| 14.28 Uhr

About a Boy
Erst rette ich Berlin, dann Deutschland

About a Boy: Erst rette ich Berlin, dann Deutschland
Die Taliban nannten konkrete Ziele für Anschläge - darunter auch das Brandenburger Tor. FOTO: AP
Düsseldorf (RPO). Unser Kolumnist fährt in die Hauptstadt und besucht einen Club. Dort trifft er Frauen mit komischen Schuhen. Außerdem entdeckt er den unbekanntesten Ausschuss des Bundestages. Von Sebastian Dalkowski

Ich bin zu einem Bekannten nach Berlin gefahren. Als ich angekommen war, sagte der Bekannte, dass wir in diesen Club gehen müssten, weil dort Freunde von ihm auflegten. Der Satz "Da legen Freunde von mir auf" fällt in Berlin fast so häufig wie "Die Mieten in Berlin sind längst nicht mehr so billig wie früher".

Ich wollte nicht in den Club gehen, weil meine Füße in Clubs immer am Boden festkleben, aber ich war in Berlin, da konnte ich nicht sagen "Ich lasse es heute mal ruhiger angehen und sehe mir 'Wer wird Millionär‘ im Fernsehen an." Wenn die jungen Leute in Berlin so wären wie ich, wäre die Stadt zwar nicht so hip, aber auch nicht so kaputt. Niemand hört auf mich.

Wir gingen also in diesen Club, es waren schon Leute da, sie tanzten wie auf einer glühenden Herdplatte. Mein Bekannter tanzte auch, ich tanzte nicht. Wozu auch? Lieber beschäftigte ich mich mit der Frage, ob ich meine Hände in die Hosentaschen stecken, die Arme verschränken oder sie doch schlaff baumeln lassen sollte.

Während dieses Prozesses kam eine junge Frau in den Club, sie hatte lange schwarze Haare und trug Schuhe, die meiner Großmutter hätten gehören können. Viele Frauen trugen diese Schuhe, alles deutete auf Absicht hin. Nach zwei Minuten machte die junge Frau zwei Schritte auf mich zu, dann beugte sie sich herüber und sagte mir ins Ohr: "Trink mal einen Sekt, dann wirst du lockerer." Sie sah mich mitleidig an.

Ich war erzürnt. Diese Frau hatte nichts Besseres zu tun, als die Schuhe ihrer Großmutter anzuziehen und mir nach zwei Minuten zu sagen, dass ich der steifste Typ im ganzen Club war und ich diesen Zustand nur beheben könne, indem ich ein Glas Sekt trinke, vermutlich ein kübelgroßes Glas. Ich dachte original das: "Was, junges Fräulein, tust du eigentlich fürs Bruttosozialprodukt?" Dadurch fühlte ich mich gleich nochmal zwanzig Jahre älter.

Mein Bekannter kam zu mir rüber und sagte, dass die Frauen in Berlin eben so seien, so laut und vorlaut. Ich plumpste für eine halbe Stunde in einen Sessel, dann verließ ich den Club, ohne auch nur ein Getränk getrunken zu haben. Am nächsten Tag reiste ich bereits gegen Mittag ab. Kurz danach überfielen Old-School-Gangster mit Macheten und Maschinengewehr ein Pokerturnier am Potsdamer Platz. Ich bedauerte das nicht.

Einige Tage nach meinem Berlin-Debakel las ich, dass der Tourismusausschuss des Bundestags verkündet hatte, das Reiseland Deutschland bis 2013 nach vorne zu bringen. Ich weiß zwar nicht, welches Reiseland der Tourismusausschuss des deutschen Bundestags zuvor gefördert hatte, aber das Ziel ist auf jeden Fall ehrbar. Wie der Tourismus gefördert werden soll?

Horst Meierhofer, tourismuspolitischer Sprecher der FDP, sagte, der Ausschuss werde daran arbeiten, das Potenzial Deutschlands als Reiseland auszubauen. Kornelia Möller, Tourismussprecherin der Linken, sagte, ihre Fraktion wolle einen Schwerpunkt auf die Verbesserung barrierefreien Reisens legen. Markus Tressel von den Grünen schlug vor, bei der Stärkung des Inlandtourismus die Umwelterhaltung in den Vordergrund zu stellen.

Ich sage es offen: Diese Pläne bringen das Reiseland Deutschland nicht weiter. Sie ermüden mich so sehr, dass ich keine Lust habe, auch nur in den nächsten Supermarkt zu reisen. Ich habe eine viel bessere Idee. Berlin ist ein wichtiger Teil des Reiselandes Deutschland. Berlin hat es nicht geschafft, mich, der nun wirklich keine Ansprüche hat, mehr als einen Tag in seinen Stadtgrenzen zu halten.

Schuld hat die junge Dame mit den alten Schuhen. Hätte sie ihre Meinung für sich behalten, wäre ich länger in dem Club geblieben, wäre ich länger in Berlin geblieben, hätte mehr getrunken, mehr gegessen, hätte mir das Brandenburger Tor angesehen, hätte den Überfall der Old-School-Gangster aufs schärfste verurteilt. Kurz: Ich hätte Berlin touristisch gestärkt und damit auch das Reiseland Deutschland.

Der Tourismusausschuss muss diesen Missstand bekämpfen. Er muss viel Geld in die Hand nehmen und die Bewohner beliebter Reiseziele in wochenlangen Schulungen Manieren gegenüber Besuchern beibringen. Der Hamburger soll zwar "Moin, moin" sagen, dann aber in verständliches Hochdeutsch wechseln. Der Bayer darf sein Weizenbier trinken, seine Volkslieder aber nur zuhause grölen. Und die Berliner Göre darf mäßig kess sein, soll dann aber sagen "Stark, dass du keinen Alkohol trinkst", beide Daumen in die Höhe recken und ihren Freundinnen erzählen, was für eine gute Partie ich doch bin: "Der ist zwar nicht so hip, dafür aber auch nicht so kaputt."

Sebastian Dalkowski veröffentlicht jeden Freitag die Kolumne "About a Boy". Seine bessere Gesichtshälfte hat Andreas Krebs fotografiert.

 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

About a Boy: Erst rette ich Berlin, dann Deutschland


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.