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About a Boy: Hausflur der großen Gefühle

VON SEBASTIAN DALKOWSKI - zuletzt aktualisiert: 15.08.2008 - 00:01

Köln (RPO). Unser Kolumnist erzählt die Geschichte von einer Frau und einem Mann, die sich im Hausflur trafen und danach naturtrüben Apfelsaft auf der Couch tranken. Es wird noch so viel mehr daraus.

Wenn sie nicht gerade naturtrüben Apfelsaft einschüttet, wirkt die Nachbarin in Filmproduktionen mit. Foto: STEINBERG, AP
Wenn sie nicht gerade naturtrüben Apfelsaft einschüttet, wirkt die Nachbarin in Filmproduktionen mit. Foto: STEINBERG, AP

Der Dialog, der sein Leben ändern sollte, begann so:
Sie sagte: „Willst du gleich noch auf einen Tee vorbeikommen?“
Er sagte: „Hast du auch Saft da?“
Sie: „Klar.“
Er: „Okay.“
Sie: „Dann klopf gleich einfach an meine Tür.“

Seitdem er vor zwei Jahren in ein winziges Zimmer neben anderen winzigen Zimmern mit gemeinsamer Dusche und gemeinsamem Klo gezogen war, hatte er jeglichen Kontakt mit den Flurnachbarn vermieden. Wenn sich irgendwo die Tür öffnete, verschwand er rasch in sein Zimmer. Im Flur hielt er sich nie lange auf und die Tür schloss er ab, auch wenn er zuhause war. Begegnete ihm jemand im Treppenhaus, grüßte er, aber nicht besonders laut. „Nein, wir werden uns so bald nicht wiedersehen“, dachte er.

Dann aber verschwand ihre Putzfrau und seine Nachbarin lauerte ihm auf. Als sie hörte, dass er die Tür öffnete, stürzte sie aus ihrem Zimmer. Jetzt war es zu spät. Ob er auch schon gemerkt hätte, dass die Putzfrau nicht mehr putze, fragte sie.
„Öh… ahem…“
„Ich hab dem Vermieter Bescheid gesagt, die Toiletten sind wirklich ekelhaft.“
Und so weiter.
Am Ende: „Willst du gleich noch auf einen Tee vorbeikommen?“
Er dachte: „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten, Folge 8, 17, 143, 281…“
Er dachte: „Immerhin hat sie nicht nach Salz/Kaffee/2 Scheiben Brot gefragt.“

Ihr Zimmer war ordentlich und gemütlich. Ein Bücherregal, Kühlschrank, Schreibtisch, Schlafcouch.
„So sieht also mein Zimmer in schön aus“, witzelte er und sie schüttete ihm naturtrüben Apfelsaft ein. Er setzte sich auf die Couch, sie auf einen Stuhl.
„Du bist die erste, mit der ich aus diesem Haus spreche“, gestand er und sie: „Echt? Du bist wohl nicht so kontaktfreudig, oder?“
„Geht so.“

Sie sprachen über Studienfächerkombinationen, Studiengebühren, die Vergangenheit, den bösen Vermieter, die lauten Handwerker, kaputte Kühlschränke. Manchmal lachte sie, manchmal er und manchmal sie beide zusammen. Manchmal waren sie auch verlegen, als ihnen gerade nichts einfiel, was sie sagen konnten. Dann streifte sein Blick durch ihr Zimmer und er sagte: „Also mein Wasserhahn funktioniert nicht mehr so richtig.“ Oder: „Hier drin war mal ein Rohrbruch, da wurde alles neu gemacht.“ Das fand sie vermutlich ungeheuer spannend.

Nach 20 Minuten musste er weg, denn das hier war keine Seifenoper. Er sagte „Danke und demnächst mal wieder“ und sie sagte „Klar.“ Er ging in sein Zimmer und sah in den Spiegel. Er grinste. Nach zwei Jahren hatte er endlich eine Nachbarin.

Drei Tage später fragte sie ihn, ob er ihre Topfpflanzen gießen könne, während sie zu ihren Eltern fahre. Er dachte: Ja, ich will dich auch heiraten.

Sebastian Dalkowski veröffentlicht jeden Freitag die Kolumne „About a Boy“. Seine bessere Gesichtshälfte hat Andreas Krebs fotografiert.

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Sebastian wartet auf Post unter Sebastiand@rp-online.de.


 
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