About a Boy: Leonard Cohen und ich
VON SEBASTIAN DALKOWSKI - zuletzt aktualisiert: 22.02.2008 - 00:01Köln (RPO). Unser Kolumnist trifft Leonard Cohen regelmäßig auf der Treppe. Aus Bewunderung wird Ernücherung, als Cohen Graubrot braucht.
Sebastian wartet auf Post unter Sebastiand@rp-online.de.
Wenn ich von der Arbeit komme, sitzt manchmal Leonard Cohen vor der Haustür, raucht und grinst so, dass Frauen automatisch schwanger werden. Gestern fragte er mich, ob ich ihm ein Graubrot aus dem Supermarkt mitbringen könne. Für 59 Cent. Na Mensch, dachte ich, der Kerl war aber auch schon mal jünger. Zum Beispiel 1968, als er dieses Album veröffentlichte, das mit einem Eskimo endet, der sich halb zu Tode friert wegen dieser Frau, und mit Leo, der sehr dringend mit dieser Frau schlafen will („Oh please let me come into the storm“).
Leicht enttäuscht nickte ich. „Graubrot, klar. Kein Problem.“ Er zeigte auf ein Klingelschild. „Dann musst du da drücken.“ Ich las: M-I-K-I-L-I-Z. Die Zahl der Buchstaben, die der Name mit Cohen teilte, hielt sich in Grenzen. Da musste etwas dahinter stecken. Vermutlich demonstrierte Cohen gerade in einer verrückten Aktion Verbundenheit mit den Kroaten oder den Bosniern oder sonstigen Balkanvölkern. Hatte der Kosovo nicht gerade seine Unabhängigkeit erklärt? Cohen, dieses alte Schlitzohr. Einmal nicht aufgepasst, da machte er prompt auf Polit-Onkel. Das war der Mann, der Eskimos frieren ließ.
Zwei Sekunden später gab ich auf, mir etwas vorzumachen. Natürlich war das nicht Leo Cohen, nicht einmal sein Bruder oder sein Gärtner. Es war einfach nur Herr Mikiliz, der aber bei günstigem Licht wirklich Ähnlichkeit mit Leonard Cohen hat. Vor allem deshalb, weil ich dann überall erzählen kann, dass Leonard Cohen über denselben Flur geht wie ich und dieselbe Etagentoilette mit der kaputten Spülung benutzt.
Leider tut Herr Mikiliz nicht viel dafür, wie Cohen auszusehen. Immer trägt er kurze, bunte Hosen – Cohen in kurzen, bunten Hosen, einfach unvorstellbar - und aus diesen Hosen kommen blasse Streichholzbeine mit Haaren. Außerdem muss er ständig husten und jedes Husten zeigt an, wie viele Nägel er sich schon in seinen Sarg getrieben hat. Gitarre spielen kann er vermutlich nur leidlich, mit seinem Grinsen kommt er nicht rüber wie ein Frauenheld sondern wie ein Schlagersänger. Und nicht einmal in seinen besten Tagen käme er auf die Idee, Eskimos frieren zu lassen.
Sein 59-Cent-Graubrot habe ich ihm trotzdem gebracht. Er gab mir 60. Diese Rockstars haben es ja.
Sebastian Dalkowski veröffentlicht jeden Freitag seine Kolumne "About a Boy". Seine bessere Gesichtshälfte hat Andreas Krebs fotografiert.
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