihren Schulabschluss nach und Sie dürfen wieder spielen."
"Aber das schaffe ich doch nicht, ohne zu betrügen."

Ich legte auf, noch bevor ich an meinem eigenen Lachen erstickte.

Dann traf ich mich mit Hansi und Hans Jörg zur Weinrunde. Zu unser aller Freude spielte Hans Jörg die schönsten englischen Torwartpannen aller Zeiten nach. Im Anschluss schwitzte er sehr.

Ausscheidungsrennen im Löwenpark (Freitag, 25. Juni)

Ich hatte Lust, die Stürmerfrage auf eine faire und zugleich unterhaltsame Art zu lösen.

Heute Morgen verkündete ich der Mannschaft: "Jungs, am Sonntag spielen wir gegen England. Was läge also näher, als vor der Partie gegen die Three Lions in einen Löwenpark zu fahren?"

Die Mannschaft nässte sich ein vor Lachen, wie sie sich bei allem einnässt, was sich auch nur im Ansatz anhört wie ein Witz. Bevor ich das nächste Mal einen Spieler nominiere, lasse ich ihn erst unter Aufsicht eine Mario-Barth-CD hören. Sollte er auch nur einmal schmunzeln, schicke ich ihn auf der Stelle nach Hause. Zu meiner Beruhigung lachte Jörg Butt nicht. Sonst hätte ich ihn sofort von den Rotweinrunden mit Hansi und mir ausgeschlossen.

Wir machten uns also auf zum Löwenpark und stiegen dort vom Bus in Jeeps um. Ich kletterte mit Mario, Miro und Cacau in einen Wagen. Kießling, Vorname unbekannt, hatte ich direkt im Hotel gelassen, um die Flure zu wischen. Also jedenfalls die Person, die ich für Kießling hielt. Ich kenne ihn ja nur vom Foto im Kicker.

Als wir gerade an einer achtköpfigen Löwenfamilie vorbeifuhren, wies ich den Fahrer an zu halten. Dann sprach ich:
"Momentan spielt ihr alle so mies, dass ich gar nicht weiß, wen ich aufstellen soll. Deshalb entscheiden wir die Stürmerfrage auf meine Art. Seht ihr den Fels dort hinten? Wer am schnellsten dorthin läuft und wieder zurück, spielt gegen England."
"Trainer", sagte Mario, "ist das nicht viel zu gefährlich?"
"Mario", sagte ich, "noch gefährlicher ist es, dich aufzustellen."
"Aber wir könnten getötet werden, Trainer", sagte Miro.
"Ja, das weiß ich. Sonst wäre es ja langweilig. Also, auf mein Kommando… auf die Plätze, fertig, los."

Bis zum Felsen lagen alle drei gleich auf. Dann stolperte Mario über eben diesen wie er sonst nur über Bälle stolpert und blieb liegen. Cacau setzte sich ein Stück von Miro ab, der schon wie der sichere Verlierer aussah. Bis Miro kurz vor dem Ziel in gewohnter Manier seinen Konkurrenten umgrätschte, der mit einem herrlichen Geräusch in den Staub klatschte. Miro schlug als erster an und hob triumphierend die Arme, Cacau lag auf dem Boden und hielt sich den Bauch.
"Ich glaube, ich bin verletzt, Trainer", sagte er.
"Wenn du nicht gleich in den Wagen kommst, bist du noch mehr als verletzt", sagte ich.
Mit letzter Kraft schleppte er sich in den Jeep.
"Abfahrt!", sagte ich.
"Was ist denn mit Mario?", fragte Cacau.
"Sieh einfach nicht zurück", sagte ich.

Lass mich in Ruhe, Michael Ballack (Donnerstag, 24. Juni)

Ich bin noch ganz entzückt von der Komödie "Der Weltmeister verliert gegen ein Land, von dem ich nicht mal weiß, ob es an Deutschland grenzt". Das Unglück anderer Menschen ist noch immer mein liebstes Ambrosia.

Mich haben bei dieser Fußballweltmeisterschaft schon viele Menschen genervt, doch zwei bemühen sich darum, in meiner ewigen Nerv-Rangliste die ersten beiden Plätze zu belegen.

Jürgen Klinsmann hat am Mittwoch vor dem Spiel gegen Ghana eine SMS geschickt: "Viel Spaß und Glück heute abend. Haut rein. Jürgen." Weil ich ihn daraufhin nicht wüst beschimpfte, dass er uns gefälligst in Ruhe lassen soll, deutete er das als Aufforderung, weitere SMS zu schicken.
"Jogi, soll ich dir noch einen amerikanischen Fitnesstrainer schicken?"
"Bring doch noch den Robert Huth."
"Ihr müsst mehr über außen spielen."

Als er mir heute Abend auch noch mitteilte, dass er selbst noch fit genug sei, um zu spielen, gab ich ihm subtil zu verstehen, dass ich auf seine Hilfe keinen Wert lege: "Halt die Fresse."

Schlimmer ist nur noch Michael Ballack. Der rief mich direkt nach dem Spiel gegen Ghana an.
"Hallo Trainer, super, dass wir weitergekommen sind."
"Ja, ganz toll Michael."
"Wissen Sie, was das bedeutet?"
"Dass wir weitergekommen sind."
"Ja, und dass ich mich bald auf den Weg nach Südafrika mache. Ich hab ja versprochen, ab dem Achtelfinale zur Mannschaft zu kommen."
"Super Michael, nimm das Schiff, dann haben wir besonders viel von dir."
"Sie sind immer so lustig, Trainer."

Seitdem ruft er mich alle fünf Minuten an, um mich über den Stand seiner Reisevorbereitungen zu informieren.
"Hey Trainer, ich habe gerade meine Reisezahnbürste eingepackt."
"Hey Trainer, ich glaub, ich nehme mal zwei Unterhosen mit."
"Hey Trainer, gehe gleich noch zur Impfung."
"Hey Trainer, meine Frau hat mir Kekse mitgegeben."

Da lese ich doch lieber die englische Boulevardpresse. Die Sun schrieb über mein Team, dass es aussehe wie "Lahms to the slaughter". Mir sind alle Beleidigungen gegen Lahm recht – auch wenn sie vom Gegner kommen.

Ich ertrage euren Jubel nicht (Mittwoch, 23. Juni)

Jede Erscheinungsform des Glücks ist mir zuwider. So wie andere Menschen den Geschmack von Spinat nicht ertragen oder den Anblick von durch Maden zerfressenen Leichen, ertrage ich den Anblick glücklicher Menschen nicht. Und was habe ich heute Abend glückliche Menschen gesehen.

Die Spieler von Ghana strahlten, die Betreuer von Ghana strahlten. Die Spieler von Deutschland strahlten, die Betreuer von Deutschland strahlten. Lahm machte ein Gesicht wie an Heiligabend, sogar Klose grinste. Dabei werde ich ihn bei dieser WM nicht mehr bringen.

Am liebste hätte ich die Spieler von Australien oder Serbien um mich gehabt mit ihren an den Rasen getackerten Mundwinkeln. In ihrer Niedergeschlagenheit hätte ich mich wohl gefühlt.

Und wenn ich erst an die Fans in Deutschland denke. Wie sie beim Public Viewing jubeln, als wären sie morgen nicht mehr Beamter im mittleren Dienst oder Zahnarzthelferin. Wie sie diese Deutschland-Girlanden um den Hals tragen und sich die Fahne auf die Wangen geschminkt haben. Wie sie nach dem Spiel hupend durch die Stadt fahren, wie sie sich in Züge quetschen. Oder wie sie noch an der Dönerbude stehen und minderwertiges Fleisch essen. Wie sie "Schlaaand" rufen wie den Namen ihrer Mutter oder ihres Kindes oder ihrer Freundin.

Und warum das alles? Wegen eines Sieges gegen Ghana. Wir freuen uns doch wie der Typ, der bloß auf die andere Seite des Flusses will. Dann schwimmt er los und merkt "Huch, ein Krokodil". Und das schnappt nach seinem Bein. Und nur mit Mühe schafft er es ans andere Ufer und ist froh, noch beide Beine zu haben, und freut sich darüber wie verrückt.

Nach dem Interview mit einem ARD-Schnösel bin ich in die Kabine gegangen und habe gesagt: "Schluss jetzt. Wir fahren gleich zurück ins Hotel und dann geht jeder sofort in sein Zimmer. Nein, wir spielen kein verrücktes Labyrinth."

Dann schloss ich mich auf der Toilette ein, ließ mich an der Wand auf den Boden gleiten und dachte: England. England. Endlich kann ich die Existenz einer großen Nation vernichten.

Ich grinste.

Wenn wir rausfliegen, muss ich den Dachboden streichen (Dienstag, 22. Juni)

Ich habe ein Interesse an der Fußballweltmeisterschaft entwickelt, das ich mir zu diesem Zeitpunkt nicht zugetraut hätte. Das heißt, ich habe überhaupt erst ein Interesse an der Fußballweltmeisterschaft entwickelt. Das geht sogar so weit, dass ich mir heute im Kicker-Sonderheft angesehen habe, wen die Redaktion eigentlich für meinen Kader nominiert hat. Klose zu berufen, Kuranyi aber nicht, ist ja wirklich bescheuert. Aber gut, die mögen ihre Gründe gehabt haben.

Nochmal zum Mitschreiben: Deutschland darf auf keinen Fall in der Vorrunde ausscheiden. Mein zu diesem Zeitpunkt so unangemessen großes Interesse daran hat zwei Gründe.

Der erste hat mit meiner Frau zu tun, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, mich sogar in Südafrika zu terrorisieren. Heute Morgen rief sie mal wieder an.
"Hallo Schatz, was mir gerade einfiel – wenn ihr morgen aus dem Turnier fliegt, kannst du ja schon in zwei Tagen unseren Dachboden renovieren. Welches Weiß soll ich eigentlich für die Wände kaufen?"
Ich habe keine Lust, schon übermorgen im Blaumann über den Dachboden zu kriechen und abends von meiner Frau zubereitete Frikadellen zu essen.

Der zweite Grund hat mit Jürgen Klinsmann zu tun. Durch Zufall zappte ich am Montag in das Spiel Spanien gegen Honduras auf RTL rein. Irgendjemand beim Sender hielt es für eine gute Idee, Jürgen Klinsmann als Co-Kommentator zu engagieren. Dabei sagt Klinsmann nur Sätze, die so ähnlich klingen wie "Da ist keine Ordnung im System" oder "Ein Tor wäre jetzt so wichtig".
Wenn wir gegen Ghana verlieren, bin ich meinen Job los – und lande möglicherweise in vier Jahren bei RTL, um ebenfalls so einen Blödsinn zu sagen. Diesen Gedanken ertrage ich nicht.

Als wir heute beim Abendessen saßen, bat Philipp Lahm plötzlich um Ruhe. Er sagte viel, das meiste habe ich nicht mal versucht zu behalten, doch er endete mit: "Trainer, morgen spielen wir auch für Sie."

Ich wollte ihm schon sagen, dass er sich seinen pathetischen Sondermüll gefälligst verkneifen solle, als ich eine Idee hatte. Ich begann bitterlich zu weinen.
"Ihr seid ja so… so", schluchzte ich, "ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Die französischen Spieler drücken ihrem Trainer wahrscheinlich gerade glühende Zigaretten auf den Bauch und ihr haltet zu mir. Ich bin so gerührt, ich glaube ich gehe erstmal auf mein Zimmer."

"Aber wir wollten doch das verrückte Labyrinth spielen", meinte Philipp.
"Ich fürchte, heute müsst ihr mal auf mich verzichten. Ich möchte heute Abend lieber ein wenig alleine sein."

Mit dem guten Roten.

Kanzlerin Merkel ruft an (Montag, 21. Juni)

Fast wäre das unvorstellbar Grausame passiert. Ich saß schon am Tisch mit den Jungs. Philipp hatte mir schon Erdnüsse angeboten, Marko was von seinem Fruchtsaft, ich hatte schon die Spielsteine in der Hand und mich damit abgefunden, mit der Mannschaft "Das verrückte Labyrinth" zu spielen – da klingelte mein Handy.
"Hallo Herr Löw."
"Hallo Frau Merkel. Einen Moment bitte."
"Sorry Jungs, aber ich fürchte, ihr müsst alleine spielen, die Kanzlerin ist am Telefon."
Per stampfte mit dem Fuß auf den Boden: "Menno."

"Frau Merkel, da freue ich mich aber, dass Sie anrufen. Wie geht es Ihnen?"
"Miserabel."
"Das freut mi… was ist denn los?"
"Wie Sie ja sicher mitbekommen haben, befindet sich meine Regierung in der schlimmsten Krise seit Menschengedenken. Die FDP rast ins Tal, niemand will Christian Wulff als Bundespräsidenten haben, meine Hosenanzüge kotzen mich an."
"Frau Merkel, so dürfen Sie nicht sprechen."
"So spreche ich aber, weil es wahr ist."
"Es wird sich alles zum Guten wenden."
"Deshalb rufe ich Sie ja an."
"Mich? Was habe ich damit zu tun? Ich… ahne… ich finde ja auch, dass ich als neuer Bundeskanzler geeignet wäre. Aber dass auch Sie das finden…"
"Na ja, fast. Ich will Sie nicht als neuen Bundeskanzler, ich will bloß, dass Deutschland gegen Ghana gewinnt."
"Wer will das nicht?"
"Aber ich will es besonders?
"Warum?"
"Na weil die Nationalmannschaft die Leute und die Medien noch eine Weile ablenken muss. Wenn wir gegen Ghana ausscheiden, wird wieder die Bundesregierung durchs Dorf gejagt. Das können wir uns momentan einfach nicht erlauben."
"Weil die Regierung in so einem erbärmlichen Zustand ist?"
"Ganz genau. Westerwelle ist ungefähr so unbeliebt wie Kim Jong-il."
"Dann machen Sie sich mal keine Sorgen. Das Spiel gegen Ghana gewinnen wir so sicher, dass ich meine Aufstellung per Zufallsgenerator festlegen werde. Vielleicht stürmt Butt und im Tor steht Trochowski."
"Wer ist Trochowski?"
"Das weiß ich auch nicht so genau, er steht aber im Kicker-Sonderheft im deutschen Kader."
"Finden Sie nicht, dass das etwas überheblich ist? Das Wohl einer ganzen Nation steht auf dem Spiel."
"Frau Merkel, Sie mögen zwar von Fußball mehr Ahnung haben als vom Regieren – aber wir reden hier von Ghana. Machen Sie es sich einfach vorm Fernseher bequem, essen Sie ein paar Salzstangen, und Onkel Löw sorgt dafür, dass sich niemand für die Regierung interessiert."

Dann beendeten wir das Gespräch. Ich zog mich in mein Zimmer zurück und begann, den Wikipedia-Eintrag über Ghana zu lesen. Nach dem ersten Drittel hörte ich auf. So viel wollte ich nun wirklich nicht über den Gegner wissen.

Eine Mannschaft voller Deppen (Sonntag, 20. Juni)

Harald Stenger, der nach der Weltmeisterschaft als Pressechef aufhören wird, sorgt sich mal wieder um mein Wohl, also sein Wohl.

"Joachim, ich bin noch mal deine Tagebucheinträge durchgegangen. Ich kann mich ja damit abfinden, dass du die halbe Welt beleidigst. Aber meinst du nicht, dass du zumindest über deine Mannschaft respektvoller schreiben könntest?"
"Wieso, hat einer von ihnen schon lesen gelernt?"
"Joachim, bitte nicht schon wieder. Einige sind tief verletzt."
"Heißen die zufällig Philipp und Per?"
"Das ist doch jetzt egal. Wichtig ist nur, dass du dich in dieser Drucksituation nicht über sie lustig machst. Sie brauchen jetzt jede Unterstützung."
"Okay, ich werde mir Mühe geben. Versprochen."

Ich frage mich, ob je eine dämlichere deutsche Nationalmannschaft als die von 2010 zu einer Weltmeisterschaft gefahren ist. Argloser sind vermutlich nur die Kandidatinnen bei "Germanys Next Topmodel". Mal wieder ist es mir heute mühelos gelungen, mich vorm "Verrückten Labyrinth" zu drücken. Zuerst spendierte ich den Jungs ein großes Barbecue unter dem Vorwand, das solle sie für das Spiel gegen Ghana motivieren.
"Haut ruhig kräftig rein, Papa Löw sieht auch nicht hin", sagte ich ihnen.
Sogar der Zauber-Einzeller Marko Marin schaffte ein ganzes Würstchen.

Als dann alle träge auf der Terrasse hockten, verkündete ich: "Gute Nachrichten Jungs, nun schreibt Ihr noch eine Stunde Autogramme für eure Fans in der ganzen Welt."
Groß war das Geächze, aber keiner wollte sich nachsagen lassen, sich nicht für die Fans zu interessieren. Eine Stunde lang kritzelten sie auf Autogrammkarten, Fußbällen und Trikots, das meiste wird wohl für irgendwelche wohltätigen Zwecke für irgendwelche irgendwie kranken Kinder sein. Das Zeug werden wir schon los.

Durch die Kombination von Essen und Arbeit waren alle furchtbar müde, Per und Philipp waren die ersten, die sich ins Zimmer verabschiedeten. Die einzigen, die nach 20 Uhr noch nicht schliefen, waren Hansi, Hans Jörg und ich. Mit einem nicht unwesentlichen Teil der Hotelbar und einigen schönen Zigarren machten wir es uns in meinem Zimmer gemütlich und sahen uns zuerst "Das Traumschiff" an und danach ZDF-History über Hochzeiten von prominenten Paaren.

Ich nutzte die Gelegenheit und fragte in der Runde die Meinung zum Kleid der dänischen Königin bei Victorias Hochzeit ab. Auch Hansi und Hans Jörg waren entsetzt über das so genannte Grün gewesen. Bei Hansi hatte es sogar dazu geführt, dass er jegliche Sympathie für die dänische Mannschaft verlort hat.

Ich nenne es Freundschaft, wenn Menschen dieselben Dinge hassen.

Liebe – eine Idee für Idioten (Samstag, 19. Juni)

Endlich habe ich wieder eine Aufgabe. Mich eine Woche lang davor drücken, mit den Kindern "Das verrückte Labyrinth" zu spielen. Heute habe ich die Partie Ghana gegen Australien besucht, unter dem Vorwand, den nächsten Gegner zu beobachten. Aber ernsthaft: Mich interessiert ja nicht mal die eigene Mannschaft, warum sollte mich dann eine gegnerische interessieren?

Bereits vor dem Anpfiff langweilte ich mich gewaltig. Also schaltete ich meinen tragbaren Fernseher ein und blieb bei der Hochzeit von Prinzessin Victoria aus Schweden und Daniel Westling hängen. Die Welt des Adels ist ebenso voller rätselhafter Emotionen wie die Welt des Profisports, deshalb sehe ich mir so etwas gerne an. Die schönen Kleider, die strahlenden Menschen, die pathetische Musik – mal abgesehen von der dänischen Königin, die ihr Kleid heute in einem Grün gewählt hatte, für das sie in den Öresund hätte springen müssen.

Als die beiden sich das Ja-Wort gaben, fragte mich mein Sitznachbar, unser Spielerbeobachter Urs Siegenthaler, ob ich ein Taschentuch brauche.
"Nein, nein", sagte ich und drückte mein Gesicht in den Ärmel. Sie sind doch so ein süßes Paar, Victoria und Daniel.

Ich konnte nicht anders und rief meine Frau an.
"Schatz, unser Streit neulich, die Sache mit dem Nachtclub… es tut mir alles so leid."
"Ich dachte, wir telefonieren nur zu bestimmten Zeiten."
"Aber Schatz, lass das doch. Bitte nicht wieder streiten... Ich muss dir was sagen: Ich liebe dich."
"Na gut, du hast ja Recht", sagte sie,  "ich liebe dich auch."
"Ich küsse dich."
"Ich küsse dich."
"Ich werde versuchen ein besserer Mensch zu sein."
"Joachim, du bist heute so zärtlich. Und ich bin ohnehin schon so gerührt, weil ich mir die Hochzeit in Schweden angucke."
"Die sehe ich mir auch an."
"Hast du das Kleid der dänischen Königin gesehen? Es ist ein Traum?", fragte sie.
"Das ist nicht dein Ernst, oder? Das Kleid ist ein Kriegsgrund."
"Die traut sich wenigstens etwas."
"Du hast einfach keine Ahnung von Mode. Aber du ziehst dich ja ohnehin immer an wie ein Obdachloser. Was soll man von dir auch erwarten?", sagte ich.
"Nun gehst du zu weit. Das muss ich mir von dir nicht bieten lassen. Wir sprechen besser ein anderes Mal weiter."

Dann legte sie auf.

Liebe ist doch auch nur ein Konzept für Idioten.

Ich hasse euch alle (Freitag, 18. Juni)

Ich hasse diese Welt. Ich hasse alle, die auf ihr leben. Ich hasse Miroslav Klose und ich hasse Lukas Podolski und ganz besonders hasse ich das serbische Nationalteam.

Sie alle sind Schuld daran, dass ich nun eine Woche lang "Das verrückte Labyrinth" mit Holger, Philipp, Manuel, Per und den anderen Kindern spielen muss. Eine Woche lang keine Rotweinabende mit Hansi, sondern Haribo-Runden mit Fünftklässlern.

Ich hatte schon kein gutes Gefühl, als ich mir heute Morgen die blaue Strickjacke überzog. Mein Plan war es, das Spiel wieder mit MP3-Spieler nur am Rande zu verfolgen, mir vielleicht eine Pizza zu bestellen und Hansi die Arbeit machen zu lassen.

Doch dann packte mich in der Kabine der Leichtsinn: "Ernsthaft Jungs, ich habe schon gegen Australien so getan, als müssten wir riesigen Respekt vor dieser Mannschaft haben. Vergesst diesen Blödsinn. Ich bin mir so sicher, dass wir gegen Serbien gewinnen, dass ich sage: Wenn wir verlieren, spiele ich eine Woche lang 'Das verrückte Labyrinth‘ mit euch. Versprochen."

Der Rest ist bekannt. Klose verabschiedet sich vorzeitig in den Feierabend. Podolski schießt wie ein Franzose. Die Serben verlegen ihren Hauptwohnsitz in den eigenen Strafraum. Und ich sehe eine Betonwand an, feuere eine Wasserflasche auf den Boden und verschwinde nach dem Abpfiff sofort in der Kabine. Als ob das irgendwas damit zu tun hatte, dass nun das Achtelfinale in Gefahr ist. Das Achtelfinale ist nicht in Gefahr. Wir spielen gegen eine Mannschaft, die nicht von Jogi Löw trainiert wird.

Eine Woche lang "Das verrückte Labyrinth". Das habe ich nicht verdient. Nicht ich, Jogi Löw. Wie gerne würde ich jetzt in der Haut von Raymond Domenech stecken.

Heute trinke ich Rasierwasser.

Nun nervt mich auch meine Frau (Donnerstag, 17. Juni)

Mir wurde befohlen, etwas zum Gesundheitszustand von Bastian Schweinsteiger zu sagen. Verzeiht, meine Freunde, aber woher soll ich denn das wissen? Dann hätte ich mich ja mit Schweinsteiger unterhalten müssen.

Heute Abend hatte ich mich mit einer halben Flasche von dem guten Roten zurückgezogen, um weiter an meiner Biografie zu schreiben – da rief meine Frau auf dem Handy an.

"Hallo Joachim."
"Hallo… ähem… Daniela. Hatten wir nicht feste Zeiten ausgemacht, in denen du mich anrufen darfst?"
"Joachim, das ist mir völlig egal."
"Aber ich muss mich um meine Mannschaft kümmern."
"Doch nicht heute Abend. Außerdem schreibst du doch im Internet die ganze Zeit, dass dich deine Mannschaft nicht interessiert. Also lüg mich nicht an."
"Jetzt ist aber wirklich ganz schlecht."
"Joachim, hast du mich mit einer anderen Frau betrogen?"
"Bitte? Wie kommst du denn darauf?"
"Du hast doch gestern geschrieben, dass du in einem Nachtclub warst. Da gab es doch sicher auch Prostituierte."
"Da waren wir doch nur, um was zu trinken. Danielalein, ich würde dich doch nie betrügen."
"Das glaube ich dir nicht. Dafür siehst du zu gut aus. Also, war da was mit einer anderen in dem Club?"
"Das kann man so nicht sagen."
"Was soll das denn heißen?"
"Na ja, Sie hat uns nur die Getränke gebracht und mit uns geredet."
"Joachim, da war mehr. Das spüre ich."
"Aber Schatz, welche Bedeutung hat das denn? Ich liebe nur dich."
"Joachim, hast du mit dieser Frau geschlafen?"

Da steckte Per Mertesacker den Kopf durch die Tür.
"Trainer, wollen Sie mit Tischtennisspielen kommen? Rundlauf? Philipp und Marko sind auch dabei."
"Klar Per, wie jeden Abend… Schatz, ich muss jetzt wirklich los, die Mannschaft wartet auf mich."

Mir fällt gerade wieder ein, dass wir morgen gegen Serbien spielen. 80 Millionen Finanzbeamte, Einzelhandelskaufmänner und Kfz-Mechaniker werden ihren Job riskieren, um dieses Spiel zu sehen. Ich werde meinen Job riskieren, um dieses Spiel nicht zu sehen.

Michael Ballack hat Angst um seine Zukunft - zurecht (Mittwoch, 16. Juni)

Ich interessiere mich noch nicht für die Weltmeisterschaft. Wieso sollte ich mich auch damit auseinandersetzen, wenn die nächsten Gegner Serbien und Ghana heißen? Zum Glück gibt es genug Ablenkung.

Seit heute Abend gehört Hans Jörg Butt zu meiner Weinrunde mit Hansi Flick. Butt habe ich ja ohnehin nur nominiert, damit ich mal mit einem Erwachsenen sprechen kann. Wir saßen mit ihm in Hansis Zimmer, tranken Wein, rauchten Zigaretten, als es an der Tür klopfte.
"Herein!"
Philipp Lahm steckte seinen Kopf ins Zimmer.
"Nicht vergessen, gleich ist das Mau-Mau-Turnier im Partykeller", sagte er, "es besteht Anwesenheitspflicht."
"Ja, ja, wir kommen in ein paar Minuten", sagte ich und Lahm verschwand.
"Wir kommen natürlich nicht", sagte ich.
Hansi und Butt grinsten. Wir tranken weiter.

Fünf Minuten später klopfte es wieder.
"Mau-Mau-Turnier", rief Lahm durch die geschlossene Tür.
"Was machen wir denn jetzt?", fragte ich, "wir können doch nicht ernsthaft unseren Abend mit diesen Kindern verbringen."
"Kommt, wir verschwinden durchs Fenster und fahren mit dem Taxi in die Stadt", sagte Butt.
Also zwängten wir uns nach draußen und landeten im Kies. Zwei Minuten später quetschten wir uns auf die Rückbank eines verrosteten Mercedes.
"Wohin soll's gehen?", fragte der Fahrer.
Wir sahen uns ans.
"Nachtclub!", sagten wir gleichzeitig und grinsten.

Der Schuppen hatte seine besten Jahre schon hinter sich, aber es war immer noch viel besser als ein Abend mit der Mannschaft. Wir bestellten Whiskey und Zigarren.
"Gestern habe ich Marins Schlafanzug mit den Autos drauf versteckt", sagte Butt. "Er hat fast geheult."
"Nimm ihm doch noch sein Lustiges Taschenbuch weg", schlug ich vor.

Dann klingelte mein Handy.
"Hallo Jogi, ich bin es, Michael Ballack."
"Ja hallo Michael, du erwischt mich gerade beim Austüfteln der Taktik, aber ein paar Minuten habe ich für dich. Was kann ich für dich tun?"
"Bitte, sei ehrlich zu mir: Brauchst du mich noch?"
"Was ist denn das für eine Frage?"
"Na ob du mich noch in der Nationalmannschaft brauchst? Es läuft doch alles so gut und die Mannschaft ist jung, und ich bin es nicht."
"Natürlich brauche ich dich."
"Ich kann die Wahrheit vertragen."
"Aber das ist die Wahrheit. Michael, du bist unersetzlich."
"Echt?"
"Ja, echt Michael. Und nun muss ich weitermachen. Das Spiel gegen Serbien wird wirklich schwer."
"Das beruhigt mich wirklich sehr. Ich bin so erleichtert. Gute Nacht, Jogi."

Ich legte auf.
"Das war Michael Ballack. Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn auch nach der WM noch brauche."

Wir sahen uns an. Dann prusteten wir los.

Südafrika, du meine Ehefrau (Dienstag, 15. Juni)

Unser Pressechef Harald Stenger hat sich mal wieder in das eingemischt, was er für seine Angelegenheiten hielt – nämlich meine Angelegenheiten.

"Joachim", hat er gesagt, "du schreibst in deinem Tagebuch immer so abfällig. Theo Zwanziger hat mir gestern schon ins Telefon geheult."
"Der wird noch mehr heulen, wenn ich meinen Wechsel zum FC Barcelona bekanntgebe."
"Joachim, Deutschland verdankt dir sehr viel, aber du musst dich ein wenig zurückhalten. Es gibt auch schon negative Kommentare im Internet."
"Ach ja?"
"Ein Kerls namens cool123 unterstellt dir, nicht mehr ganz bei Sinnen zu sein."
"cool123 ist bloß in mich verliebt, kann es aber nicht so zeigen."
"Joachim! Ich empfehle dir, mal was Nettes zu schreiben. Zum Beispiel über Südafrika. Du hast sowieso noch nichts über Südafrika geschrieben. Das würde auch deinen Respekt vor der Kultur des Gastgeberlandes zeigen."
"Aber ich habe doch gar keinen Resp..."
"Joachim! Ich bitte dich, tu mir diesen einen Gefallen."

Südafrika, gibt es einen Superlativ, den dieses Land nicht verdient hat? Die weißesten Gletscher, die saftigsten Steaks, die schnellsten Autorennbahnen. Wäre Südafrika eine Frau, ich würde das Land heiraten. Ohne Ehevertrag. Die Slums in Südafrika würden in Düsseldorf als Kö durchgehen. Als arm gilt bereits, wer sich nur die Wasserhähne auf der Toilette vergolden kann.

Ich erinnere mich daran, dass ich nachts ein altes Mütterchen traf, als ich vor dem Hotel meines Weges ging. Es fing an, heftig zu regnen. Ich trug nur ein T-Shirt. Und dieses Mütterchen nahm ihren Mantel, legte ihn mir um und sprach: "Bitte, nehmen Sie ihn. Sie sind so ein guter Mensch." Ich sah mich außerstande, diese freundliche Geste abzulehnen. Tränen der Dankbarkeit rollten über mein Gesicht.

Ab morgen trinke ich Schnaps. Aber davon nur den Alkohol.

Niemand hat weniger Ahnung von Fußball als Christian Wulff (Montag, 14. Juni)

Ich ertrage es nicht, dass die Menschen mich lieben. Nicht jetzt schon. Und nicht diese Menschen. Was haben wir denn bisher erreicht? Wir haben eine per Zufallsgenerator bestimmte Auswahl von Australiern in einem Trainingsspiel vom Platz gefegt, die es am Sonntagabend noch eher geschafft hätte, mit einer Leiter auf den Mond zu klettern, als uns zu besiegen Und nun brechen 80 Millionen Deutsche in Euphorie aus?

Der erste, der angekrochen kommt, ist Theo Zwanziger. Natürlich. Vor einigen Monaten wollte er mich noch zur Ausreise zwingen und nun verkündet er mit feuchten Augen "Ich werde alles dafür tun, dass er weitermacht." Vorhin hat er auch noch meine traute Rotweinrunde mit Hansi Flick gestört und mir gesagt, dass ich wie ein Sohn für ihn sei. Ich schämte mich für ihn.

Dann haben sich auch Menschen euphorisch geäußert, die angeblich berühmte Sportler sein sollen. Maria Riesch, Sven Hannawald, Sebastian Vettel. Wer sind diese Leute und warum fühlen sie sich berechtigt, die Leistung meines Teams einzuschätzen?

Doch das alles übertrifft mühelos Christian Wulff, den einige für den neuen Bundespräsidenten halten. Er leider auch. Dieser Kerl hat tatsächlich, ja tatsächlich gesagt, dass unser Sieg gezeigt habe, wie wichtig es sei, dass "jeder die Fehler des anderen ausputzt und nicht ausnutzt." Wie bitteschön sollte der eigene Mitspieler denn einen Fehler ausnutzen? Wenn Bastian Schweinsteiger ausrutscht und die Kugel deshalb an ihm vorbeirauscht, denkt Philipp Lahm doch nicht: "Mensch, diesen Fehler nutze ich jetzt aber mal eiskalt aus und schieße den Ball ins eigene Tor." Fußball ist nicht aus reiner Selbstlosigkeit ein Teamsport, sondern aus reinem Egoismus. Wenn der Ball im eigenen Tor landet, dann liegt die ganze Mannschaft 0:1 zurück.

Gerade hat per Mertesacker geklopft, dieser gutmütige Leuchtturm.
"Kommen Sie mit Tischtennis spielen, Rundlauf?", hat er gefragt, "Philipp und Marko sind auch dabei."
"Ach toll, Philipp und Marko sind auch mit dabei. Na das ist ein natürlich ein Argument." "Also spielen Sie mit, Trainer?"
Ich habe ihn kurz angesehen. Dann hat er sich umgedreht und ist gegangen.

Miro nervt mich kolossal (Sonntag, 13. Juni)

Ich hätte Miro niemals aufstellen dürfen. Und Miro hätte niemals dieses Tor erzielen dürfen. Nun werde ich diesen Kerl nicht mehr los.

Wir sitzen gerade im Flieger von Durban nach Lanseria, der Sieg gegen Australien liegt zwei Stunden zurück. Hansi Flick und ich hatten eigentlich vor, uns für eine halbe Stunde zurückzuziehen und uns eine gute Flasche von dem Roten zu gönnen. Gerade will ich einen Schluck nehmen, als Miro mir auf die Schultern haut und ich alles auf meine Hose verschütte.
"Hey Trainer", sagt er, "hast du gesehen, wie ich den Ball reingemacht habe? Flanke von Lahm, ich halt den Kopf hin und Tor."
"Ja, habe ich gesehen."
"Hier, ich hab's schon auf meinem Handy gespeichert. Gucken Sie mal."
"Miro, ich war im Stadion, als das Tor gefallen ist."
"Ja, aber gucken Sie noch mal. Und alle haben schon gedacht, ich könnte nicht mehr treffen. Von wegen. Mit Köpfchen habe ich es gemacht. Verstehen Sie? Mit Köpfchen."
"Ja, Miro."

Das hält ihn nicht davon ab, mich weiter zu nerven.

"He, Philipp, komm doch mal her", sagt er, "lass uns doch noch mal das Tor nachspielen."
Philipp Lahm, dieser Idiot, kommt natürlich angetrottelt. Lahm, den ich nur zum Kapitän gemacht habe, damit ich weiter der Chef bin.
"Tu mal so, als würdest du flanken", sagt Miro.
Lahm schlägt ein Luftloch, Miro steigt hoch und stößt den Kopf nach vorne. Nach der Landung läuft er jubelnd den Gang entlang.
Hans Flick sieht mich resigniert an.
"Den Roten trinken wir morgen früh", sagt er.

Das Spiel gegen Australien habe ich nur am Rande verfolgt. Weil ich ja wusste, dass wir diese Wildjäger vom Platz scheuchen würden, habe ich meinen MP3-Spieler mitgenommen und mir während der Partie zwei Platten von AC/DC angehört. Im Fernsehen sah es einige Male so aus, als würde ich emotional auf einige Spielszenen reagieren. Da habe ich aber nur gerufen "Bringt mir gefälligst jemand neue Batterien! Das kann doch nicht so schwer sein."

Die Musik hatte außerdem den Vorteil, dass ich den Vuvuzela-Lärm nicht gehört habe, dieser als südafrikanische Kultur getarnte Plastik-Terror. Ich habe unserem Pressechef Harald Stenger gesagt, dass er sich den Namen jedes deutschen Zuschauers aufschreiben soll, der in dieses Ding trötet. Die bekommen in Deutschland alle Stadion-Verbot.

Ich frage mich, ob ich beim Match gegen Serbien wirklich am Spielfeldrand sitzen muss. Das wird doch wieder so ein entsetzlich langweiliges Spiel. Am besten hätte ich mich gegen Australien vom Platz stellen lassen wie bei der EM 2008 gegen Österreich. Dann hätte ich wenigstens in Ruhe rauchen können.

Wer holt mir Zigaretten von der Tanke? (Samstag, 12. Juni)

Ha. Ha. Ha. Gerade komme ich aus unserem Fernsehzimmer. Dort haben wir uns gemeinsam eine englische Sitcom angesehen. Bis wir merkten, dass es das Spiel England gegen USA war. Erst die Öl-Panne, nun die Torwart-Panne. Die Engländer sind nicht in der Lage, die einfachsten Löcher zu stopfen.

Morgen spielen wir gegen Australien. Niemand nimmt das Spiel auf die leichte Schulter. Niemand. Schließlich hat das australische Team schon 2006 gezeigt, wozu es in der Lage ist. Es gibt keine Fußballzwerg…

… was für einen Blödsinn schreibe ich da eigentlich?

Es gibt keine Fußballzwerge mehr? Natürlich gibt es noch Fußballzwerge. Und Australien ist einer von ihnen. Ich habe überhaupt erst in der Zeitung gelesen, dass wir morgen gegen Australien spielen. Natürlich werde ich der Mannschaft sagen, wie wahnsinnig stark der Gegner ist und diesen ganzen Quatsch, aber die Wahrheit ist, dass das Spiel gegen Australien Teil der WM-Vorbereitung ist, aber nicht Teil der WM.

Ich habe mir vorhin mal das australische Team im Kicker angeschaut. Da wurden Spieler als Stars genannt, von denen ich noch nie gehört habe, die in Vereinen spielen, von denen ich glaube, dass es sie nicht gibt. Und alt sind sie auch. Der beste Stürmer, Joshua Kennedy, hat schon für Karlsruhe nicht getroffen. Für Karlsruhe. FÜR KARLSRUHE.

Ganz Deutschland rätselt seit Tagen, wen ich im Sturm aufstelle. Das amüsiert mich, ja es belustigt mich sogar. Gegen Australien könnte ich auch unseren Zeugwart oder den Koch aufstellen oder auch niemanden. Ja, sogar Miroslav Klose, besser bekannt als der zwölfte Mann des Gegners.

Ich mache das wie sonst auch: Wer mir von den Stürmern am schnellsten Zigaretten an der Tankstelle holt, spielt auch.
"Aber ist das nicht viel zu gefährlich hier in Südafrika?", hat Miro vorhin gefragt, als ich sie losschickte.
"Klar", sagte ich, "deshalb gehe ich ja nicht selbst.

Bisher sind sie noch nicht zurückgekehrt. Vielleicht hat sich das Problem auch von alleine gelöst.

David Odonkor ruft an und nervt (Freitag, 11. Juni)

Unser Pressechef Harald Stenger hat gesagt, dass ich heute unbedingt wieder etwas schreiben muss.
"Die Leute sollen mitkriegen, dass du täglich einen Eintrag veröffentlichst."
"Täglich? Wann soll ich denn das Training leiten?"
"Dafür bleibt dir noch genügend Zeit. Außerdem sind die Zahlen super."
"Welche Zahlen?"
"Na die Seitenaufrufe für dein Tagebuch."
"Echt?"
"Ja, total super."

Heute Mittag klingelte mein Handy.
"Hallo, hier ist David Odonkor."

Ich hatte keine Ahnung, wer David Odonkor war. Also hielt ich das Telefon mit der Hand zu und rief Oliver Bierhoff zu mir.

"David Odonkor? Weißt du das denn nicht mehr? WM 2006. Zweites Vorrundenspiel gegen Polen. Nachspielzeit. Es steht 0:0. Schneider spielt auf der rechten Seite in den Lauf von Odonkor, der passt in den Strafraum und Neuville drückt den Ball ins Tor. Das Sommermärchen beginnt."

Es dämmerte.

"Hallo David", sagte ich.
"Hallo Trainer, wissen Sie noch? WM 2006. Zweites Vorrundenspiel gegen Polen. Nachspielzeit. Es steht 0:0. Schneider spielt auf der rechten Seite in meinen Lauf, ich passe in den Strafraum und Neuville drückt den Ball ins Tor. Das Sommermärchen beginnt."
"Klar, wie könnte ich das vergessen?"

Wir redeten ein wenig, das heißt, er redete und ich suchte nach einer Möglichkeit, ihn loszuwerden.

"David, ich habe hier eine Mannschaft zum Weltmeister zu machen. Warum rufst du an?"
"Ich will zur WM, Trainer."
"Falls es dir noch nicht aufgefallen ist: Du bist nicht nominiert."
"Aber…WM 2006. Zweites Vorrundenspiel gegen Polen. Nachspielzeit. Es steht 0:0. Schneider spielt auf der rechten Seite in meinen Lauf, ich passe in den Strafraum und Neuville drückt den Ball ins Tor. Das Sommermärchen beginnt."
"Es kann sein, dass das dein größter Moment bleiben wird."
"Das ist ja schrecklich."
"Andy Brehme kennt man auch bloß dafür, dass den Elfmeter im WM-Finale 1990 versenkte."
"Und dass er an der Brust von Rudi Völler heulte, als er mit Kaiserslautern abstieg."
"David, ich muss wirklich auflegen."
"Aber…WM 2006. Zweites Vorrundenspiel gegen Polen. Nachspielzeit. Es steht 0:0. Schneider spielt auf der rechten…"

Später sah ich mir die Website von David Odonkor an. Dort stand ein Bericht über sein Comeback beim spanischen Zweitligisten Betis Sevilla:

"Nach dem Vorbild des 1:0 gegen Polen beim Sommermärchen 2006 setzte sich Odonkor auf der rechten Seite durch und konnte seinen Mitspieler mit einer sehenswerten Flanke so gut in Szene setzen, dass Juanma mit einem platzierten Kopfball den 0:1 Siegtreffer erzielen konnte."

Andere hätten an dieser Stelle geweint. Ich klappte den Laptop zu.

Harald ist nicht für die Geistesblitze zuständig (Donnerstag, 10. Juni)

Ich soll ein Internet-Tagebuch schreiben. Das ist die bescheuertste Idee, seitdem der DFB Erich Ribbeck zum Bundestrainer gemacht hat.

Aber unser Pressechef Harald Stenger hat gesagt, dass so etwas total gut ankommt.
"Joachim", hat er gesagt, "das kommt total gut an, besonders bei den Kids."

Ich habe ihm gesagt, dass es mir egal ist, wie es bei den Kids ankommt, weil mich Kids nicht interessieren und ich deshalb selbst keine habe.
"Joachim", hat er gesagt, "so können dich die Leute auch mal als Mensch kennenlernen, nicht nur als Bundestrainer."
"Die Leute sollen mich aber nicht als Menschen kennenlernen. Es will ja auch niemand Harald Stenger als Menschen kennenlernen."
"Joachim, du bist der Bundestrainer. Was du sagst, zählt so viel wie die Haushaltsrede von Angela Merkel. Selbst dann, wenn wir nur gegen Liechtenstein gespielt haben."

Das hatte ich auch schon festgestellt.

"Und was schreibe ich in so ein Internet-Tagebuch?"
"Eben diesen ganzen Kleinkram. Wann du aufstehst, wie das Wetter ist, das Essen, das Hotel, ob Tim Wiese jeden Tag pumpen geht. Die Leute sollen denken, dass sie hautnah dabei sind, obwohl sie nur eine gefilterte Version der Wahrheit erhalten. Die wichtigen Sachen behältst du natürlich für dich."
"Und das kommt an?"
"Das kommt total gut an, besonders bei den Kids."

Also habe ich eingewilligt.

Ich stehe morgens auf, das Wetter ist gut, fürs Essen haben wir unseren eigenen Koch, das Hotel hat einen Swimming-Pool und Tim Wiese schiebt sich Schulterpolster auf seinen Bizeps, wenn er sein Trikot angezogen hat.

Noch viel spannendere Dinge erzähle ich morgen.

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About a Boy Spezial: Das WM-Tagebuch des Herrn Löw (Epilog)


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