| 10.27 Uhr
About a Boy
Guckt doch einfach nur zu
About a Boy: Guckt doch einfach nur zu
Wenn Christian Lindner auftritt, kommen die Fans in Scharen. FOTO: König Pilsener Arena
Rockkonzerte wären gar nicht so schlimm, wenn das Publikum nicht wäre. Sie knutschen, sie reden, sie machen große Augen und Fotos mit ihrem Handy – unser Kolumnist gibt eine zu hundert Prozent zutreffende Übersicht. Von Sebastian Dalkowski

Der Superfan

Er steht bereits sieben Stunden vor Konzertbeginn vorm Eingang, um es später in die erste Reihe zu schaffen. Die Wartezeit überbrückt er, indem er die neue Biografie über seine Lieblingsband liest, die, in der auch zum ersten Mal der frühere Bassist auspackt. Für den Platz in der ersten Reihe nimmt er auch in Kauf, zerquetscht zu werden. Beim Konzert singt er jede Zeile mit und bejubelt jeden Song, als sei es DER Song. Auch drei Stunden nach Konzertende fordert er noch eine Zugabe.

Das Pferdeschwanz-Mädchen

Eine Unterart des Superfans. Diese Spezies ist weiblich, nicht über 25, ist ausschließlich in der ersten Reihe anzutreffen und ist neben ihrem Pferdeschwanz an ihrem gepunkteten Kleid zu erkennen, unter dem sie eine schwarze Strumpfhose trägt. Die Füße stecken entweder in Second-Hand-Stiefeln oder Schuhen, die aussehen, als hätte der Orthopäde sie verschrieben. Die Hauptaufgabe des Pferdeschwanz-Mädchen besteht darin, den Sänger der Band mit großen Augen anzusehen.

Der Begleiter

Dieser geht nur mit, weil ihn der Partner oder ein Freund dazu überredet hat. Er kennt im besten Fall einen Song der Band, der immer im Radio gespielt wird, ansonsten ist das für ihn ein Abend mit fremden Melodien. Man erkennt den Begleiter daran, dass er alle fünf Minuten auf sein Handy guckt, ob ihm nicht doch am Samstagabend um 22 Uhr noch jemand eine E-Mail oder eine SMS geschickt hat. Gerne benutzt er den Vorwand „Ich muss mal kurz auf Toilette“ dafür, den Rest des Konzertes vorm Eingang zu verbringen.

Das Pärchen

Niemand ist unerträglicher. Pärchen, besonders, wenn sie frisch verliebt sind, vergessen, dass es eine Welt um sie herum gibt, und knutschen in jeder noch so kurzen ruhigen Phase eines Songs, als gelte es, den Weltfrieden zu sichern. Das tun sie selten in der letzten Reihe, sondern eher in der vierten. Weshalb das Spektakel auf der Bühne gerne vom Spektakel der Zungen übertroffen wird. Am Ende finden die beiden, dass es ein super Abend war, welche Songs die Band gespielt hat, wissen sie allerdings so genau nicht.

Der Crowd-Surfer

Er gehört neben dem Pärchen zur schlimmsten Sorte der Konzertbesucher. Der Crowd-Surfer, der in neun von zehn Fällen männlich ist, pflegt die Überzeugung, dass die anderen Zuschauer sich nichts mehr wünschen, als ihn auf Händen zu tragen. Gerne sind zu diesem Zeitpunkt seine Haare und sein T-Shirt nassgeschwitzt. Er nähert sich meist von hinten mit den Füßen voran, damit er auf jeden Fall möglichst viele Nacken mit seinen schweren Stiefeln erwischt. Da die Zuschauer nicht als Spielverderber gelten wollen, die dem Geist des Rock’n’Roll entsagt haben, lassen sie den Crowd-Surfer viel zu selten auf den Boden fallen.

Der Smartphone-Besitzer

Dieser Typus hat eine einfache Philosophie: Was nicht per Handy mit der Welt geteilt wird, findet nicht statt. Also informiert er seine Follower alle drei Minuten darüber, welches Lied die Band nun spielt und dass vor ihm ein Pärchen knutscht. Selbstverständlich macht er auch Fotos mit seinem iPhone, auf denen zwar nur vier winzige Gestalten im Nebel zu erkennen sind, aber Foto ist Foto. Vom Konzert bekommt er so zwar nichts mit, dafür kann er ja später alles noch mal in seinem Facebook-Account nachlesen.

Der Dauerplauderer

Dies ist die rätselhafteste Spezies unter den Konzertbesuchern. Der Dauerplauderer plaudert nicht unbedingt ständig mit den ihn umgebenden Leuten, weil er das Konzert so langweilig findet. Meist hat er einfach nur zu allem, was gerade auf und vor der Bühne passiert, etwas zu sagen. Das Lied hat die Band aber miserabel gespielt. Wann spielen sie endlich DEN Song? Guck mal, das knutschende Pärchen. Ey, diese Kids in der ersten Reihe. Ich ertrage die Mädchen mit Pünktchenkleidern und Pferdeschwanz nicht mehr. Erst nach dem Konzert verstummt er plötzlich.

Der Musikjournalist

Eiserne Regel: Je unbekannter die Band ist und je obskurer der Bandname, desto größer ist der Anteil an Musikjournalisten im Publikum. Der Musikjournalist, der selbstverständlich immer auf der Gästeliste steht und niemals, niemals Eintritt zahlt, ist am einfachsten durch seine fehlenden Reaktionen zu erkennen. Er klatscht nicht, er verzieht keine Miene, er bewegt nichtmal ein Bein. Nur ab und zu schreibt er einen Satz in seinen Block. Meist steht er hinten, weil er sich nicht mit dem emotional aufgeladenen Pöbel gemein machen will. Keine andere Spezies trägt so wenig zum Gelingen des Konzertes bei.

Quelle: seeg
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