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About a Boy
Hass auf die eigene Kultur
About a Boy: Hass auf die eigene Kultur
"So größe Möpse..." FOTO: dapd
Unser Kolumnist fragt sich, warum wir immer nur US-Serien mit Untertiteln gucken wollen. Von Sebastian Dalkowski

Deutsche, die mindestens über Abitur verfügen, haben sich ein neues Hobby zugelegt: Sie beklagen ununterbrochen die Erzeugnisse der heimischen Unterhaltungsindustrie. Sie beklagen, dass Daniela Katzenberger und Mario Barth Stars sind. Sie beklagen, dass jeder Sender Sänger oder Models castet. Sie beklagen, dass die erfolgreichsten Filme in Deutschland von Til Schweiger kommen und dass Rosamunde-Pilcher-Schmonzetten Millionen erreichen. Und wenn dann einmal eine gute Serie läuft, also alles von Regisseur Dominik Graf, dann auf ZDF Neo oder um kurz vor Mitternacht in der ARD.

Ihr Blick schweift dann in die Ferne. Nach Skandinavien. Nach England. In die USA. Das ist das Land, in dem Milch und Honig fließen. Ja, dort trauen sich die Sender noch, komplexe, lange, überraschende Geschichten zu erzählen, dort sind die Popstars noch Weltstars und der Humor böse und anspielungsreich. Dort soll der Verstand nicht betäubt, sondern gefordert werden. Ihre Augen leuchten, wenn sie die Namen fallen lassen. The Wire. Mad Men. Breaking Bad. Lady Gaga. Inception. Seit ihrer Jugend haben sie den Verdacht, dass sie im falschen Land geboren worden sind.

Dabei übersehen sie, dass auch die deutsche Unterhaltungsindustrie große Erzeugnisse hervorgebracht hat. Ja, sie laufen nicht immer um 20.15 Uhr auf RTL, aber allein so ein Tatort kann es mit jeder Folge von Law And Order aufnehmen. Denn natürlich sehen diese Leute nur das Gute, was aus dem Ausland kommt, ein Großteil des Schundes kommt ja ohnehin nicht zu uns. Als ob es dort keinen Mario Barth gäbe oder eine Rosamunde Pilcher. Als ob jeden Abend hundert Millionen Amerikaner vor dem Fernseher hängen und Mad Men gucken. Die erste Folge der 5. Staffel stellte gerade einen Quotenrekord auf: 3,5 Millionen. In einem Land, das fast viermal so viele Einwohner wie Deutschland hat. Aber in einem Land, das so viele Einwohner hat, können eben auch Nischenprogramme überleben.

Dort würde sogar Thomas Gottschalk überleben.

Quelle: seeg
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