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About a Boy
Macht doch mit meinen Daten, was Ihr wollt
About a Boy: Macht doch mit meinen Daten, was Ihr wollt
Symbolbild. Hat irgendwas Facebook-Kritisches zu bedeuten. FOTO: Joerg Koch / dapd (Archiv)
Düsseldorf. Wer seine Daten im Internet schützen will, muss ständig neue Häkchen setzen und Geschäftsbedingungen lesen. Gerade hat Facebook wieder heimlich irgendwas gemacht. Unser Kolumnist hat darauf keine Lust mehr und resigniert. Von Sebastian Dalkowski

Als ich elf Jahre alt war, begann ich, ein Heft zu führen, das ich mit einem Vorhängeschloss schützte. In das schrieb ich einmal in der Woche, welche Mädchen aus meiner Klasse ich am süßesten fand. Dann war dort zu lesen: 1. Eva, 23 Prozent / 2. Vera, 19 Prozent / 3. Britta, 15. Prozent etc. Es standen dort auch Liebesschwüre und solche Dinge drin. Niemand bis auf einen Freund durfte das Heft lesen. Es ist gut, dass ich es heute nicht mehr besitze, es wäre mir sehr peinlich.

Als ich 25 Jahre alt war, meldete ich mich bei Facebook an. Mir war nicht ganz klar, wozu es gut sein sollte. Nur wenige Wochen später wusste ich nicht mehr, wie ich es ohne aushalten sollte. Ich gab meinen richtigen Namen an, mein Geburtsdatum, meine Handynummer, meine Lieblingsmusiker, meine Lieblingsserie, meine Lieblingsbücher. Ich äußerte meine Ansichten zu allen möglichen Themen von der iranischen Atombombe bis zu den Heimspielen von Bayern München.

Wenn es Facebook – und Facebook steht stellvertretend für alle Internetseiten, die viele Daten erheben, ich will sie nur nicht alle aufzählen – wenn es Facebook also schon gegeben hätte, als ich elf war, wäre es ein Mann gewesen. Dieser Mann hätte gesagt: „Es ist doch nicht nötig, dass du das Heft abschließt. Wenn du ehrlich bist, hättest du doch nichts dagegen, wenn bestimmte Leute dein Heft lesen.“

Mama zahlt Geld

Dann hätte der Mann vorgeschlagen: „Lass doch das Schloss einfach weg. Gib mir eine Liste von Leuten, die ins Heft gucken dürfen und ich kontrolliere das dann für dich.“ „Und was hast du davon?“ „Ach, lass das mal meine Sorge sein.“

Und natürlich hätte der Mann auch Menschen das Heft lesen lassen, die nicht auf der Liste standen, zum Beispiel meiner Mutter, die wissen wollte, in wen sich der Junge denn nun schon wieder verliebt hatte. Dafür hätte sie allerdings Geld zahlen müssen an den Mann.

Ja, mir ist auch klar, dass das bei den sozialen Netzwerken dann so einfach auch nicht läuft, aber eines ist doch sicher: Ich bezahle Facebook nicht mit Geld, sondern mit Daten, mit denen es dann Geld verdient. Je mehr Daten Facebook von mir sammelt, desto mehr Geld verdient es mit mir. Es fordert mich deshalb ununterbrochen auf, weitere Datenspuren zu hinterlassen.

Wie ist Unsinn definiert?

Offiziell sagen die Netzwerke natürlich: „Der User hat die Kontrolle über seine Daten, wir stellen keinen Unsinn damit an.“ Die Frage ist nur: Wie ist Kontrolle definiert? Wie ist Unsinn definiert?

Immer wieder gehen diese Kettenpostings durchs Internet. Facebook habe die und die Bestimmungen geändert. Um seine Daten zu schützen, müsse man da und da einen Haken setzen. Am Anfang habe ich das noch gemacht. Ich wollte nicht, dass Facebook meine Daten nutzt, um Geld damit zu verdienen. Ich wollte keine auf meine Person zugeschnittene Werbung. Ich wollte nicht, dass irgendwer Einsicht in meine Daten hat, der das nicht haben soll, nicht mein Chef, nicht Coca Cola. Ich wollte alles für mich behalten.

Ich habe aufgegeben.

Es ist mir zu anstrengend geworden, ständig Haken zu setzen und Geschäftsbedingungen zu studieren. Facebook will an meine Daten und wenn es das will, findet es auch Wege, weil sonst das Geschäftsmodel gefährdet ist. Diese Wege sind legal, aber es sind Schleichwege, von deren Existenz ich nichts weiß. „Sie haben gesagt, wir dürfen Ihre Daten nicht nutzen. Wir nutzen Sie ja auch nicht. Wir verwenden Sie bloß.“ So in der Art.

Ich hätte mich bei Facebook abmelden können, um denen zumindest keine neuen Daten zu geben. Die Illusion, die alten löschen zu können, habe ich ohnehin nicht. Doch ich habe mich anders entschieden. Ich habe mich entschieden, meine Daten nicht mehr vor Leuten zu schützen, die keinen Zugang haben sollen. Ich lasse meine Daten frei. Ich tue dies nicht aus Überzeugung, nicht in dem Gefühl, etwas zu tun, das mir mehr hilft als schadet. Ich brauche keine personalisierte Werbung. Ich tue es, weil ich resigniert habe. Weil ich überzeugt bin, dass es unmöglich ist, meine Daten zu schützen. Sollen sie doch damit machen, was sie wollen. Sollen sie doch alle wissen, dass Henrik Ibsen mein Lieblingsdramatiker ist. Sollen sie doch wissen, dass ich die Angst vor der iranischen Atombombe unangemessen groß finde. Sollen es doch alle wissen und alle für ihre Zwecke nutzen.

Kein Wort über meine Steuererklärung

Doch diese Resignation hat Folgen für die Daten, die ich im Internet hinterlasse. Wenn ich weiß, dass nur die Leute sehen, was ich schreibe, von denen ich will, dass sie es sehen, schreibe ich persönliche Dinge. Wenn ich aber damit rechne, dass alle mitlesen, veröffentliche ich nichts, aus dem mir später jemand einen Strick drehen könnte. Nichts über den Chef. Nichts über die Steuererklärung. Nichts darüber, wen ich jetzt echt mal gerne umbringen würde. Ich veröffentlich nichts, was ich nicht auch auf dem Marktplatz ausrufen würde, ohne rot zu werden.

Wer wissen will, ob ich Eva noch immer 23 Prozent gebe, der muss schon sehr gut mit mir befreundet sein.

Quelle: seeg
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