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About a Boy
Hau schon ab!
About a Boy: Hau schon ab!
Wer im Bus vorne sitzt, ist uncool. FOTO: dpa, Oliver Berg
Düsseldorf. Unser Kolumnist fragt sich, warum in der Politik jeder kleine Fehltritt großes Geschrei hervorruft. Von Sebastian Dalkowski

In Berlin steht ein neuer Flughafen. Nur geflogen wird dort noch nicht. Es ist was schiefgelaufen. Klaus Wowereit ist Oberbürgermeister der Stadt Berlin, und deshalb findet Jürgen Trittin von den Grünen, dass Wowereit zurücktreten muss.

Norbert Röttgen von der CDU hat die Landtagswahlen in NRW mit sagenhaftem Rückstand verloren. Die FDP ist gerade irgendwie im Aufschwung. Deshalb forderte Wolfgang Kubicki, FDP-Fraktionschef in Schleswig Holstein, dass Röttgen auch als Umweltminister zurücktritt. Wer NRW nicht kann, kann auch nicht Umwelt. Oder so. Dann forderten auch andere seinen Rücktritt. Und Merkel warf ihn raus.

Die Rücktrittsforderung ist die älteste Waffe in der Politik. Sie wird immer dann erhoben, wenn herauskommt, dass ein Politiker seine Bonusmeilen privat genutzt hat oder seinen Dienstwagen heimlich im Urlaub. Wenn ein Politiker von irgendwem was annimmt, am besten von der Atomlobby. Wenn er irgendwen oder irgendwas mit Hitler vergleicht. Wenn er mit anderen Frauen verkehrt, obwohl er verheiratet ist. Wenn er in seiner Vergangenheit mal einen Polizisten verprügelt hat. Wenn der Politiker nicht direkt der Täter ist, wird immer von „politischer Verantwortung“ gesprochen: Wowereit ist Bürgermeister in Berlin, also ist er auch Schuld, wenn die Currywurst dort nicht mehr schmeckt.

Feige und langweilig

Die Rücktrittsforderung wird unabhängig davon erhoben, ob das Vergehen relevant ist oder ob der den Rücktritt Fordernde selbst irgendeine Ahnung von dem hat, was er kritisiert. Denn die Rücktrittsforderung ist für den, der sie ausspricht, ohne Risiko. Er kann es einfach mal versuchen. Erweisen sich die Vorwürfe nachher als falsch, erinnert sich niemand mehr an jene, die den Rücktritt gefordert haben. Das beste an Rücktrittsforderungen aber ist, dass sie den Fordernden moralisch gut dastehen lassen. Denn eine Rücktrittsforderung bedeutet auch immer, sich über den anderen zu erheben. Deshalb ist sie auch so beliebt.

Es gibt nichts Feigeres und nichts Langweiligeres als eine Rücktrittsforderung. Es sollte deshalb ein Gesetz erlassen werden, das einem Politiker untersagt, mehr als eine Rücktrittsforderung pro Jahr zu erheben. Wer das im Bundestag fordert, wird allerdings sofort mit Rücktrittsforderungen überschüttet.

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