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About a Boy
Du bist okay, aber dein Bart ist furchtbar

About a Boy: Du bist okay, aber dein Bart ist furchtbar
Der Mann auf dem Bild soll Michael Phelps sein. Beweise gibt es dafür nicht. FOTO: GETTY IMAGES NORTH AMERICA, AFP
Düsseldorf (RPO). Unser Kolumnist denkt darüber nach, wie ein befreundeter Schriftsteller endlich reich werden könnte. Außerdem liest er einen Artikel über isländische Schnurrbärte. Von Sebastian Dalkowski

Manchmal stehe ich länger unter der Dusche, als es zur Körperpflege notwendig ist. Das liegt daran, dass es der einzige Zeitpunkt des Tages ist, an dem ich zum Nachdenken komme. Ansonsten arbeite ich, schlafe oder schreibe SMS. Unter der Dusche aber bin ich ganz auf mich selbst zurückgeworfen.

Als ich neulich so vor mich hin dachte, fiel mir der Bart eines Freund ein, der Schriftsteller ist. Mit Schriftsteller meine ich Menschen, die einen Roman veröffentlicht haben und eine Gage bekommen, wenn sie öffentlich aus dem Roman vorlesen. Er gehört also nicht zu jenen Autoren, die nur deshalb etwas veröffentlichen können, weil das Internet keine Unterschiede macht. Trotzdem kann er bei weitem nicht davon leben. Das ist unfair, denn der Freund brennt fürs Schreiben und er ist ja auch gut. Sagen die Kritiker.

Ich weiß allerdings, warum er nicht so populär ist wie Daniel Kehlmann. Ich sage es ihm ständig. "Stefan", sage ich, "rasier endlich deinen furchtbaren Bart ab." Es ist nämlich so, dass er unterm Kinn so einen Ziegenbart hängen hat. Ziegenbärte sind abartig. Sie sehen aus wie Reste eines Vogelnests. Ich bin überzeugt, dass dieser Bart ihn von seinem Durchbruch abhält. Gerade bei Lesungen ist er eher Makel als Markenzeichen. Die Fans haben sein Buch gelesen, sind völlig begeistert, gehen dann zu einer Lesung und denken: "Was für ein beschissener Bart!"

Trägt Daniel Kehlmann einen Bart? Na also.

Doch dieses Argument interessiert den Freund nicht. Er lacht höchstens gequält, wenn ich ihm vorschlage, den Bart abzurasieren. Wahrscheinlich denkt er, Bart abrasieren sei der erste Schritt zum Ausverkauf. Er hat seine Prinzipien.

Da fällt mir ein, dass ich neulich den Artikel einer Isländerin las. Sie berichtete, dass plötzlich alle Männer auf Island Schnurrbärte tragen - und dass, obwohl Schnurrbartträger auf Island ausschließlich mit Pornostars und osteuropäischen Arbeitern in Verbindung gebracht werden.

Eines Tages wachte sie auf und erschrak: In ihrem Bett lag ein fremder Mann. Dann stellte sie fest, dass es bloß ihr Ehemann war, der sich einen Schnurrbart hatte wachsen lassen.

Erst dann verrät sie, was es mit den Bärten auf sich hat. Eine Gesellschaft, die sich für den Kampf gegen eine lebensbedrohliche Krankheit einsetzt, hatte zum Schnurrbart-Wettbewerb aufgerufen. Männer sollten ein Foto ihres Schnurrbarts auf die Website der Gesellschaft hochladen. Dann sollten Leute Geld für ihren Lieblingsschnurrbart spenden. Wer am Ende des Monats das meiste Geld gesammelt hatte, war der Gewinner. Die Isländerin schreibt, dass sie den Bart ihres Mannes akzeptierte, weil die Unmode für einen guten Zweck war.

Wenn mein Schriftsteller-Freund schlau ist, lernt er von den Isländern: Egal, wie scheiße etwas aussieht, wenn es für einen guten Zweck ist, sind alle dafür. Auch so menschenverachtende Zyniker wie ich sind gerührt, wenn sich jemand mit gesichtsentstellender Behaarung gegen eine lebensbedrohliche Krankheit oder für afrikanische Waisen einsetzt.

Der Schriftsteller soll also vor jeder Lesung anmerken, dass er seinen ekelerregenden Ziegenbart nur trägt, um damit einen Brunnen in der Sahara zu finanzieren oder Schulbücher für rumänische Straßenkinder. Und dann zahlt er eben fünf Prozent der Einnahmen an eine Stiftung. Und plötzlich gehen die Leute zu seiner Lesung und denken: "Was für ein süßer Bart." Wobei ich glaube, dass er niemals über das Image "süß" seine Bücher verkaufen will. Er glaubt wirklich noch an die Kraft der Literatur und nicht die Kraft des Marketings. Er ist so idealistisch. Das habe ich ihm voraus.

Sebastian Dalkowski veröffentlicht jeden Freitag die Kolumne "About a Boy". Seine bessere Gesichtshälfte hat Andreas Krebs fotografiert.

 
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