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About a Boy: Kein Bafög für meine Frisörin

VON SEBASTIAN DALKOWSKI - zuletzt aktualisiert: 13.06.2008 - 00:01

Mönchengladbach (RPO). Unser Kolumnist langweilt sich bei seiner Frisörin, weil sie mit ihm nicht über britische Bands und Max Frisch sprechen kann. Er wird daraufhin sehr überheblich.

Es gibt Frisörinnen, die einem auf Anhieb sympathisch sind.  Foto: RPO
Es gibt Frisörinnen, die einem auf Anhieb sympathisch sind. Foto: RPO

Ich bin nur bedingt für mehr Bildung in diesem Land. Das liegt an meinen Haaren.

Ich gehe regelmäßig zu einer Frisörin, die Natur will das so. Der Vorgang dauert bloß 20 Minuten, aber jedes Mal langweile ich mich entsetzlich. Unser vollständiges Gespräch geht so:
„Wie wollen Sie die Haare geschnitten haben?“
„Kürzer als jetzt.“

Dann schweigen wir. Zu Schwingungen intellektueller und erotischer Art kommt es nicht. Wie sehr sehne ich mich in diesen 20 Minuten nach einer Frisörin, die Radiohead hört und acht Semester Geschichte und Philosophie studiert hat, bevor sie ihre Bestimmung entdeckte und Frisörin wurde.

Sie würde sagen: „Wie wollen Sie die Haare geschnitten haben, und wie gefällt Ihnen der neue Roman von Daniel Kehlmann?“
„Kürzer als jetzt, und der neue Roman von Daniel Kehlmann lässt etwas die mühelose Lakonie des Vorgängers vermissen.“

Es gibt diese Frisörinnen nicht, höchstens irgendwo in Berlin, aber Berlin mag ich nicht. Wer jahrelang auf dem intellektuellen Sektor unterwegs war, träumt nicht unbedingt davon, anderen Menschen die Haare zu schneiden. Ich habe in meinem Freundebuch aus der Grundschule nachgeschaut. Auch die, die später zur Hauptschule gingen, wollten Tierärztin werden oder die Frau von Marky Mark. Ich behaupte: Frisörin ist das Ergebnis, wenn die Alternative Bäckereifachverkäuferin ist.

Ich habe mal aus beruflichen Gründen mit einer jungen Frau gesprochen, die sich ständig am Hals kratzte. Sie sagte: „Ich habe mich überall als Frisörin beworben. Als ich keinen Ausbildungsplatz bekam, bin ich Bäckereifachverkäuferin geworden.“ Ich lese mir sehr gerne Leserbriefe durch, in denen sich die Menschen beschweren, dass ich alle Frisörinnen und Bäckereifachverkäuferinnen über einen Kamm schere. Es gebe da auch ganz andere und das mit dem Kratzen am Hals hätte nicht sein müssen.

Damit sage ich nicht, dass jeder Frisör werden kann. Was ich sagen will: Ich stehe Bildungsoffensiven der Politik kritisch gegenüber, weil sie dafür sorgen, dass mir bald niemand mehr die Haare schneidet oder Brötchen verkauft, sondern alle nur noch Rechtsanwältin oder Ingenieurin für Weltraumraketen werden wollen. Ohne eine gewisse Unbildung funktioniert ein Land nicht. Ansonsten muss der Zwang einspringen, aber das hat in verschiedenen Ländern nicht so gut funktioniert.

Fast hätte sich mein Traum erfüllt: Frisur plus Frisörin, die mit mir die Britpop-Historie durchgeht. Barbara Sommer, die NRW-Bildungsministerin, hat das verhindert. Überall klagten die Abiturienten über zu schwere Klausuren. Frau Sommer hatte ihre Muttergefühle nicht im Griff und sagte sinngemäß: Alles klar, Kids, wer will, darf noch mal schreiben.

Da durften die noch mal ran, die es früher so gerade eben gepackt hätten, aber durch die neuen, schweren Klausuren fast schon draußen waren. Sagen wir mal, die Mädchen namens Sophie, die in Deutsche eine eins hatten, in Fächern wie Mathe aber höchstens fünf. Die wären ohne Abi nicht zur Uni gegangen, sondern hätten mir stattdessen die Haare geschnitten und mit mir über Radiohead und Max Frisch diskutiert.

Nun darf Sophie aber noch mal schreiben und studiert ab Oktober Germanistik in Münster. Meine einzige Hoffnung ist, dass Sophie wahnsinnig arm ist und ihr Studium selbst finanzieren muss, zum Beispiel mit Haareschneiden.

Ich stehe dem Konzept Bafög sehr kritisch gegenüber. Ich bin bedingungslos für die Erhöhung der Studiengebühren.

Sebastian Dalkowski veröffentlicht jeden Freitag die Kolumne „About a Boy“. Seine bessere Gesichtshälfte hat Andreas Krebs fotografiert.

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Sebastian wartet auf Post unter Sebastiand@rp-online.de.


 
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